Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

28.08.2017, Georg-August-Universität Göttingen
Von Bakterien bis zu Vögeln: tropische Plantagen zerstören Biodiversität
Ein Forscherteam der Universität Göttingen hat in einer groß angelegten Studie untersucht, wie sich die Umwandlung von tropischem Regenwald zu Kautschuk- und Ölpalm-Plantagen auf die Biodiversität der betroffenen Ökosysteme auswirkt. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fanden heraus, dass sowohl die Anzahl der Tier- und Pflanzenarten als auch die Anzahl der individuellen Tiere und Pflanzen abnimmt, insbesondere bei Tieren, die sich räuberisch ernähren. Darüber hinaus stellten sie fest, dass die Interaktion zwischen den verschiedenen Organismen reguliert, wie das gesamte Ökosystem auf die Umwandlung reagiert. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Nature Ecology and Evolution erschienen.
Tropische Regenwälder sind durch die weltweite Nachfrage nach Produkten wie Pflanzenöl und Kautschuk bedroht. Die Umwandlung dieser tropischen „Biodiversitäts-Hotspots“ in landwirtschaftliche Plantagen hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Südostasien stark zugenommen – mit enormen Konsequenzen für die Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren wie Insekten und Vögeln. Die verschiedenen Organismen interagieren dauernd miteinander, insbesondere, indem sie einander fressen – zum Beispiel wenn sich Insekten von Pflanzen ernähren und Vögel wiederum von diesen Insekten. Wenn also eine dieser Gruppen direkt unter den Folgen der Regenwaldzerstörung leidet, wirkt sich das unter Umständen auch indirekt negativ auf andere Gruppen aus. Letzten Endes bestimmen die Interaktionen zwischen verschiedenen Arten, wie das gesamte Ökosystem auf die Störung reagiert.
Die Wissenschaftler untersuchten nun die unmittelbaren und indirekten Folgen einer veränderten Landnutzung auf Sumatra. Dafür sammelten sie Daten für ein breites Spektrum an Organismen, darunter Pflanzen, Vögel, wirbellose Tiere und Bakterien. Für diese registrierten sie die Anzahl der Arten sowie der einzelnen Individuen auf verschiedenen Versuchsflächen. Diese Flächen befanden sich jeweils entweder im Regenwald, in Gebieten mit Mischpflanzungen aus Kautschuk und ursprünglichen Regenwaldpflanzen oder in solchen mit Monokulturen aus Kautschuk oder Ölpalm. Dabei stellten die Forscher fest, dass die Artenvielfalt in den untersuchten Monokulturen bis zu 65 Prozent niedriger als auf den Regenwaldflächen war. Ursache dafür sind sowohl direkte Auswirkungen der landwirtschaftlichen Nutzung, beispielsweise die Abnahme der Insektenzahlen durch Pestizide, als auch indirekte durch Veränderungen auf den unteren Nahrungsebenen. So stellten sie beispielsweise fest, dass in den Monokulturen die Artenvielfalt von wirbellosen Tieren, die sich von Tausendfüßlern oder Kakerlaken ernähren, abnahm, was wiederum Folgen für die Spinnen hat, die sich von wirbellosen Tieren ernähren.
„Wenn wir die verschiedenen taxonomischen Gruppen gleichzeitig betrachten, ist die Reaktion eines Ökosystems auf veränderte Landnutzung extrem komplex“, erläutert Dr. Andrew D. Barnes, einer der beiden Erstautoren der Studie. Dr. Kara Allen, die andere Erstautorin, betont: „Unsere Ergebnisse geben einen wichtigen Einblick in die Art und Weise, wie komplette Ökosysteme auf menschliche Störungen reagieren. Gleichzeitig zeigen sie aber auch, dass wir darüber, wie diese vielfältigen Systeme funktionieren, noch viel lernen können.“
Wenn natürliche Ökosysteme durch menschliche Eingriffe gestört werden, sterben die größeren Spezies auf den oberen Nahrungsebenen in der Regel als erstes aus. Die Forscher konnten mit ihrer Studie diese Theorie bestätigen: Die räuberischen Tiere hatten am stärksten mit den Auswirkungen der Regenwaldzerstörung zu kämpfen, weil sie sowohl direkt als auch indirekt über ihre Nahrung betroffen waren. „Wir konnten zeigen, auf welche Gruppen es ankommt, um ein Ökosystem aufrecht zu erhalten. Dies ist eine gute Grundlage für künftige Forschung über die Auswirkungen der menschlichen Landnutzung“, sagt Seniorautor Prof. Dr. Ulrich Brose, Leiter der Forschergruppe am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiV) und der Universität Jena.
Die Studie wurde im Rahmen des Sonderforschungsbereichs (SFB) „Ökologische und sozio-ökonomische Funktionen tropischer Tieflandregenwald-Transformationssysteme (Sumatra, Indonesia)“ (EFForTS) durchgeführt, einer Kooperation der Universität Göttingen und verschiedener Wissenschaftseinrichtungen in Indoenesien. Der SFB wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Weitere Informationen sind im Internet unter www.uni-goettingen.de/de/310995.html zu finden.
Originalveröffentlichung: Andrew D Barnes, Kara Allen et al. Direct and cascading impacts of tropical land-use change on multi-trophic biodiversity. Nature Ecology and Evolution 2017. Doi: 10.1038/s41559-017-0275-7.

28.08.2017, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Puppenstuben gesucht – Blühende Wiesen für Sachsens Schmetterlinge
Heute wurde das Projekt „Puppenstuben gesucht – Blühende Wiesen für Sachsens Schmetterlinge“ mit der UN-Dekade „Biologische Vielfalt“ in Anwesenheit des Staatsministers für Umwelt und Landwirtschaft Sachsens Thomas Schmidt im Senckenberg Museum für Tierkunde ausgezeichnet. Das Projekt setzt sich für „Schmetterlingswiesen“ – teilweise ungemähte Grünflächen in Städten – ein. Seit dem Projektstart vor drei Jahren entstanden dank der Initiative 170 neue Lebensräume für Tagfalter. Die Auszeichnung erhalten Projekte, die sich in nachahmenswerter Weise für den Erhalt der biologischen Vielfalt einsetzen.
Motorsägen, Laubbläser, Pestizide und Dünger – moderne Technik und Chemie kommen ständig auf den Grünflächen in Städten und Gemeinden zum Einsatz. „Diese vermeintliche Ordnung des Menschen bedeutet für viele Arten den Verlust ihres Lebensraumes – und für uns Menschen bedeutet dies den Verlust von ‚Ökosystemdiensteistungen’, wie etwa Bestäubung“, erklärte Prof. Dr. Dr. hc. Volker Mosbrugger, Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung bei der heutigen Auszeichnungsverleihung und ergänzte: „In Sachsen sind bereits 13 Prozent der Tagfalterarten ausgestorben – noch einmal so viele sind vom Aussterben bedroht.“
Die Abnahme der Schmetterlingsarten führt zu weiteren Problemen: Singvögel, die ihre Jungen mit Raupen füttern und Fledermäuse, die sich hauptsächlich von Nachfaltern ernähren verlieren ihre Nahrungsgrundlage.
Vor drei Jahren startete daher in Sachsen das Projekt „Puppenstuben gesucht – Blühende Wiesen für Sachsens Schmetterlinge“. Es widmet sich der zu intensiven Mahd von Grünflächen in Städten und Dörfern und ruft dazu auf, eine Fläche im Jahr nur zwei- bis dreimal zu mähen und bei jeder Mahd 10 bis 30 Prozent der Fläche ungemäht zu belassen. Heute erhielt die Initiative für ihr Engagement den Titel „Ausgezeichnetes Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt“.
Sachsens Staatsminister für Umwelt und Landwirtschaft Thomas Schmidt überreichte die Auszeichnung und sprach über die Erfolge des Projektes: „Den ‚Schmetterlingswiesen’ haben sich Privatpersonen, Schulen, Kindergärten, Unternehmen, Kommunen, Kleingartenvereine und weitere Akteure verpflichtet, um die Tagfalter in Sachsen zu schützen. Derartige Projekte sind wichtig, um die Bürger für den Naturschutz und für den Erhalt der Artenvielfalt zu sensibilisieren.“
Und es sind bereits konkrete Ergebnisse zu verzeichnen: Seit Beginn des Projektes entstanden 170 Schmetterlingswiesen in Sachsen – bei jeder Mahd bleibt hier ein Teil der Fläche ungemäht. „Die Schmetterlinge kommen zurück“, freut sich Dr. Matthias Nuß, Initiator des Projektes und Leiter der Sektion Lepidoptera am Senckenberg Museum für Tierkunde und fügte hinzu: „Auf den Wiesen entwickeln sich Eier, Raupen und Puppen weiter; von dort aus können die Falter die zuvor gemähten Bereiche wieder besiedeln.“
Auf der Projekt-Webseite www.schmetterlingswiesen.de gibt es viele Tipps zur Wiesenpflege, Wissenswertes über Tagfalter und ihre Nahrungspflanzen. Die „Wiesenpfleger“ schreiben in ihren Blogs, welche Erfahrungen sie gemacht haben; zudem können sie ein Schmetterlingswiesenschild bestellen, das im Stadtbild auf das Projekt aufmerksam macht.
Wer wissen möchte, welche Tagfalterarten auf seiner Wiese fliegen, erfährt dies mit einer kostenlosen App. Arten lassen sich mit deren Hilfe interaktiv auf dem Smartphone bestimmen und Beobachtungen können mitgeteilt werden. „Die Einbindung von Bürgerwissenschaftlern hat bei Senckenberg eine lange Tradition – unsere Gesellschaft wurde einst vor 200 Jahren von Frankfurter Bürgern gegründet und auch heute noch sind sie ein wichtiger Bestandteil unserer Forschungs- und Sammlungstätigkeit“, so Mosbrugger.
Das Projekt „Puppenstuben gesucht – Blühende Wiesen für Sachsens Schmetterlinge“ entstand als Kooperation zwischen der Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt, Naturschutzfonds, dem Senckenberg Museum für Tierkunde Dresden, dem Naturschutzbund Deutschland (NABU), Landesverband Sachsen e. V., dem Deutscher Verband für Landschaftspflege (DVL), Landesverband Sachsen e. V. und dem Landschaftspflegeverband Torgau-Oschatz e. V. Das Projekt wird unterstützt aus Zweckerträgen der Lotterie Glücksspirale.
Die Auszeichnung ist eine der Aktivitäten zur UN-Dekade Biologische Vielfalt, die von den Vereinten Nationen für den Zeitraum von 2011 bis 2020 ausgerufen wurde. Ziel der internationalen Dekade ist es, den weltweiten Rückgang der biologischen Vielfalt aufzuhalten. Dafür strebt die deutsche UN-Dekade eine Förderung des gesellschaftlichen Bewusstseins in Deutschland an.

30.08.2017, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ
Hoffnung auf mehr Schutz für den Netzpython
Der Handel mit Häuten des Netzpythons ist ein so lukratives Geschäft, dass illegale Exporte stark zunehmen und bestehende Handelsbeschränkungen im großen Stil umgangen werden. Das gefährdet die Stabilität der Bestände. Wissenschaftler des UFZ und der Royal Zoological Society Scotland (RZSS) entwickeln deshalb genetische Methoden, um der individuellen Herkunft der Reptilien und potenziellen Handelswegen der Häute auf die Spur zu kommen. Erste Ergebnisse sind nun im renommierten Fachjournal PlosOne publiziert.
Der Netzpython (Malayopython reticulatus ssp.) hält zwei Rekorde: Er ist das weltweit längste Reptil, und er zählt zu den weltweit meist gehandelten hautliefernden Reptilienarten. Netzpythonhäute werden seit zirka 80 Jahren kommerziell gehandelt. Sie sind eine äußerst lukrative natürliche Ressource für die internationale Modeindustrie. Allein Indonesien, Malaysia und Vietnam exportierten im Zeitraum von 2002 bis 2012 fast vier Millionen Häute des Netzpythons; mindestens 75 Prozent davon stammten aus „legalen“ Wildfängen. Der intensive internationale Kommerz stellt jedoch die Legalität und Nachhaltigkeit dieses Handels infrage, der eigentlich im Washingtoner Artenschutzübereinkommen CITES für den Netzpython geregelt ist. Denn der Netzpython ist eine von zirka 34.000 Arten des CITES-Anhangs II, deren Handel nur mit speziellen Dokumenten legal ist. In der Realität sei die Handelsdynamik des Netzpythons jedoch fast nicht überschaubar, sagt Dr. Mark Auliya, der sich am UFZ als Experte für den angewandten Artenschutz mit dem internationalen Wildtierhandel befasst, und als solcher auch die Weltnaturschutzunion (IUCN), das Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES) sowie wissenschaftliche Behörden und Zollstellen berät. Managementansätze auf regionaler und nationaler Ebene sind seiner Meinung nach kaum vorhanden. Einige Unternehmen der Modeindustrie sehen sich daher in die Pflicht genommen und unterstützen Forschungsprojekte, wie das des UFZ-Biologen und seiner schottischen Kollegin Dr. Gillian Murray-Dickson, das den Ursprung der Häute innerhalb der Handelskette verifizieren und so den illegalen Handel reduzieren will.
Die Wissenschaftler gingen der Frage nach inwieweit die evolutionären Beziehungen zwischen den Populationen für das Management von Fangquoten herangezogen werden können. Hierfür analysierten sie mitochondriale DNA von Netzpythons aus verschiedensten Regionen ihres Verbreitungsgebietes. Dabei zeigte sich eine deutliche Separierung von Populationen westlich und östlich der sogenannten „Wallace Linie“. Diese imaginäre biogeografische Linie verläuft auf dem Malaiischen Archipel und trennt Gebiete mit ausschließlich asiatischer Fauna von Gebieten, die neben asiatischen auch Faunenelemente australischen Ursprungs enthalten. Die Ergebnisse zeigen außerdem, dass sich die Netzpythonpopulationen der Philippinen von anderen Populationen der Sundaregion unterscheiden lassen und dass die Art wahrscheinlich auf die Molukkeninsel Ambon vom Menschen eingeschleppt wurde.
Diese Erkenntnisse sollen zum einen dazu beitragen, die genetische Vielfalt der Pythons nachhaltig zu schützen. „Wenn die Tiere einer bestimmten Region eine ganz eigene genetische Variation haben, muss diese Population gesondert gemanagt werden“, erklärt Mark Auliya. Dazu kann man zum Beispiel angepasste Fang- und Exportquoten festsetzen oder gegebenenfalls ein Handelsverbot verhängen.
Zum anderen können die genetischen Untersuchungen helfen, die Angaben des Erstexportlandes (unter der Annahme, dass dieses auch Ursprungsland ist) oder des in den CITES-Papieren angezeigten Ursprungslandes zu überprüfen – also zum Beispiel um festzustellen, ob die importierten Häute tatsächlich wie angegeben aus den Philippinen oder aus einer anderen Region stammen. Das würde den Vollzug des internationalen Regelwerks erleichtern und die illegalen Machenschaften erheblich einschränken.
Das Forschungsprojekt wurde durch den Konzern Moët Hennessy Louis Vuitton (LVMH) finanziell unterstützt. Er ist der weltweit führende Anbieter von Luxusgütern, darunter auch Reptilienlederprodukte.
Publikation:
Gillian Murray-Dickson, Muhammad Ghazali, Rob Ogden, Rafe Brown, Mark Auliya: Phylogeography of the reticulated python (Malayopython reticulatus ssp.): Conservation implications for the worlds’ most traded snake species, https://doi.org/10.1371/journal.pone.0182049

31.08.2017, Universität Wien
Pfeilgiftfrösche in „Unterhosen“
Pfeilgiftfrösche sind bekannt für ihre elterliche Fürsorge. Sie legen ihre Eier an Land, und transportieren ihre Kaulquappen nach dem Schlüpfen auf dem Rücken ins Wasser, damit sie sich dort weiterentwickeln können. Dies ist keine leichte Aufgabe, da passende Gewässer oft weit im Regenwald verstreut sind. Ein Forschungsteam der Universität Wien um Kristina Beck hat Pfeilgiftfrösche beim Transport der Kaulquappen begleitet, indem sie die Tiere mit einem Sender in einer „Unterhose“ ausstatteten. Dabei fanden die WissenschafterInnen heraus, dass die Frösche ein gutes räumliches Gedächtnis haben: Sie bewegen sich auf erstaunlich direktem Weg auch zu weit entfernten Wasserstellen.
Während der Brutsaison in Französisch-Guyana haben es die Männchen der Pfeilgiftfroschart Allobates femoralis nicht leicht: Sie verteidigen ihr Territorium gegen Eindringlinge, versuchen sich mit möglichst vielen Weibchen zu paaren und müssen sich auch noch um den Nachwuchs kümmern. Wenn die Männchen ihre Kaulquappen zu Kleinstgewässern transportieren, legen sie dabei oft weite Strecken bis zu 200 Meter zurück, denn passende Wasserstellen sind schwer auffindbar und verstreut.
Wie also finden die nur zwei Zentimeter großen Tiere gute Brutplätze in der komplexen Umgebung des Regenwalds? Die Biologin Kristina Beck, mittlerweile PhD-Studentin am Max Planck Institut für Ornithologie in Deutschland, formulierte für ihre Studie an der Universität Wien folgende Hypothese: Wenn die Frösche schon einmal auf dem Weg sind, wäre es denkbar, dass diese während oder nach dem Kaulquappentransport den Hin- und Rückweg nutzen, um die Umgebung zu erkunden. Um das zu überprüfen, stattete das Forschungsteam Frösche, die bereits Kaulquappen auf ihrem Rücken trugen, mit kleinen „Unterhosen“ aus, welche die Ortung durch Radiowellen ermöglichte. Damit konnten die BiologInnen die Amphibien auf ihrem Weg durch den Regenwald verfolgen. „Zusätzlich versuchten wir, die Tiere auch zum Suchen von neuen Brutplätzen zu animieren, indem wir einige der künstlich bereitgestellten Wasserstellen entfernten, die sie davor zum Ablegen der Kaulquappen benutzt hatten“, erklärt die Erstautorin der Studie.
Die Telemetriedaten zeigten jedoch, dass sich alle Frösche auf sehr direktem Weg zu den Wasserstellen und wieder zurück zu ihren Territorien bewegten. Mit der gleichen Geradlinigkeit wanderten einige auch zu jenen Plätzen, an denen zu Beginn der Studie künstliche Pools entfernt wurden. „Diese Beobachtungen beweisen, dass die Frösche bei der Suche nach Wasserstellen ihr räumliches Erinnerungsvermögen nutzen“, so die Biologin. Die ForscherInnen fanden jedoch im Verhalten der Tiere keinen Hinweis, der auf das Suchen neuer Brutplätze hingedeutet hätte. Auch das Entfernen einiger bekannter Wasserstellen änderte dabei nichts an deren Verhalten. „Wir haben sogar Frösche beobachtet, die wiederholt zur selben Stelle liefen, an der sich zuvor ein Pool befunden hatte“, erzählt Beck. Die Frösche scheinen also ihre Information über verfügbare Brutplätze nicht zu aktualisieren.
„Wir vermuten, dass die Suche nach neuen Wasserstellen während der Brutsaison zu aufwändig für die Männchen ist, da sie ihr Territorium verlieren oder die Chancen auf zusätzliche Paarungen verpassen könnten. Sie agieren gemäß einem Kosten-Nutzen-Verhältnis“, so Beck. Wann und wie die Frösche Information über geeignete Wasserstellen sammeln, bleibt somit weiterhin ein Rätsel. Beck: „Möglich wäre, dass dies bereits während der Jugendphase der Frösche stattfindet“.
Publikation in “PeerJ”:
Beck, K.B., Loretto, M.-C., Ringler, M., Hödl, W. & Pašukonis, A. (2017). Relying on known or exploring for new? Movement patterns and reproductive resource use in a tadpole-transporting frog. PeerJ, 5: e3745
Doi: 10.7717/peerj.3745
https://peerj.com/articles/3745/

01.09.2017, Deutsches Primatenzentrum GmbH – Leibniz-Institut für Primatenforschung
Gestresste Mausmakis sterben früher
Wissenschaftler am Deutschen Primatenzentrum untersuchen den Zusammenhang zwischen Stress und Überlebenschancen bei Lemuren
Chronischer Stress hat auch einen negativen Einfluss auf die Gesundheit und damit auf die Überlebenschancen unserer nächsten Verwandten. Das haben Wissenschaftler des Deutschen Primatenzentrums (DPZ) – Leibniz-Institut für Primatenforschung und der Universität Göttingen in einer Studie mit freilebenden Lemuren in Madagaskar herausgefunden. Demnach korrelieren dauerhaft erhöhte Konzentrationen des Stresshormons Cortisol in den Haaren von Grauen Mausmakis (Microcebus murinus) mit einer begrenzten Lebenserwartung. Dies zeigte sich vor allem in der Fortpflanzungszeit, die für die Tiere einen zusätzlichen Energieaufwand bedeutet. Mausmakis mit einer guten körperlichen Kondition hatten zwar allgemein bessere Überlebenschancen, waren jedoch aufgrund höherer Anforderungen während der Jungenaufzucht ebenfalls beeinträchtigt. Einen Zusammenhang zwischen parasitärem Befall der Tiere und Überlebenswahrscheinlichkeit konnten die Wissenschaftler dagegen nicht feststellen. Der Cortisol-Wert aus Ablagerungen in Haaren ist demnach besser geeignet, die Gesundheit von freilebenden Lemuren abzuschätzen, als andere bislang verwendete Parameter. Die Studie wurde in der Zeitschrift BMC Ecology veröffentlicht.
Graue Mausmakis sind baumbewohnende Lemuren, die in den Wäldern Madagaskars leben. Die nachtaktiven Tiere wiegen durchschnittlich 60 Gramm und gehören damit zu den kleinsten Vertretern unter den Primaten. Die Wissenschaftler des Deutschen Primatenzentrums studieren die Mausmakis seit über 20 Jahren an einer Freilandstation im Kirindy-Wald an der Westküste Madagaskars.
Um nachzuweisen, dass chronischer Stress einen negativen Einfluss auf das Überleben der Tiere hat, verfolgten die Forscher von 2012 bis 2014 eine Population Grauer Mausmakis im Kirindy-Wald. Neben den Cortisol-Werten in den Haaren wurden auch die körperliche Kondition – gemessen als Verhältnis zwischen Körpergewicht und Größe – sowie der Befall der Tiere mit Parasiten von den Wissenschaftlern in bis zu 171 Tieren gemessen. In einer Sub-Population von 48 Mausmakis wurden alle drei Gesundheitsindikatoren in Beziehung zur Überlebenswahrscheinlichkeit über die Fortpflanzungszeit betrachtet.
Mausmakis mit niedrigen Cortisol-Werten in den Haaren wiesen eine 13,9 Prozent höhere Überlebenswahrscheinlichkeit auf als solche mit hohen Cortisol-Konzentrationen. Tiere, die eine gute körperliche Kondition hatten, überlebten zu 13,7 Prozent besser als Artgenossen mit einem schlechten körperlichen Zustand. Weibchen überlebten zudem eher als Männchen. Bei Mausmakis, die mit Parasiten infiziert waren, konnten die Forscher keinen Zusammenhang zur Überlebenswahrscheinlichkeit feststellen.
„Die Konzentration an Stresshormonen wird oft als Anzeiger für Gesundheit und Fitness herangezogen“, sagt der Erstautor der Studie Josué Rakotoniaina. „Unsere Untersuchung ist aber eine der ersten, die einen Zusammenhang zwischen chronischem Stress und Überleben in einer freilebenden Lemurenpopulation zeigt.“
Die Forscher betonen außerdem, dass besonders in der Paarungszeit Stress eine wichtige Rolle spielt, vor allem für männliche Mausmakis. Gestresste Tiere sind häufig nicht in der Lage, mit der zusätzlichen energetischen Belastung während der Paarungszeit adäquat umzugehen.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Cortisol-Konzentration in den Haaren ein besserer Indikator für das Überleben und damit für die Gesundheit der Tiere ist, als andere Parameter“, so Rakotoniaina. „Cortisol wird vom Haar während des Wachstums aufgenommen. Das erlaubt uns eine Analyse der Konzentration über eine längere Zeitspanne und nicht nur zu einem bestimmten Zeitpunkt.“
Obwohl der genaue Mechanismus, durch den Cortisol im Haar aufgenommen wird, noch nicht vollständig bekannt ist, und die Studie keine Rückschlüsse auf die Ursachen der Sterblichkeit zulässt, deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die Cortisol-Konzentration in den Haaren ein wichtiger Indikator für die Gesundheit freilebender Lemuren und anderer Säugetierarten sein kann. „Die Erkenntnisse könnten den Schutz der Tiere erleichtern, da die Cortisol-Konzentration ein wesentliches Instrument darstellt, mit dem man Probleme innerhalb der Populationen effizient erkennen und letztlich die Reaktionen der Lemuren auf Umweltveränderungen vorhersagen könnte“, sagt Josué Rakotoniaina.
Originalpublikation
Rakotoniaina JH, Kappeler PM, Kaesler E, Hämäläinen AM, Kirschbaum C, Kraus C (2017): Hair cortisol concentrations correlate negatively with survival in a wild primate population. BMC Ecology 2017 DOI: 10.1186/s12898-017-0140-1

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