Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

05.09.2017, Justus-Liebig-Universität Gießen
Wisente und Borkenkäfer im Urwald von Białowieża
Historische Studie der Universität Gießen beschäftigt sich mit letztem europäischen Flachland-Urwald – Aktuelle Konflikte um Baumfällungen in Polen
Vordergründig geht es um den Borkenkäfer, doch der eigentliche Konflikt geht tiefer: Passend zum aktuellen Streit um die Baumfällungen im polnischen Teil des Urwalds von Białowieża hat der Osteuropa-Historiker Prof. Dr. Thomas Bohn der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) das DFG-Forschungsprojekt „Der Białowieża-Nationalpark. Mensch, Tier und Umwelt in der polnisch-weißrussischen Grenzregion“ abgeschlossen. In dem Buch „Wisent-Wildnis und Welterbe. Geschichte des polnisch-weißrussischen Nationalparks von Białowieża“ beschreiben Bohn und seine Co-Autoren die wechselvolle Geschichte des Waldes, der als letzte Zufluchtsstätte des Wisents gilt, von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart.
Das Buch erscheint zu einem Zeitpunkt, da der Wald immer wieder in die Schlagzeilen gerät: In einer einstweiligen Anordnung hat der Europäische Gerichtshof der polnischen Regierung Baumfällungen in dem Urwald bis auf weiteres untersagt. Dieser Anordnung ist die polnische Regierung trotz massiver Proteste von Umweltschützern bislang nicht nachgekommen und verweist darauf, dass sie mit den Eingriffen in den Baumbestand des als UNESCO-Weltnaturerbe ausgezeichneten Waldes lediglich den Borkenkäfer bekämpft.
Um die aktuellen Konflikte einordnen zu können, hilft ein Blick in die Vergangenheit. Insbesondere das 20. Jahrhundert mit seinen zahlreichen machtpolitischen Wandlungen macht deutlich, wie unter den verschiedenen Regierungen mit der Natur als Ressource und Reservat umgegangen wurde. Internationale Bedeutung erlangte der letzte Flachland-Urwald Europas zunächst als Jagdgebiet für polnische Könige und russische Zaren, dann als polnischer und belarussischer Nationalpark und schließlich als UNESCO-Welterbe.
Seit dem 18. Jahrhundert galt der Wald von Białowieża als Refugium des Wisents, des größten Landsäugetiers Europas. Im Ersten Weltkrieg wurde die Art nahezu ausgerottet, in der Zwischenkriegszeit wieder rückgezüchtet und nach dem Zweiten Weltkrieg erneut ausgewildert. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Wald, der sich über ein Gebiet von 1500 Quadratkilometern erstreckt, zwischen Polen und Weißrussland geteilt.
Thomas Bohn, Aliaksandr Dalhouski und Markus Krzoska zeigen in ihrer Monographie, wie dem Wald im Jahre 2009 eine über 600-jährige Traditionslinie staatlichen Naturschutzes auferlegt wurde. Das Buch setzt sich mit konkurrierenden Konzepten zu dem 1932 in der Zweiten Polnischen Republik gegründeten und 1991 durch die Republik Belarus erweiterten Nationalparks auseinander.
Während des Ersten und des Zweiten Weltkrieges hatten sowohl die letzte Wisentpopulation als auch der jahrhundertealte Baumbestand noch die Wildnis- und Kolonialismus-Phantasien der deutschen Besatzer beflügelt. Im sowjetischen Teil hatte ein exklusiver Staatsforst der politischen Elite seit 1957 als Jagdgebiet gedient. Im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hielten schließlich internationale Biodiversitätsprogramme und Nachhaltigkeitskonzepte Einzug. Über die Schiene des Tourismus sollten sie auch der Regionalentwicklung förderlich sein.
„Rund um den Urwald Białowieża ist mittlerweile eine bizarre Situation entstanden“, erklärt Prof. Bohn. „Die Diktatur Weißrussland, die ihren Teil des Waldes komplett unter Schutz gestellt hat, tritt in Sachen Naturschutz als Musterschüler auf, während Polen – als einer der ersten Repräsentanten der EU-Osterweiterung – in der Pose kolonialistischer Eroberer Raubbau an der Natur betreibt.“
Im Unterschied zur historischen Perspektive kommt aus heutiger Sicht nicht mehr dem Wisent, sondern dem Borkenkäfer der Status eines Königs des Urwalds zu. Der aktuelle Konflikt im polnischen Teil des Waldes gleicht den Verhältnissen der Jahre 2002 bis 2004 im weißrussischen Teil. In periodischen Abständen argumentiert die Lobby der Forstwirtschaft, so genannte „Sanitärhiebe“ seien ein Heilmittel gegen den Borkenkäfer. Tatsächlich ist der immer wieder epidemisch auftretende Befall auf Entwässerungsmaßnahmen der späten Zarenzeit und der 1960er Jahre zurückzuführen. Das Absinken des Grundwasserspiegels und die Versandung der Böden führte in vielen Arealen zum Siegeszug der Fichte, die für Borkenkäferbefall anfälliger ist.

06.09.2017, DEUTSCHE WILDTIER STIFTUNG
800 Fußballfelder für den Schreiadler: Wie die Deutsche Wildtier Stiftung gemeinsam mit Land- und Forstwirtschaft Deutschlands bedrohtesten Greifvogel schützt
Nein: Er kann nicht Fußball spielen! Obwohl er manchmal, wenn er zu Fuß seine Beute jagt, watschelt wie es einst Maradona tat, hat der Schreiadler rein gar nichts mit Fußball zu tun. Ganz im Gegenteil: Auf den wenigsten Fußballfeldern würden Schreiadler von Mäusen satt werden und überhaupt wäre ihnen der Rummel rund um den Platz viel zu lästig. Trotzdem ist kurzrasiges Grün für ihn überlebenswichtig, denn er jagt gerne auf frisch gemähten Wiesen. Und genau solche Lebensräume hat die Deutsche Wildtier Stiftung in einem Artenschutzprojekt für ihn in den vergangenen Jahren geschaffen. „Durch unser Projekt in Mecklenburg-Vorpommern haben wir fast 450 Hektar Lebensraum im Sinne des Schreiadlers gestaltet“, sagt Dr. Andreas Kinser von der Deutschen Wildtier Stiftung und ergänzt: „Das entspricht einer Fläche von etwa 800 Fußballfeldern.“
Um den Schreiadler in Deutschland vor dem Aussterben zu bewahren, hat die Deutsche Wildtier Stiftung seit 2010 gemeinsam mit Land- und Forstwirtschaft erprobt, wie bei der Flächenbewirtschaftung Rücksicht auf den Schreiadler genommen werden kann. Gefördert wurde dieses Projekt durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) und das Land Mecklenburg-Vorpommern. „Fast 1 Million Euro wurde in die Verbesserung der Schreiadler-Lebensräume investiert“, sagt Dr. Sandra Balzer vom Bundesamt für Naturschutz, die das Projekt begleitet hat. „Dafür wurden sowohl für das Nahrungshabitat der Schreiadler als auch für den Brutwald mit den Bewirtschaftern Nutzungsänderungen und entsprechende Ausgleichszahlungen vereinbart. Die erprobten Maßnahmen können nun zukünftig auch in anderen Brutgebieten des Schreiadlers in Deutschland angewandt werden“, so Balzer weiter.
Heute werden in den Untersuchungsgebieten im Naturpark Feldberger Seenlandschaft und im Landkreis Rostock insgesamt 149 Hektar Ackerland, 71 Hektar Grünland und 225 Hektar Wald im Sinne des Schreiadlers bewirtschaftet. Ackerkulturen wurden dafür nach der Ernte zum Beispiel für mehrere Jahre in Grünland umgewandelt. Auf diesen Flächen verzichten die Landwirte heute auf chemischen Pflanzenschutz und hohe Düngegaben. Hier leben viele Beutetiere des Schreiadlers und in der niedrigen Vegetation kann er sie erfolgreich jagen und seine Jungen im Sommer satt bekommen. Für den Wald wurde durch das Projekt gemeinsam mit der Landesforst von Mecklenburg-Vorpommern eine Richtlinie entwickelt und umgesetzt, durch die Brutwälder des Schreiadlers forstwirtschaftlich genutzt werden können und gleichzeitig den besonderen Ansprüchen des Schreiadlers genügen.

06.09.2017, Universität Wien
Der Kakadu hat (k)einen Haken: Schlaue Vögel biegen sich ihre Werkzeuge zurecht
Goffin-Kakadus benötigen in der freien Natur keine Werkzeuge. In Experimenten hat sich jedoch gezeigt, dass diese indonesische Kakadu-Art sehr wohl geschickt genug ist, solche einzusetzen. KognitionsbiologInnen der Universität Wien sowie der Veterinärmedizinischen Universität Wien um Isabelle Laumer und Alice Auersperg haben die Fähigkeit dieser Vögel, Werkzeug zu benutzen, untersucht und nachgewiesen, dass die Tiere verblüffenderweise Hakenwerkzeuge (sowie in einem weiteren Test Stoßwerkzeuge) herstellen, ohne jemals zuvor Haken gesehen oder benutzt zu haben.
Vor 15 Jahren verblüffte die Krähe Betty die Wissenschaftswelt: Britische ForscherInnen beobachteten, wie das Tier aus einem Draht einen Haken bog, um damit ein kleines Körbchen mit Futter aus einer Röhre zu angeln. Obwohl mittlerweile bekannt ist, dass Neukaledonische Krähen auch in freier Wildbahn Werkzeuge herstellen und verwenden und diese Fähigkeit bis zu einem gewissen Grad angeboren ist, wird Bettys spontanes Verhalten dennoch als bemerkenswertes Beispiel individueller Kreativität und Innovationsfähigkeit betrachtet.
Lange Zeit schrieb man komplexe kognitive Leistungen nur unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen, zu. Mittlerweile ist bekannt, dass sowohl Rabenvögel als auch Papageien wie die Goffin-Kakadu, eine ähnliche Neuronendichte in den jeweiligen Hirnarealen sowie ähnliche kognitive Fähigkeiten besitzen.
Das Experiment
„Wir konfrontierten unsere Kakadus mit dem gleichen Problem wie Betty: Die Vögel erhielten ein mit einer Cashewnuss befülltes Körbchen am Boden eines vertikalen Plexiglasröhrchens und als einziges Hilfsmittel ein gerades Stück Draht. Um an den Inhalt des Körbchens zu gelangen, mussten die Tiere den Draht zu einem Haken verbiegen, das Werkzeug richtig herum einführen, den Haken in den Henkel einhängen und das Körbchen hochziehen“, erklärt Isabelle Laumer, die die Studie im Rahmen ihrer Doktorarbeit am Goffin Lab in Niederösterreich durchführte.
In einem weiteren Versuch befand sich die Cashewnuss in der Mitte eines horizontalen Röhrchens. Um zu dem Futter zu gelangen, mussten die Tiere ein um 90 Grad gebogenes Drahtstück gerade biegen. Nur dadurch konnten sie das Futter aus dem Röhrchen herausstoßen.
Mehrere Kakadus kamen auf die Lösung, ein Tier schaffte sogar beide Aufgaben. „Die Kakadus zeigten dabei unterschiedliche Techniken, um die Haken zu biegen. Meistens wurde der Haken direkt mit dem Schnabel gebogen und dann das selbst hergestellte Werkzeug sofort eingeführt. Auffällig ist, dass die Haken generell stärker gebogen waren als die der Krähen“, so Laumer.
„Die Innovationsfähigkeit der Vögel hat uns erstaunt: Anders als Krähen hatten sie keine Vorerfahrung mit Hakenwerkzeugen. Sie sind weder darauf spezialisiert, Werkzeuge zu bauen oder zu gebrauchen, noch biegen sie Äste beim Nestbau“, schildert Alice Auersperg, die Leiterin des Goffin Labs des Messerli Forschungsinstituts in Wien: „Die Tatsache, dass nur manche Kakadus auf die Lösung gekommen sind und dass die Technik, den Haken zu biegen von Tier zu Tier unterschiedlich war, lässt vermuten, dass die Kakadus das Problem ganz individuell gelöst haben und dabei nicht auf angeborene stereotype Verhaltensweisen zurückgegriffen haben“.
„Die generelle Intelligenz der Goffin-Kakadus erlaubt ihnen augenscheinlich, ungewöhnliche Probleme zu lösen, die sie in der freien Wildbahn üblicherweise nicht antreffen“, so Auersperg abschließend.
Publikation in „Proceedings of the Royal Society B“:
Getting hook bending off the hook: bending and unbending of pliant tools in Coffin’s cockatoos (Cacatua goffiniana): Isabelle Laumer, Thomas Bugnyar, Stephan Reber, Alice Auersperg. Proceedings of the Royal Society B, 20171026.
http://dx.doi.org/10.1098/rspb.2017.1026

06.09.2017, Bundesamt für Naturschutz
Lebensraum Alpen: ein Zentrum biologischer Vielfalt steht unter Druck
● BfN Präsidentin: verstärkter länderübergreifender Schutz notwendig
● Schwerpunktausgabe der Fachzeitschrift „Natur und Landschaft“ erschienen
Die aktuelle Ausgabe der Fachzeitschrift „Natur und Landschaft“ widmet sich dem Thema „Naturschutz in den Alpen – Quo vadis?“. In zehn Beiträgen betrachten die Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Blickwinkeln die Bedeutung der alpinen Biodiversität und Ökosystemleistungen für den Menschen.
„Angesichts des großen Entwicklungsdrucks in den Alpen und der Veränderungen durch den Klimawandel ist der Schutz der Natur und die nachhaltige Nutzung alpiner Ressourcen zu einem zentralen naturschutz- und umweltpolitischen Ziel auf europäischer Ebene geworden“, resümiert BfN-Präsidentin Prof. Beate Jessel. „Nutzungskonflikte erzeugen im Alpenraum besonderen Handlungsbedarf für den Naturschutz. Dieser Verantwortung müssen wir uns in stärkerem Maße länderübergreifend stellen, um Maßnahmen zum Schutz alpiner Lebensräume nicht nur zu entwickeln, sondern auch in die Umsetzung zu bringen“, sagt Prof. Jessel. Die aktuelle Ausgabe zum Schwerpunkt Alpen bietet Einblicke in die Besonderheiten des Lebensraums für Pflanzen, Tiere und nicht zuletzt den Menschen aus Sicht des Naturschutzes.
Die Beiträge befassen sich zunächst mit dem Naturraum Alpen und dessen spezifischen Herausforderungen. Des Weiteren thematisieren die Autorinnen und Autoren klassische Aspekte des Arten-, Biotop- und Landschaftsschutzes in den Alpen. Im letzten Teil des Doppelheftes gehen die Beiträge auf die Zusammenhänge zwischen Schutz und Nutzung im Kontext einer nachhaltigen Entwicklung des Alpenraums ein. Die Autorenteams betrachten die Themen dabei aus einer länderübergreifenden Perspektive und stellen Lösungsansätze beispielsweise zu Nutzungskonflikten vor.
Themenschwerpunkte hierbei sind der historische Wandel der Landnutzungen, Wirkungen des Klimawandels auf die alpine Natur sowie die Rolle des Naturschutzes in der Alpenkonvention. Die Populationsentwicklung wichtiger Leit- und Zielarten des Naturschutzes sowie die Entwicklungstendenzen des Grünlandes werden analysiert und das alpine Schutzgebietssystem und dessen Lücken unter die Lupe genommen. Auch die Bereiche Tourismus und erneuerbare Energien stellen den Naturschutz in den Alpen vor besondere Herausforderungen. Auf der anderen Seite werden Chancen vorgestellt, die die Alpen für Mensch und Natur bieten: Ökosystemleistungen und ihre Bewertung sowie der Beitrag des ökologischen Verbundes zur „Green Economy“ sind zwei Beispiele hierfür.
„Wir möchten mit dem Themenheft den Blick der Leserinnen und Leser und politisch Verantwortlichen für die besonderen Herausforderungen des Naturschutzes im Alpenraum schärfen, sie ermutigen, neue Lösungsansätze zu diskutieren und voranzutreiben – und dabei vermehrt die länderübergreifende Zusammenarbeit anzugehen“, so die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz.
Bezug:
Einzelausgaben können
• als gedrucktes Heft beim Verlag W. Kohlhammer GmbH, Zeitschriftenauslieferung, 70549 Stuttgart
telefonisch 0711 7863-7280, per Fax 0711 7863-8430 oder per E-Mail vertrieb@kohlhammer.de zu einem Preis von € 16,30 bestellt werden oder
• als Screen-PDF-Datei ab September 2017 zu einem Preis von € 14,80 unter www.natur-und-landschaft.de heruntergeladen werden. Bei einem Online-Abonnement ist der Zugang zur Screen-PDF-Datei enthalten.
Einzelartikel aus dieser Ausgabe können gegen eine geringe Gebühr (€ 2,95/Artikel) unter www.natur-und-landschaft.de als Screen-PDF-Datei heruntergeladen werden. Bei jedem Abonnement ist der Zugang zu den Screen-PDF-Dateien enthalten.

08.09.2017, Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.
Menschenaffen wissen, wenn sie etwas nicht wissen
Schimpansen und Orang-Utans suchen nach Informationen, um Wissenslücken zu schließen
Sie verlassen das Haus und fragen sich beim Schließen der Tür, ob Sie den Herd ausgeschaltet haben. Die einfache Lösung ist, noch einmal umzukehren und nachzuschauen. Dieses Beispiel veranschaulicht eine wichtige Art des Denkens: Metakognition oder die Fähigkeit, eigene geistige Zustände zu überwachen. Vor dem Umkehren beurteilt der Mensch zunächst, ob er sich an das Ausschalten des Herds erinnert. Falls nicht, sucht er weitere Informationen, indem er nochmal nachschaut. Beim Menschen ist dieser Prozess flexibel gestaltet und auf alle möglichen Gedanken anwendbar. Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und der Universität St. Andrews in Großbritannien haben sich nun die Frage gestellt, wie sich Menschenaffen in einer ähnlichen Situation verhalten würden.
In ihrer Studie sollten Schimpansen und Orang-Utans die genaue Lage eines für sie nützlichen Objekts bestimmen, das hinter einer kleinen Barriere auf einem Tisch verborgen war. In einigen Fällen zeigten die Forscher den Menschenaffen vorab kurz, wo sich das Objekt befand, in anderen Fällen nicht. Im Moment der Entscheidung war das Objekt jedoch immer versteckt. Die entscheidende Frage war nun, ob die Tiere erst einmal einschätzen würden, was sie über den Aufenthaltsort des Objekts wissen, bevor sie eine Wahl treffen. Würden sie zusätzliche Informationen einholen, wenn sie sich nicht sicher sein konnten, wo sich das Objekt befand? Die Ergebnisse zeigten, dass genau das der Fall war: Hatten die Menschenaffen vorab keine Informationen erhalten, kletterten sie oder reckten sich und spähten über die Barriere, bevor sie ihre Wahl trafen.
Einigen Wissenschaftlern zufolge deutet diese Suche nach weiteren Informationen darauf hin, dass Menschenaffen – ähnlich wie Menschen – ihr bereits vorhandenes Wissen einer metakognitiven Prüfung unterziehen, ähnlich wie die Menschen im Beispiel mit dem Herd. Andere Wissenschaftler sehen das eher skeptisch. Die Tatsache, dass die Menschenaffen sich ähnlich wie die Menschen verhalten, wenn sie sich in einer ähnlichen Situation befinden, bedeutet ihrer Meinung nach nicht, dass sie ihre eigenen mentalen Zustände überwachen. „Frühere Studien zeigten, dass Menschenaffen nach Informationen suchen, wenn Futter im Spiel ist. Ein Verhalten, dass der Nahrungssuche dienen könnte und nicht zwingend Teil eines metakognitiven Prozesses wäre“, sagt Erstautor Manuel Bohn.
Um diese Alternative zu prüfen, variierten die Forscher, ob das Objekt auf dem Tisch ein Stück Futter oder ein Werkzeug war. Damit untersuchten sie, ob die Suche der Affen nach Informationen auf bestimmte Objekte, wie zum Beispiel auf Futter, beschränkt ist. Doch in beiden Fällen suchten die Tiere nach zusätzlichen Hinweisen. Das verdeutlicht ihre Flexibilität bei der Informationssuche und legt nahe, dass ihre metakognitiven Fähigkeiten denen des Menschen ähnlicher sind, als bisher angenommen. „Affen suchen nach fehlenden Informationen ähnlich wie Menschen, was eine Reihe von Gründen haben könnte. Doch unsere Studie verdeutlicht, dass Menschenaffen nicht einfach ziellos nach Informationen suchen, in der Hoffnung, auf Futter zu stoßen“, sagt Matthias Allritz.
Co-Autor Christoph Völter sagt: „Unsere Studie legt nahe, dass Menschenaffen mehr wissen wollen, vor allem dann, wenn ihnen eine wichtige Information fehlt, wie zum Beispiel der Aufenthaltsort eines benötigten Werkzeugs. Unsere Ergebnisse zeigen, dass Menschenaffen ihr eigenes Wissen überwachen und dass sie diese Fähigkeit flexibel nutzen, um vorhandene Wissenslücken zu schließen.“
Die Studie zeigt, dass die engsten lebenden Verwandten des Menschen kognitive Fähigkeiten besitzen, die es ihnen ermöglichen, verfügbare Informationen auf verschiedenen Ebenen zu bewerten. Das deutet darauf hin, dass sie über metakognitive Fähigkeiten verfügen, die ähnlich flexibel wie beim Menschen sind. Diese Fähigkeit hilft ihnen dabei, ihre Entscheidungsfindung zu optimieren. „Unsere Studie leistet einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Komplexität und Flexibilität von Gedächtnisprozessen und der Überwachung eigener geistiger Zustände bei Menschenaffen“, sagt Josep Call.
Originalveröffentlichung:
Manuel Bohn, Matthias Allritz, Josep Call, Christoph J. Völter
Information seeking about tool properties in great apes
Scientific Reports, 07. September 2017

07.09.2017,Max-Planck-Institut für Ornithologie
Glasfassaden – Fallen für Fledermäuse
Eine glatte, senkrechte Fläche wird von Fledermäusen bis kurz vor der Kollision wie ein freier Flugweg wahrgenommen. Die glatte Oberfläche reflektiert die Ultraschalllaute von der sich nähernden Fledermaus weg und ist so für die Tiere unhörbar. In Zeiten von Gebäuden mit Glasfassaden ein fataler Irrtum. Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen haben in Experimenten und im Freiland das Flug- und Echoortungsverhalten dreier Fledermausarten untersucht, die versuchten, durch eine glatte senkrechte Fläche zu fliegen. Die Anzahl der Laute und die Zeit, die sie vor der Oberfläche verbrachten, beeinflusste dabei die Wahrscheinlichkeit einer Kollision.
Fledermäuse verlassen sich weitgehend auf ihre Echoortungslaute, um sich zu ernähren, zu orientieren und zu navigieren. In unserer modernen Welt erleben sie dabei allerdings Situationen, die ihr ansonsten hervorragendes Sinnessystem trügen und sie ihre Umgebung falsch interpretieren lassen.
Stefan Greif und Björn Siemers vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen haben in einer früheren Studie gezeigt, dass Fledermäuse glatte horizontale Flächen für Wasser halten. Die Fledermäuse interpretieren diese mit ihren Ultraschalllauten schon von Geburt an als Oberfläche von Pfützen, Teichen oder Seen, denn sie funktionieren wie ein Spiegel: Treffen die Laute mit einem schrägen Winkel auf die Wasseroberfläche, werden sie komplett von den Tieren weg reflektiert. Nur ein starkes, senkrechtes Echo von unten kommt wieder zur Fledermaus zurück. In einer natürlichen Landschaft sind Gewässer die einzigen räumlich ausgedehnten glatten Flächen. Daher scheint diese Information für Wasser im Fledermausgehirn so gut verdrahtet zu sein, dass die Tiere in den Experimenten der Forscher trotz zahlreicher missglückter Versuche nicht aufgaben, von einer Metallplatte zu trinken, die ihnen die Wissenschaftler anboten.
Kollision im Flugraum
Nun zeigen Stefan Greif und Sándor Zsebők zusammen mit anderen Kollegen des Instituts in einer neuen Studie, dass Fledermäuse senkrechte glatte Flächen fatalerweise nicht als Hindernis, sondern im Gegenteil als Loch zum Durchfliegen interpretieren. Dazu haben die Wissenschaftler zunächst Große Mausohren (Myotis myotis) in einem abgedunkelten Flugraum untersucht, in dem eine Wand mit einer glatten Platte versehen war. Mit Hilfe von Infrarot-Kameras und Mikrofonen haben sie herausgefunden, dass 19 von 21 Tieren innerhalb einer Viertelstunde mindestens einmal mit der Platte zusammenstießen. Legten die Forscher die Platte auf den Boden, gab es keine einzige Kollision. 13 Tiere versuchten jedoch, davon zu trinken.
Um zu verstehen, warum die Tiere mit der vertikalen Platte kollidierten, analysierten die Wissenschaftler das Flug- und Echoortungsverhalten der Fledermäuse wenn sie auf Kollisionskurs zur Platte waren. Sie unterschieden zwischen drei verschiedenen Situationen: „Gerade noch vermiedene Kollisionen“ bis kurz vor der Platte, „Kollisionen mit Flugmanöver“, bei der die Fledermäuse kurz vor dem Zusammenstoß noch versuchten auszuweichen, und „Kollisionen ohne vorher erkennbare Reaktionen der Tiere“.
Nur in einem Drittel der beobachteten Anflüge schafften es die Fledermäuse, der Platte auszuweichen. Wenn die Fledermaus auf die Platte zufliegt, werden ihre Echoortungslaute zuerst von dieser vom Tier weg reflektiert, was bei der Fledermaus aufgrund der fehlenden Echos den Eindruck eines Lochs in der Wand hinterläßt. Erst wenn sie sich direkt neben der glatten Fläche befindet, werden starke, senkrechte Echos zur Fledermaus zurück gespiegelt. Die Fledermaus kann also erst kurz vor dem Aufprall erkennen, dass es sich hier um ein Hindernis und nicht um eine freie Flugbahn handelt. Tatsächlich fanden die Forscher bei Kollisionen ohne sichtbare Reaktion, dass die Tiere vor dem Aufprall weniger Laute ausstießen und weniger Zeit vor der Platte verbrachten als in Situationen, bei denen es ihnen noch gelang, auszuweichen. Dies erklärt auch, warum es den Fledermäusen möglich war eine Kollision zu vermeiden: Wenn sie genügend Zeit und Informationen in Form von Echos hatten um diese Situation zu verarbeiten, konnten sie die senkrechten Echos gerade noch erkennen und die akustische Illusion eines offenen Flugwegs enttarnen.
Ähnliche Ergebnisse für andere Fledermaus-Arten
Die Forscher überprüften ihre Ergebnisse im Freiland mit drei Fledermausarten und beobachten auch dort Kollisionen mit der glatten Platte. „Wenn außer starken, senkrechten Echos von unten keine Echos kommen, ist das für Fledermäuse ein untrügliches Signal für Wasser“, sagt Stefan Greif, Erstautor der beiden Studien. „Genau solche Echos von der Seite warnen die Tiere hingegen vor einem plötzlichen Hindernis auf einer bis dahin gedacht freien Flugbahn.“
Die Tiere in dieser Studie konnten in dem Flugraum nicht so schnell fliegen wie in der Natur, und blieben daher bei den Versuchen unverletzt. Immer wieder werden jedoch unter Glasfassaden neben Millionen von Vögeln auch Fledermäuse gefunden. Die Forscher fordern deshalb eine systematische Erfassung gefundener verletzter oder toter Fledermäuse, um abschätzen zu können, wie viele Tiere bei solchen Kollisionen zu Schaden kommen. Des weiteren sollten Maßnahmen entwickelt werden, mit denen Kollisionen an Gebäuden mit ausgedehnten Glasfassaden verhindert werden können, die auf Zugrouten, in wichtigen Nahrungsgebieten oder in der Nähe großer Fledermauskolonien liegen.
Stefan Greif, Sándor Zsebők, Daniela Schmieder & Björn M. Siemers
Acoustic mirrors as sensory traps for bats. Science, veröffentlicht am 08.09.2017

08.09.2017, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Genomik gegen das Artensterben
Die Deutsche Forschungs-gemeinschaft (DFG) fördert mit dem neuen Schwerpunktprogramm „Taxon-OMICS“ vier Senckenberg-Projekte mit einer Million Euro. Die geförderten Arbeitsgruppen nutzen die zusätzlichen Finanzmittel, um die Entstehung und Abgrenzung von Arten aus unterschiedlichsten Verwandtschaftskreisen und Lebensräumen zu untersuchen. Die genetische Taxonomie gewinnt zunehmend an Bedeutung bei der Erfassung, der Beschreibung und dem Schutz der biologischen Vielfalt.
Seit 300 Jahren versucht die „Taxonomie“ die verwirrende Vielfalt der Arten, die die Erde bevölkern, zu beschreiben und in eine verwandtschaftliche Ordnung – eine Systematik – zu bringen.
„Hierbei gewinnt die Untersuchung des Erbguts von Organismen zunehmend an Bedeutung“, erklärt Dr. Christian Printzen vom Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt und fährt fort: „Die DNA hilft uns Taxonomen und Systematiker Arten zu unterscheiden und ihre Stammbäume zu ermitteln. So können auch optisch schwer zu trennende Arten oft schneller erkannt werden. Die erlangten Daten werden besonders in Zeiten weltweiter Massensterben von Arten dringend benötigt, um entsprechende Schutzmaßnahmen ergreifen zu können.“
Die DFG bündelt nun Mittel, um Forschungsprojekte, die Taxonomie und Genomik verbinden, in einem neuen Schwerpunktprogramm „Taxon-OMICS“ zu fördern. Ziel des Programms ist es, neue Methoden und Ansätze zu finden, um die Taxonomie schneller und kostengünstiger zu machen. Vier Arbeitsgruppen bei Senckenberg erhalten aus diesem Programm fast eine Million Euro, um die Entstehung und Abgrenzung von Arten aus unterschiedlichsten Verwandtschaftskreisen und Lebensräumen zu untersuchen.
Am Senckenberg Museum für Tierkunde in Dresden wird in den nächsten Jahren die Artbildung in der Gattung Hyles, einer auffälligen, aber schwierig zu bestimmenden Gruppe von Nachtfaltern untersucht. „Die 7 bis 15 Arten aus Zentralasien sind mit dem bei uns heimischen Wolfsmilchschwärmer verwandt und lassen sich selbst anhand von Genitalpräparaten kaum unterscheiden. Wir sind deshalb bisher zu keinem Konsens darüber gekommen, wie viele Arten zu dieser Gruppe gehören“, so Dr. Anna Hundsdörfer, die Projektleiterin. „Erschwerend kommt hinzu, dass viele Arten hybridisieren, also über Artgrenzen hinweg Nachkommen bilden. Solche Hybride wollen wir mit genomischen Daten aufspüren, um Ordnung ins bisherige Chaos zu bringen.“
Angesichts des rapide fortschreitenden Artensterbens steht seit einiger Zeit besonders die schnelle und sichere Zuordnung von Arten im Fokus der Taxonomie. Hier sollen zwei Senckenberg-Projekte Fortschritte bringen, die neben molekulargenetischen Daten auf hochmoderne physikalische Verfahren setzen.
Dr. Steffen Pauls vom Senckenberg-Forschungsinstitut Frankfurt untersucht afrikanische Köcherfliegen mit Methoden, die sonst in der Satelliten-Fernerkundung eingesetzt werden. Köcherfliegen stellen die artenreichste Gruppe wasserlebender Insekten dar und haben enorme Bedeutung für die Ernährung von Fischen und Wasservögeln. Pauls hierzu: „Die Spektralanalyse eignet sich bei Insekten auch zur ‚Naherkundung’. Wir testen wie gut die Reflektions- und Absorptionsmuster Unterschiede zwischen Arten anzeigen. Diese Information wollen wir ferner mit genetischen Daten integrieren, um im Hochdurchsatzverfahren tausende Arten von Köcherfliegen bestimmen und differenzieren zu können. Wenn wie in Afrika die Spezialisten fehlen, brauchen Ökologen zuverlässige Methoden, um belastbare Studien zur biologischen Vielfalt zu produzieren.“
Ähnliche Probleme treiben Dr. Jasmin Renz und Dr. Silke Laakmann von Senckenberg am Meer im Deutschen Zentrum für Marine Biodiversitätsforschung in Hamburg um: „Die Ruderfußkrebse im Zooplankton der Meere sind ein wichtiger Bestandteil der Nahrung vieler Fischarten. Eine Routineüberwachung von Zooplankton erfordert einen hohen Zeitaufwand, daher wäre ein kostengünstiges und schnelles Verfahren zur Artbestimmung von enormer Wichtigkeit sowohl für das nachhaltige Management mariner Ressourcen als auch für die Biodiversitätsabschätzung in bisher weitgehend unerforschten Lebensräumen wie der Tiefsee. Wir wollen herausfinden, ob wir mit Hilfe von Massenspektrometern Arten von Ruderfußkrebsen anhand ihrer Proteinmuster erkennen können.“
Etwas anders liegen die Schwierigkeiten bei den Flechten: „Flechten kann man nicht in Fallen fangen. Man muss sie an ihrem Standort aufspüren. Die interessantesten Funde werden selten von molekulargenetisch arbeitenden Flechtenkundlern gemacht, sondern von Leuten, die viel im Gelände unterwegs sind. Wir wollen diesen Geländebotanikern, besonders denen, die sich mit winzigen Krustenflechten auskennen, Zugang zu molekulargenetischen Methoden verschaffen, damit nicht mehr Jahrzehnte vergehen, bevor eine neue Art als solche erkannt und beschrieben wird. Das richtet sich explizit nicht nur an Fachwissenschaftler“, so Printzen.
In den kommenden drei Jahren, und vielleicht darüber hinaus, können die neuen Ideen und Ansätze jetzt erprobt werden. „So geht bei Senckenberg die 200jährige Forschungstradition zur Beschreibung und Bewahrung der Natur auch mit neuen Methoden weiter“, schließt Printzen.

11.09.2017, Dachverband Deutscher Avifaunisten
Avifauna „Die Vögel Niedersachsens und des Landes Bremen“ abgeschlossen
Die Niedersächsische Ornithologische Vereinigung (NOV) hat in Zusammenarbeit mit dem Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) den letzten, noch ausstehenden Band ihrer Avifauna-Reihe vorgelegt. Die Avifauna Niedersachsens hat eine lange und wechselvolle Geschichte mit Tiefen und mit Höhepunkten hinter sich. Schon allein der lange Zeitraum von 57 Jahren zwischen dem ersten Aufruf zur Mitarbeit 1960, dem Erscheinen der ersten Lieferung 1979 und dem Abschluss 2017 hat genügend Gelegenheiten geboten, das Vorhaben zum Scheitern zu bringen.
Der nun publizierte Band „Zur Kenntnis der Vogelwelt Niedersachsens 1920-1940 und Nachträge zum Speziellen Teil“ ist als zweite und abschließende Lieferung des „Allgemeinen Teils“ gedacht. Er enthält Themenkomplexe, wie sie in den bisherigen Lieferungen nicht einzubringen waren.
Zu einem sind dies Angaben und Ergebnisse aus den 1920er, 1930er und 1940er Jahren, die vor allem in die Zeit zwischen dem Erscheinen der „Vogelwelt Nordwestdeutschlands“ von Brinkmann (1933) und dem Beginn der Arbeit 1960 für eine neue, moderne Avifauna liegen. Von herausragender Bedeutung ist dabei ein Verbreitungsatlas der Vögel Niedersachsens aus den 1920er/1930er Jahren, den Hugo Weigold begonnen hat. Darüber hinaus enthält der Band Nachträge zum Speziellen Teil der Avifauna, soweit sie in dem langen Bearbeitungszeitraum neu hinzugekommene Arten und Unterarten betreffen, und die Liste der seit 1800 in Niedersachsen und Bremen nachgewiesenen Brut- und Gastvogelarten. Der fast 250 Seiten starke Band schließt mit einer Würdigung der mitwirkenden Herausgeber und Artbearbeiter sowie einigen bislang nicht erfolgten Berichtigungen.
„Die Vögel Niedersachsens und des Landes Bremen – Zur Kenntnis der Vogelwelt Niedersachsens 1920-1940 und Nachträge zum Speziellen Teil“ kann beim NLWKN für eine Schutzgebühr von 20 € zzgl. 2,50 € Versandkostenpauschale bezogen werden.
Bezug
Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) – Naturschutzinformation
Postfach 91 07 13
30427 Hannover
Tel.: 0511 / 3014-3305
E-Mail: naturschutzinformation@nlwkn-h.niedersachsen.de
http://www.nlwkn.niedersachsen.de/Naturschutz/Veröffentlichungen
http://webshop.nlwkn.niedersachsen.de

11.09.2017, Dachverband Deutscher Avifaunisten
Kraniche in den Niederlanden 2017 mit geringem Bruterfolg
Die Zahl der in den Niederlanden brütenden Kraniche nimmt seit Jahren kontinuierlich zu. Mit insgesamt 22 Revierpaaren wurde auch in diesem Jahr wieder ein neuer Rekord aufgestellt (nach 21 Paaren 2016), obwohl einige im letzten Jahr noch besetzte Brutplätze in diesem Jahr nicht wieder besetzt wurden. Nur 16 davon bauten jedoch ein Nest und insgesamt wurden im ganzen Land nur neun Jungvögel flügge. Grund ist wohl vor allem die sehr trockene Brutsaison, die Nester und Jungvögel für Prädatoren leichter erreichbar machte. Auch der hohe Freizeitdruck spielt laut Angaben der niederländischen Vogelschutzorganisation Vogelbescherming eine Rolle. Großflächig ungestörte Lebensräume sind selten und Kranich-Familien müssen regelmäßig vor Wanderern oder nicht angeleinten Hunden flüchten. Dies führt dazu, dass die Kraniche immer scheuer werden und durch ständiges Wachen und Ausweichen weniger Zeit mit der Nahrungssuche verbringen können.
Der Bruterfolg der niederländischen Kraniche beträgt in diesem Jahr 0,6 Küken pro Brutpaar. 2016 lag dieser Wert bei 0,8. Da eine Vielzahl potenziell geeigneter Lebensräume in den Niederlanden bislang nicht besiedelt ist, sind die Kranichschützer trotz der wenig erfolgreich verlaufenen Brutsaison 2017 optimistisch, dass Kraniche auch weiterhin neue Gebiete erschließen werden. Würden ausreichend geschützte Rückzugsräume für die Vögel geschaffen, könnten mehr als 100 Paare in den Niederlanden geeignete Brutplätze finden.
In Deutschland koordiniert die Arbeitsgemeinschaft „Kranichschutz Deutschland“ die Erfassung von Brut, Rast und Durchzug des Kranichs in Deutschland. Ihr Ziel ist es – neben der Öffentlichkeitsarbeit – dem Kranich eine sichere Brutheimat sowie störungsfreie Sammel- und Rastplätze in Deutschland zu erhalten und zum internationalen Kranichschutz beizutragen. Der DDA arbeitet im Bereich der Datensammlung eng mit der AG „Kranichschutz Deutschland“ zusammen. Melden Sie daher alle Ihre Kranich-Beobachtungen bei ornitho.de und stellen Sie Ihre Daten für detaillierte Auswertungen wie den jährlichen Bericht „Das Kranichjahr“ zur Verfügung.

12.09.2017, Dachverband Deutscher Avifaunisten
Erfolgreiche Maßnahmen: Erste erfolgreiche Brut der Flussseeschwalbe im Saarland
Mit rund 10.000 Paaren brüten etwa 2-3 % des europäischen Bestands der Flussseeschwalbe in Deutschland. Etwa zwei Drittel des deutschen Brutbestandes konzentrieren sich im Wattenmeer, während sich die Vorkommen in Süddeutschland auf die Oberrheinische Tiefebene sowie Flusstäler und Seen im Alpenvorland beschränken. Dank erfolgreicher Artenschutzmaßnahmen kann nun ein weiteres Bundesland die Flussseeschwalbe als Brutvogel verzeichnen. Ausgehend von Brutvorkommen am Oberlauf der Mosel im französischen Lothringen, erschloss sich diese Art seit den 1980er Jahren immer mehr Gebiete und näherte sich der Grenzregion an. Im Jahr 2016 scheiterte ein erster Brutversuch auf einem überschwemmten Acker in der saarländischen Moselaue. Dieses Ereignis wurde von Mitgliedern des Ornithologischen Beobachterrings Saar (OBS) zum Anlass genommen, durch den Bau von Brutflößen geeignete Nistmöglichkeiten für die Flussseeschwalbe im Saarland zu schaffen.
Ende April 2017 wurden daher zwei Brutflöße im zentralen Weihergebiet bei Nennig in der Moselaue verankert. Bereits vier Tage später wurden erstmals balzende Flussseeschwalben auf einem der Flöße beobachtet, Anfang Mai folgte ein zweites Paar. Zusätzlich zu den beiden Brutflößen startete ein zusätzliches Flussseeschwalben-Paar einen Brutversuch auf Kiesinseln eines aktiven Abgrabungsgewässers. Im Rahmen einer Hitzewelle Ende Mai kam es dort jedoch zu starken Störungen durch illegale Badegäste, die zur Aufgabe der Brut führten. Auch im Bereich der Brutflöße stieg der Druck durch Badebetrieb, sodass Mitglieder des OBS die saarländische Naturwacht einschalten mussten, die nur durch regelmäßige Kontrollen und Platzverweise weiteren Schaden abwenden konnte.
Insgesamt zogen die beiden Paare auf den Brutflößen im Baggerweihergebiet Nennig fünf Jungvögel groß, die Anfang Juni auch beringt wurden. Es handelt sich um die ersten im Saarland erbrüteten Flussseeschwalben überhaupt. Die Beobachtungen in diesem Jahr zeigen, dass mit einer weiteren Ansiedlung und Zunahme im saarländischen Moseltal zu rechnen ist. Aus diesem Grund ist für die kommende Brutzeit bereits das Ausbringen weiterer Brutflöße geplant. Die gescheiterte Brut am natürlichen Standort zeigt aber auch eine grundlegende Problematik im Kiesweihergebiet Nennig auf: Solange der immer stärker werdende illegale Badebetrieb unkontrolliert und ungestört auf die sensiblen Brutvögel des Biotops trifft, ist das Schutzgebiet teilweise entwertet. Um eine ähnliche Situation in den nächsten Jahren zu verhindern, will der OBS mit der saarländischen Naturwacht über geeignete Maßnahmen zum Schutz der Vögel diskutieren.

13.09.2017,Deutsche Wildtier Stiftung
Wer am lautesten brüllt, gewinnt die Wahl
Deutsche Wildtier Stiftung: Bei Rothirschen entscheiden die „Frauen“, wer nach dem Kandidaten-Duell die Macht übernimmt
Kanzler-Kandidaten gehen in Talk-Shows, Rothirsche auf den Brunft-Platz. Thema Nummer eins: Familienpolitik! Denn nur der Gewinner kann seine Gene weitergeben; die Damen entscheiden, wer die Wahl gewinnt. Jede Stimme zählt. Zeitgleich zur Bundestagswahl nimmt jetzt auch die Hirschbrunft volle Fahrt auf. Um sich zu präsentieren, wird kräftig geröhrt und geknört. Wer am lautesten schreit, hat am Ende die Macht. Ein riesiger Brustkorb als Resonanzkörper steht für Kraft und Stärke, Gesundheit und Ausdauer. Wer Dominanz zeigt, ist klar im Vorteil. Das Wahlvolk ist auf der Seite des Stärkeren. Der Platzhirsch beherrscht während der Brunft sein Rudel und lässt sich die weiblichen Tiere so leicht nicht abwerben. Doch auf Dauer ist niemand unbesiegbar. Starke Gegner provozieren und attackieren den Wortführer. Sie versuchen die Wahl für sich zu gewinnen.
„Bei der Brunft treten Machos gegeneinander an“, sagt Dr. Andreas Kinser, Forst- und Jagdexperte der Deutschen Wildtier Stiftung. Bei Hirschen gibt es nach der Wahl keine „große Koalition“. Die testosterongesteuerten Gegner enden als Gewinner oder Verlierer! Es kann nur einen geben. Wer es mit einem Platzhirsch aufnimmt, muss gut aufgestellt sein. „Das einzige Argument ist die körperliche Überlegenheit“, sagt Andreas Kinser. Die Zuschauerränge am Rande des Brunftplatzes sind mit den „Damen“ gut besetzt. Kann der Favorit den Rivalen mit „Worten“ beeindrucken? Endet das akustische Duell unentschieden, wird der Boden mit Geweih und Vorderläufen aufgewühlt. Wie bei jeder Wahl wird viel Staub aufgewirbelt. Beim Imponier-Marsch präsentieren die Rothirsche dann ihre Geweihe. Drohgebärden sollen den Gegner beeindrucken. Hin und wieder reicht die Demonstration von Stärke nicht aus. Dann kommt es zum Kampf. Mit dem Geweih voran nehmen die Kontrahenten ihr Gegenüber ins Visier. Nur sehr selten bleibt dabei einer der Kombattanten blutig auf der Strecke: „Es kommt vor, dass ein Geweihende den Gegner so sehr verletzt, dass dieser verendet“, sagt Kinser.
Warum der gefährliche Aufwand? Es geht um Macht und Sex: Denn der Kandidat, der das Duell gewinnt, darf alle Damen beglücken. Und wenn beide Parteien verlieren? Das ist die Stunde der „kleinen Parteien“: Jüngere Hirsche – die sogenannten Beihirsche – haben sonst zwar nicht viel zu melden, tragen in diesem Fall aber den Sieg davon. Wenn beim Kampf der Giganten was schief gelaufen ist, sorgen die Außenseiter für den Nachwuchs.
Sie möchten die besten Plätze zur Hirschbrunft besuchen? Klicken Sie auf www.rothirsch.org und suchen Sie nach einem „Wahl-Duell“ in ihrer Nähe. Spannung garantiert!

14.09.2017, Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover
Kleiner gehts nicht
TiHo-Wissenschaftler entdecken seltene Genstruktur im Erbgut von Plattentieren.
Plattentiere (Placozoa) sind die strukturell einfachsten vielzelligen Tiere. Sie eignen sich daher sehr gut als Modellsystem für verschiedene biologische Fragestellungen. Professor Dr. Bernd Schierwater, Hans-Jürgen Osigius und Dr. Michael Eitel aus dem Institut für Tierökologie und Zellbiologie der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover untersuchten jüngst das Erbmaterial der Plattentierart Placozoa sp. H2 und entdeckten in einem der Gene ein Exon, das aus nur einem einzigen Basenpaar besteht. Die Studie veröffentlichten sie im Fachmagazin PLOS ONE.
Alle Informationen für ein Lebewesen sind in seinen Genen verschlüsselt. Nicht alle Genabschnitte werden jedoch in Proteine übersetzt – nur die sogenannten Exons. Zwischen den Exons liegen Bereiche, die nicht für Proteine kodieren: die sogenannten Introns. Sie regulieren unter anderem die Aktivität der Gene und werden aus der mRNA herausgetrennt, bevor diese in ein Protein übersetzt wird. Erst danach wird der genetische Code von den aneinandergereihten Exons abgelesen, die meist mehr als hundert Basenpaare lang sind.
Sogenannte Mikro-Exons mit einer Länge von weniger als 30 Basenpaaren sind selten. Vor zwei Jahren beschrieben chinesische Wissenschaftler bei einer Pflanze, der Acker-Schmalwand (Arabidopsis thaliana), erstmals ein Exon aus nur einem Basenpaar – bei tierischen Lebewesen wurde über eine solche Entdeckung bislang nicht berichtet. Die TiHo-Wissenschaftler wiesen jetzt bei einer vergleichenden Analyse Millionen aktiver Einzelsequenzen das kleinstmögliche Exon in Plattentieren nach. „Die Abfolge von genau drei Basen ist nötig, um eine einzelne Aminosäure zu kodieren. Ein Exon, das aus nur einem Basenpaar besteht, enthält also für sich allein gar keine Kodierungsinformation“, sagt Professor Dr. Bernd Schierwater, Direktor des Instituts für Tierökologie und Zellbiologie der TiHo. „Wird es jedoch gemeinsam mit dem nachfolgenden Exon abgelesen, ergibt sich eine Basenabfolge, die in eine Aminosäure übersetzt wird, in diesem Fall Histidin.“
Die Wissenschaftler vermuten, dass das Mikro-Exon ursprünglich zum nachfolgenden Exon gehörte. Der Einschub eines Introns trennte das einzelne Basenpaar dann von der übrigen Basenfolge. Warum sich dieser Mechanismus im Laufe der Evolution entwickelt hat, ist noch zu klären. „Unsere Untersuchungen zeigen, wie wichtig es ist, das Erbmaterial bis ins kleinste Details zu untersuchen“, betont Osigius. „Nur so konnten wir diesen ungewöhnlichen Vorgang bei der Proteinbiosynthese aufdecken.“
Die Originalpublikation
Deep RNA sequencing reveals the smallest known mitochondrial micro exon in animals: The placozoan cox1 single base pair exon.
Osigus H-J, Eitel M, Schierwater B (2017), DOI: 10.1371/journal.pone.0177959

15.09.2017, Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Bis in den Tod – Tanten opfern sich für den Nachwuchs ihrer Schwestern
Bei einer sozialen Spinne opfern sich unverpaarte Weibchen für den Nachwuchs anderer Weibchen in der Gruppe. Sie helfen bei der aufwändigen Pflege der Jungen, und werden am Ende zu deren Mahlzeit. Zu diesem Schluss kommt eine Untersuchung der Universität Greifswald, die in enger Kooperation mit der Universität Aarhus in Dänemark durchgeführt wurde. Die Ergebnisse der Studie wurden jetzt in der internationalen Fachzeitschrift Animal Behaviour veröffentlicht.
Soziale Spinnen leben in Nestern zusammen mit mehreren Hundert Artgenossen. In solch einem Nest kooperieren die Tiere beim Beutefang und Netzbau. Mütter mit Nachwuchs helfen sich sogar gegenseitig bei der intensiven Brutpflege. Sie bewachen die Eikokons mehrere Wochen lang und versorgen die geschlüpften Jungtiere mit hochgewürgter Nahrung (Regurgitation). Am Ende jedoch sie werden vom heranwachsenden Nachwuchs gefressen.
Was ist der Hintergrund? Über die Hälfte der Weibchen einer Kolonie bleibt unverpaart, weil Männchen selten sind und ein kurzes Leben haben. Diese unverpaarten Weibchen pflanzen sich folglich nicht fort. Bislang wurde angenommen, dass diese Weibchen nur Beutefang und Netzbau betreiben, da zur Regurgiation nur Weibchen in der Lage sind, die selbst in der Phase der Brutpflege sind. Dies ist bei Spinnenarten der Fall, die nicht in Gruppen leben.
Zwei Doktorandinnen der Partneruniversitäten Greifswald und Aarhus überprüften diese Annahme an der afrikanischen sozialen Spinne Stegodyphus dumicola. Die Forscherinnen stellten Gruppen aus verpaarten und unverpaarten Weibchen zusammen und untersuchten, welche Weibchen Brutpflege und Beutefang betreiben. Es stellte sich heraus, dass nicht nur die Mütter Brutpflege zeigten, sondern auch die unverpaarten Tiere. Diese „Tanten“ versorgen die Jungtiere anderer Weibchen nicht nur mit hochgewürgter Nahrung, sondern lassen sich von den Jungtieren auch fressen.
Warum aber versorgen die unverpaarten Weibchen den Nachwuchs anderer Weibchen und geben dabei auch noch ihr Leben? Diese Frage lässt sich mit Blick auf die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den Weibchen beantworten. Soziale Gruppen werden meist von einer einzelnen Mutter und ihrem Nachwuchs gegründet, welcher sich fortan untereinander verpaart. Über Generationen hinweg entsteht somit eine Gemeinschaft mit einem außergewöhnlich hohen Verwandtschaftsgrad zwischen den Tieren. Die unverpaarten Weibchen helfen also tatsächlich ihren Schwestern bei der Jungenaufzucht. Durch die erfolgreiche Aufzucht ihrer Nichten und Neffen gibt die Tante ihre Gene an die nächste Generation weiter. Die sogenannte Verwandtenselektion steigert die evolutionäre Gesamtfitness der unverpaarten Weibchen und erklärt, wie das scheinbar selbstlose Verhalten evolutionär entstehen konnte und erhalten bleibt.
Die Forscherinnen fanden weiterhin heraus, dass sich die Aufgabenverteilung der Mütter und Tanten leicht unterscheiden: Mütter investieren mehr Zeit in die Brutpflege und Tanten sind häufiger mit Beutefang beschäftigt. Dieses Ergebnis deutet an, dass, obwohl unverpaarte Weibchen alle Aufgaben im Nest inklusive suizidale Brutpflege durchführen können, sie stärker den risikoreichen Beutefang übernehmen und Mütter eher im geschützten Gespinst des Nests mit der Brutpflege beschäftigt sind.

15.09.2017, Veterinärmedizinische Universität Wien
Ursache und Wirkung, der Wolf versteht das besser als der Hund
Greift man auf den heißen Herd, dann verbrennt man sich. Das Prinzip von Ursache und Wirkung lernt der Mensch schon von Kindesbeinen an. Doch auch Tiere, wie der Wolf, verstehen diesen Zusammenhang und das sogar besser als ihre von uns domestizierten Nachfahren. Forschende am Wolf Science Center der Vetmeduni Vienna zeigten, Meister Isegrim hat ein ausgeprägteres kausales Verständnis als Hunde und er reagiert auch auf kommunikative Hinweise von Menschen gleichwertig. Die Studie in Scientific Reports gibt damit einen Einblick, dass sich Domestikation möglicherweise auf die Wahrnehmung auswirken kann.
Gewalt erzeugt Gegengewalt ist ein gutes Beispiel für den Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Eine einfache Geste zeigt uns Menschen wie sich eine Handlung auf uns auswirken kann. Wie Tiere mit diesem menschlichen Prinzip umgehen, zeigt die Studie eines internationalen Forschungsteams am Wolf Science Center der Vetmeduni Vienna. Ausgehend von der Frage ob Hunde und Wölfe auf unterschiedliche menschliche Gesten reagieren, konnten sie zeigen, dass unsere domestizierten, vierbeinigen Begleiter den kausalen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung nicht verstehen, Wölfe dagegen schon. Die Ergebnisse sind ein Hinweis auf einen durch Domestikation veränderten Wahrnehmungsunterschied.
Wölfe verstehen Ursache und Wirkung, Hunde nicht
Die Forschenden um Michelle Lampe, von der Radboud Universität in Nijmegen, Niederlande, und Zsófia Virányi von der Vetmeduni Vienna untersuchten das Verhalten von 14 Hunden und 12 an den Menschen gewöhnten Wölfen mit drei Versuchsreihen. Die Tiere mussten dabei zwischen zwei Objekten wählen von denen eines Futter enthielt, das andere nicht.
Zuerst wurde analysiert, ob die sie alleine durch Augenkontakt oder in Verbindung mit einem Fingerzeig oder Nicken einen Futterhinweis verstehen. Im zweiten Versuch sollten Hunde und Wölfe nur auf die Geste hin das Futter finden. Im dritten Ansatz mussten sie selbst erkennen, dass ein rasselndes Objekt zu einer Belohnung führt.
Beide, Hunde und Wölfe, erkannten aufgrund des Augenkontakts den Hinweis auf Futter. Ohne den direkten Augenkontakt waren dagegen keines der Tiere in der Lage selbst die Belohnung zu finden. Beim dritten Versuch, bei dem die Vierbeiner ohne einen anwesenden Menschen nur über ein Lautmerkmal zwischen einer Niete und einem Leckerli entscheiden mussten, versagten nur die Hunde. Die Wölfe zeigten in dem experimentellen Beispiel dagegen ein hohes Verständnis für Ursache und Wirkung.
Domestikation möglicher Grund für Wahrnehmungsverlust
„Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass die Domestikation einen Einfluss auf die Wahrnehmung unserer heutigen Hunde hatte“, sagt Lampe. Allerdings kann man den Einfluss nicht ausschließen, dass Wölfe mehr Forschungsdrang zeigen müssen als Haustiere. Hunde sind üblicherweise darauf konditioniert von uns Futter zu bekommen. Wölfe müssen dagegen selbst Futterquellen entdecken.
„Unsere Studie ist aber auch insofern einzigartig, da wir nicht nur genau die gleiche Geschichte, sprich gleiche Lebensbedingungen und Ausbildung bei Hunden und Wölfen hatten“, so Lampe. „Wir verglichen außerdem Hunde, die wild im Rudel und in Haushalten lebten.“ Deshalb konnte sich das Team auch mit dem den Einfluss der Domestikation unter Berücksichtigung der Lebensbedingungen auseinander setzen. „Das Ergebnis bei den Hunden war unabhängig von der Haltungsmethode. Dies macht unsere Studie zum ersten gültigen Vergleich zwischen diesen beiden Tiergruppen in diesem speziellen Setup“, sagt Letztautorin Virányi.
Doch auch die Reaktion der Wölfe auf den Gesten in Verbindung mit Augenkontakt war für die Forschenden ein interessanter Hinweis auf die Entwicklung der Wildtiere zu unseren vierbeinigen Begleitern. „Das gezeigte Verhalten der Wildtiere könnte die Domestizierung erleichtert haben“, erklärt Virányi. „Allerdings könnte die Arbeit mit sozialisierten Wölfen auch eine Auswirkung auf das Ergebnis haben, da die Tiere den Umgang mit Menschen gewohnt sind.“
Service:
Der Artikel „The effects of domestication and ontogeny on cognition in dogs and wolves” von Michelle Lampe, Juliane Bräuer, Juliane Kaminski und Zsófia Virányi wird heute, am 15.09.2017, in Scientific Reports veröffentlicht.

15.09.2017, Justus-Liebig-Universität Gießen
Artenschützer schlagen Alarm: Papageien noch bedrohter als befürchtet
Über hundert Expertinnen und Experten aus der ganzen Welt fordern mehr Maßnahmen gegen Wilderei
Papageien gehören zu den bedrohten Tierarten: Seit den 90er Jahren war bekannt, dass ca. ein Drittel der mittel- und südamerikanischen Papageienarten vom Aussterben bedroht ist. Ein internationales Forscherteam mit über 100 Expertinnen und Experten aus Papageienforschung und Artenschutz unter der Leitung des Biologen Dr. Juan F. Masello von der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) kommt jetzt zu noch alarmierenderen Ergebnissen. „Was wir entdeckt haben, ist wirklich schlimm“, kommentiert Dr. Masello die Studie. „Die derzeitigen Artenschutzmaßnahmen beruhen leider auf völlig veralteten Daten und sind daher keineswegs ausreichend.“ Die Studie, die jetzt in der Fachzeitschrift „Biological Conservation“ veröffentlicht wurde, hat den Zustand von 192 Papageien-Populationen in Lateinamerika untersucht.
Viele der untersuchten Populationen sind durchschnittlich zehn unterschiedlichen Bedrohungen ausgesetzt. Die meisten gehen vom Menschen aus. So beeinträchtigt die Landwirtschaft 72 Prozent der Populationen, dicht gefolgt vom Wildvogelfang für den Handel (68 Prozent). Rodungen und andere menschliche Eingriffe und Störungen bedrohen demnach mehr als 55 Prozent der untersuchten Populationen. Diese Ergebnisse lassen auf ein deutlich höheres Risiko schließen als ursprünglich angenommen. Insgesamt wurden Populationen von 63 Prozent der lateinamerikanischen Papageienarten untersucht.
Die Forschungsergebnisse zeigen, dass der Fang wilder Papageien für den lokalen Handel derzeit besonders stark mit dem Rückgang der Populationen im Zusammenhang steht – ähnlich sieht es beim internationalen Handel aus. Der internationale Handel ist seit Jahrzehnten eine der Hauptbedrohungen für wilde Papageien, wurden in den 80er und 90er Jahren doch Millionen von Vögeln in Lateinamerika gefangen und in die USA, Europa und Japan importiert. Intensive Wilderei führte zur lokalen Ausrottung vieler Papageien und ist vermutlich der Hauptgrund dafür, dass es keine wildlebenden Spix-Aras mehr gibt.
Maßnahmen wie der U.S. Wild Bird Conservation Act (1992) oder das EU-Importverbot für Wildvögel (2007) haben den Handel in diese riesigen Märkten stark eingeschränkt, doch Südamerika, Südostasien und der Mittlere Osten spielen nach wie vor eine große Rolle beim legalen und illegalen Handel mit wilden Papageien. So gibt es der Studie zufolge in Bolivien, Brasilien, Mexiko und Peru einen blühenden Papageienhandel, auch wird von fortgesetzter Wilderei in mehreren anderen Ländern berichtet.
Die Befunde legen nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren nahe, dass dringend wirksame Maßnahmen zum Artenschutz ergriffen werden müssen. Diese sollten vor allem darauf abzielen, die Wilderei bzw. den Fang wilder Papageien für den Handel zu unterbinden. Auch Papageienpopulationen in direkter Nachbarschaft zu landwirtschaftlich genutzen Flächen müssten stärker geschützt werden.
Publikation
Berkunsky, I., Quillfeldt, P., Brightsmith, D.J., Abbud, M.C., Aguilar, J.M.R.E., Alemán-Zelaya, U., Aramburú, R.M., Arce Arias, A., Balas McNab, R., Balsby, T.J.S., Barredo Barberena, J.M., Beissinger, S.R., Rosales, M., Berg, K.S., Bianchi, C.A., Blanco, E., Bodrati, A., Bonilla-Ruz, C., Botero-Delgadillo, E., Canavelli, S.B., Caparroz, R., Cepeda, R.E., Chassot, O., Cinta-Magallón, C., Cockle, K.L., Daniele, G., de Araujo, C.B., de Barbosa, A.E., de Moura, L.N., Del Castillo, H., Díaz, S., Díaz-Luque, J.A., Douglas, L., Figueroa Rodríguez, A., García-Anleu, R.A., Gilardi, J.D., Grilli, P.G., Guix, J.C., Hernández, M., Hernández-Muñoz, A., Hiraldo, F., Horstman, E., Ibarra Portillo, R., Isacch, J.P., Jiménez, J.E., Joyner, L., Juarez, M., Kacoliris, F.P., Kanaan, V.T., Klemann-Júnior, L., Latta, S.C., Lee, A.T.K., Lesterhuis, A., Lezama-López, M., Lugarini, C., Marateo, G., Marinelli, C.B., Martínez, J., McReynolds, M.S., Mejia Urbina, C.R., Monge-Arias, G., Monterrubio-Rico, T.C., Nunes, A.P., Nunes, F., Olaciregui, C., Ortega-Arguelles, J., Pacifico, E., Pagano, L., Politi, N., Ponce-Santizo, G., Portillo Reyes, H.O., Prestes, N.P., Presti, F., Renton, K., Reyes-Macedo, G., Ringler, E., Rivera, L., Rodríguez-Ferraro, A., Rojas-Valverde, A.M., Rojas-Llanos, R.E., Rubio-Rocha, Y.G., Saidenberg, A.B.S., Salinas-Melgoza, A., Sanz, V., Schaefer, H.M., Scherer-Neto, P., Seixas, G.H.F., Serafini, P., Silveira, L.F., Sipinski, E.A.B., Somenzari, M., Susanibar, D., Tella, J.L., Torres-Sovero, C., Trofino-Falasco, C., Vargas-Rodríguez, R., Vázquez-Reyes, L.D., White Jr, T.H., Williams, S., Zarza, R. & Masello, J.F. (2017) Current threats faced by Neotropical parrot populations. Biological Conservation, 214, 278-287.
https://doi.org/10.1016/j.biocon.2017.08.016

Dieser Beitrag wurde unter Science abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.