Portrait: Reh

ohne Rang: Stirnwaffenträger (Pecora)
Familie: Hirsche (Cervidae)
Unterfamilie: Trughirsche (Capreolinae)
Tribus: Capreolini
Gattung: Rehe (Capreolus)
Art: Reh (Capreolus capreolus)
Reh (Wildpark Cumberland)

Reh (Wildpark Cumberland)

Ausgewachsene Rehe haben eine Körperlänge von 93 bis 140 Zentimeter und erreichen eine Schulterhöhe zwischen 54 und 84 Zentimeter. Sie wiegen je nach Ernährungszustand zwischen 11 und 34 Kilogramm. Tendenziell steigt das Gewicht von Südwesten nach Nordosten, von tiefen in höhere Lagen und von wärmeren zu kälterem Klima. So wiegen Ricken im Südwesten Spaniens durchschnittlich 17,1 und im Norden Spaniens 23,2 Kilogramm. In Norwegen erreichen Ricken dagegen ein durchschnittliches Gewicht von 28,8 Kilogramm.Einen ausgeprägten Sexualdimorphismus gibt es bezogen auf die Körpermaße nicht. Das adulte, weibliche Reh trägt kein Geweih.
Auf Grund mehrerer Merkmale wird das Reh dem sogenannten „Schlüpfertypus“ zugerechnet. Anders als der Rothirsch, der bei Beunruhigung mit schnellem, ausdauerndem Lauf flüchtet und der dem Läufertypus zugeordnet wird, sucht das Reh bei Beunruhigung mit wenigen schnellen Sprüngen Deckung im Dickicht.Es hat eine leicht gekrümmte und nach vorn abfallende Wirbelsäule, wodurch die Kruppe höher liegt als der Widerrist. Das Geweih des Bocks ist verhältnismäßig klein. Die keilförmige Körperform ist dem lautlosen Durchwinden von dichter Vegetation angepasst. Die Beine sind im Verhältnis zum Rumpf zierlich und lang, die Hinterläufe sind im Sprunggelenk stark eingeknickt.

Der Kopf ist im Verhältnis zur Körperlänge kurz, im Profil wirkt er fast dreieckig. Die Ohren sind lang-oval und zugespitzt und entsprechen in ihrer Länge etwa zwei Dritteln der Kopflänge. Die Iris ist schwarzbraun mit einer quer gestellten Pupille. Der Hals ist schlank und länger als der Kopf. Das Haarkleid besteht aus Leithaaren, Grannenhaaren und Wollhaaren. Grannen- und Leithaare bilden die Deckenhaare, darunter liegen die sehr dünnen und stark gekräuselten Wollhaare. Das Haarkleid ist im Sommer auf der Körperoberseite und den Außenseiten des Körpers glänzend, wobei die Färbung individuell von einem dunklen Braunrot bis zu einem Fahlgelb variieren kann. Die Innenseite der Läufe und der Unterbauch sind heller und gelblicher. Die Region um den After, der sogenannte Spiegel, hebt sich vom übrigen Fell ab und ist gewöhnlich von gelblich weißer Farbe. Böcke haben am Kinn und an jeder Seite der Oberlippe einen kleinen weißen Fleck, auch oberhalb der Nasenpartie ist häufig ein weißer Fleck ausgebildet. Die Ohren sind bei beiden Geschlechtern auf der Außenseite braungrau mit einem dunklen bis schwarzen Rand, innen ist das Ohr dagegen hellgrau bis weiß. Der Übergang vom Sommer- zum Winterhaarkleid erfolgt im September und Oktober. Er verläuft zunächst unauffällig, weil die roten Sommerhaare das wachsende graue Winterhaar lange optisch überdecken. Der für einen Beobachter erkennbare Haarwechsel verläuft dagegen sehr schnell und ist bei gesunden Rehen innerhalb einer Woche abgeschlossen. Im Winter variiert die Farbe des Haarkleides zwischen Hell- und Dunkelgrau. Auch im Winterhaarkleid ist die Körperunterseite heller als die Körperoberseite. Der Wechsel vom Winter- ins Sommerkleid erfolgt in Mitteleuropa im Zeitraum von März bis April. Die Sommerhaare sind zuerst am Kopf sichtbar, dann auf dem Widerrist. Im Winter ist das einzelne Haar hohl, was der besseren Isolierung durch Lufteinschluss dient.
Das Fell der Rehkitze ist rotbraun und weist zunächst eine weiße Punktierung auf dem Rücken und auf den Flanken auf. Diese weiße Fleckenzeichnung wird ab einem Alter von einem Monat allmählich undeutlicher und verschwindet bis zum Alter von zwei Monaten durch das Überwachsen durch rote Sommerhaare. Unter dem langen roten Haaren sind die weißen und braunen Kitzhaare noch bis zum Wechsel in das Winterhaarkleid vorhanden.

Weißes Reh (Naturkundemuseum Augsburg)

Weißes Reh (Naturkundemuseum Augsburg)

Neben rotbraunen Rehen treten selten auch albinotische oder teilalbinotische Individuen auf. Bei reinen Albinos sind die Haare völlig weiß, die Augen sind rot. Bei den etwas häufigeren Teilalbinos, den sogenannten gescheckten Rehen, treten weiße Stellen an verschiedenen Körperteilen auf, die weißen Stellen können unterschiedlich groß sein. Fehlen dem Reh bestimmte Farbpigmente, kann das Haar auch gelblich oder silberfarben sein. Im Tiefland des nördlichen Mitteldeutschlands gibt es eine große Anzahl sogenannter schwarzer Rehe, die vereinzelt auch in anderen Regionen auftreten. Im nördlichen Mitteldeutschland gab es schwarze Rehe vermutlich bereits um 990 in der Umgebung von Haste. Ihr Vorkommen ist für den heutigen Kreis Lüchow-Dannenberg für 1591 sicher belegt, da aus diesem Jahr ein Brief des Landgrafen Wilhelm von Hessen-Kassel an den Herzog Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel erhalten geblieben ist, in dem er um die Zusendung der versprochenen schwarzen Rehe bittet.
Die Färbung erklärt sich durch eine starke Vermehrung des schwarzen Pigments, das die Rotfärbung unterdrückt. Dieses Merkmal wird vermutlich rezessiv vererbt. Im Sommer sind bei diesen Tieren der Kopf bis zur Augenlinie, Nacken, Rücken und oberer Teil der Läufe glänzend tiefschwarz. Die Körperunterseite wirkt grauschwarz. Im Winter ist das Schwarz etwas matter. Auch die Kitze sind bereits schwarz gefärbt, weisen aber wie normal gefärbte Kitze eine bis zwei Reihen heller Flecken beiderseits der Wirbelsäule auf. Schwarze Rehe machen immer nur einen geringen Anteil der gesamten Rehwildpopulation aus. Selbst dort, wo man durch den gezielten Abschuss rotbrauner Rehe den Anteil schwarzer Rehe gezielt fördern wollte, gelang es nicht, ihren Anteil über 75 Prozent zu steigern.

Nur die Böcke tragen ein Geweih. In der Jägersprache wird das Geweih der Rehe auch als Gehörn, im süddeutsch-österreichischen Sprachraum auch als Krickl, bezeichnet. Es besteht aus zwei runden bis ovalen Stangen, die bei Böcken in Mitteleuropa durchschnittlich eine Länge von 15 bis 20 Zentimeter erreichen. Im Normalfall weist jede Stange eines normal entwickelten, älteren Bockes drei Enden auf: Eine sogenannte Vordersprosse sowie das eigentliche Stangenende, auch Mittelsprosse genannt, und eine in der Höhe zwischen beiden liegende Hintersprosse. Die wichtigste biologische Funktion dieses Geweihes liegt im Ausfechten und Verteidigen der Rangordnung. Die mit Duftdrüsen versehenen Kolbenenden produzieren außerdem bis zum Fegen der Basthaut ein Sekret, das an der Vegetation abgestreift wird. Da das Geweih eine Überschussproduktion des Körpers ist, spielen bei seiner Entwicklung neben dem Alter der Böcke äußere Faktoren wie die Ernährung eine Rolle. Erst nach dem Abschluss der körperlichen Entwicklung des Bocks kann die Geweihentwicklung ihren Höhepunkt erreichen. In der Regel erreichen Geweihmasse und -volumen ihr Maximum bei fünfjährigen Böcken. Das Geweih kann dann bis zu 600 Gramm wiegen. Es gibt keine Hinweise darauf, dass Böcke mit stärkerem Geweih von den Ricken bevorzugt werden.

Bereits drei Monate alte Bockkitze entwickeln mit Beginn der Produktion des männlichen Geschlechtshormons Testosteron auf den Stirnbeinen Fortsätze, die Rosenstöcke genannt werden. Diese Stirnzapfen haben ohne Ernährungsmängel der Kitze im September/Oktober eine Länge von 30 Millimeter und einen Durchmesser von bis zu 10 Millimeter erreicht. Sie sind noch von Haut, nicht von Bast umgeben. Diese Haut wird im Zeitraum Dezember bis Januar abgescheuert, so dass die Spitzen dieses Erstlingsgeweihs freiliegen. Bereits kurz darauf erfolgt der Abwurf und die Bildung des Folgegeweihs setzt ein. Das Geweih einjähriger Böcke ist normalerweise als einfacher, unverzweigter Spieß ausgebildet. Seltener kommen bereits bei Einjährigen die für zwei- und mehrjährige Böcke typischen Stangen mit jeweils zwei beziehungsweise drei Sprossen vor. Böcke, die älter als fünf Jahre sind, sind zunehmend nicht mehr in der Lage, die für den Geweihaufbau notwendigen Aufbaustoffe vollständig abzugeben, da sie mehr Mineralien verbrauchen als sie aufnehmen. Dabei spielen die wegen der Abnutzung der Zähne zunehmend schlechtere Ernährung sowie möglicherweise auch eine nachlassende Funktionsfähigkeit des endokrinen Drüsensystems eine Rolle.
Bei Böcken, die mindestens das erste Lebensjahr abgeschlossen haben, fällt das Geweih jährlich in der Zeit von Oktober bis November ab und beginnt unter einer schützenden und nährenden Basthaut sofort neu zu wachsen. Die Wachstumsphase des Geweihs währt etwa 60 Tage und endet im Januar. Bei in Gattern gehaltenen Böcken hat man ein tägliches Geweihwachstum von etwa drei Millimetern festgestellt.  Das energiezehrende Schieben eines Geweihs in der verhältnismäßig äsungsarmen Winterzeit ist bei Hirschen sehr selten und kommt nur noch beim Sibirischen Reh und beim ostasiatischen Davidshirsch vor.

Die Basthaut stirbt nach Abschluss der Geweihbildung ab und wird vom Bock durch Fegen an Büschen und jungen Bäumen von der verbleibenden Knochenmasse entfernt. Böcke, die mindestens zwei Jahre alt sind, fegen in Mitteleuropa ihre Geweihe während der zweiten Märzhälfte und damit noch bevor sie in das Sommerkleid wechseln. Einjährige Böcke fegen dagegen ihr Geweih sieben bis acht Wochen später, wenn sie bereits das Sommerkleid tragen. Frisch gefegte Geweihe sind weiß oder vom anhaftenden Blut leicht gerötet. Durch das Fegen an Bäumen und Sträuchern dringen Rinden- und Pflanzensäfte in die Poren der Stangen ein, dadurch erhält das Geweih seine Farbe. Böcke, die ihr Geweih an Erlen und Nadelhölzern fegen, haben tendenziell sehr dunkle Geweihe, bei den sogenannten Feldrehen, denen auf Grund ihres Lebensraumes wenig Bäume zum Fegen zur Verfügung stehen, sind hellgraue Stangen typisch. Das Fegen des Geweihs schadet den Bäumen: Böcke nutzen dafür bevorzugt alleinstehende Stämmchen und Randpflanzen, die Fegefreudigkeit der einzelnen Böcke ist individuell verschieden. Einzelne Böcke fegen nur an wenigen Stämmchen, während andere in Kulturen hunderte von Pflanzen massiv schädigen. Fegeschäden gelten als kaum vermeidbar, es hilft nur das Einzäunen von aufgeforsteten Kulturen oder ein Einzelschutz von Bäumen beispielsweise durch Ummanteln der Stämme mit Maschendraht. Im Vergleich mit den Verbissschäden, die Rehe in Wäldern anrichten können, sind die Fegeschäden jedoch gering.

Das Reh ist ein ausgeprägt geruchlich orientiertes Tier. Es zählt zu den sogenannten Makrosmatikern, da ein hoher Anteil der Nasenschleimhaut mit einem Riechepithel (Riechschleimhaut) überzogen ist. Auf den etwa 90 Quadratzentimeter umfassenden Riechepithel befinden sich rund 320 Millionen Riechzellen.[30] Rehe sind in der Lage, bereits geringe Duftreize wahrzunehmen und riechen einen Menschen aus einer Entfernung von 300 bis 400 Metern.
Die seitlich stehenden Augen erlauben dem Reh ohne Kopfdrehung einen weiten Umkreis zu überblicken. Rehe reagieren besonders auf Bewegungen, das Erkennungsvermögen für unbewegte Gegenstände ist nicht sehr hoch entwickelt. Dies ist vermutlich auch der Grund, warum Rehe gegenüber einem stillstehenden Objekt beim Sichern auffällig das Haupt heben und senken. (Bei Störungen richten Rehe den Kopf auf und starren die Ursache der Störung an, wobei sie sich oft seitwärts stellen. Dieses charakteristische Verhalten wird Sichern genannt.) Sie bewegen sich gelegentlich auch langsam und mit weit vorgestrecktem Hals im Stechschritt auf die verdächtige Erscheinung zu, dabei stampfen sie von Zeit zu Zeit auf den Boden. Das Verhalten wirkt auf den Menschen äußerst neugierig, es handelt sich jedoch um ein Verhalten, bei dem sich das Reh Klarheit über die Ursache seiner Beunruhigung verschafft. Es kann einer Flucht unmittelbar vorausgehen.
Über die Leistungsfähigkeit des Gehörsinns besteht keine einheitliche Einschätzung, da Rehe auf verschiedene Laute sehr unterschiedlich reagieren. Rehe können sich an laute Geräusche gewöhnen und lassen sich beispielsweise durch die Lärmkulisse einer Autobahn oder eines Schießplatzes beim Äsen nicht stören. Dagegen kann das leise Knacken eines trockenen Zweiges bei ihnen Sichern und Flucht auslösen.

Perückenbock (Deutsche Jagd- und Fischereimuseum)

Perückenbock (Deutsche Jagd- und Fischereimuseum)

Ein bellender Laut ist die auffälligste und am häufigsten zu vernehmende Lautäußerung des Rehs, er wird in der Fachliteratur als „Schrecklaut“, in der Jägersprache als „Schrecken“ bezeichnet. Belllaute sind meist dann zu hören, wenn Rehe aufgeschreckt werden, aber die Ursache der Störung noch nicht identifiziert haben. Der Laut drückt eher Erregtheit und Aggression als Angst aus. Ein bellendes Reh signalisiert dem Störer unter anderem, dass es ihn entdeckt hat – für einen potentiellen Fressfeind ist in diesem Fall eine weitere Annäherung sinnlos. Seinen Artgenossen teilt das Reh über das Bellen auch mit, wo es sich befindet. In einigen Regionen sind im Sommer morgens und abends deswegen für etwa eine halbe Stunde bellende Rehe zu vernehmen. Mit fiependen Lauten locken sich Kitz und Ricke dagegen gegenseitig. Auch während der Brunft ruft die Ricke fiepend nach dem Bock. Für den Bock ist dagegen beim Treiben der Ricke oder beim Vertreiben eines anderen Bockes häufig ein keuchendes, pfeifendes Schnauben zu vernehmen.

Das Reh verfügt über drei verschiedene Gangarten. Im Schritt setzt es die Läufe links hinten, links vorn, rechts hinten und rechts vorn auf. Dabei tritt es mit dem Hinterlauf annähernd in die Trittspur des Vorderlaufs auf der gleichen Körperseite. Die Schrittlänge misst zwischen 35 und 45 Zentimeter. Der sogenannte Troll oder Trab ist ein etwas schnellerer Gang, bei dem jeweils zwei diagonale Läufe – also beispielsweise linker Vorder- und rechter Hinterlauf – gleichzeitig auf den Boden gesetzt werden. Rehe zeigen diese Gangart verhältnismäßig selten und nur über kurze Distanzen.
Die schnellste Gangart des Rehs ist der Galopp, er besteht aus einzelnen Sprüngen, bei denen beide Vorderläufe und beide Hinterläufe fast gleichzeitig auf den Boden gesetzt werden. Das Reh stößt sich unter Mitwirkung der Rückenmuskulatur beim Strecken der Hinterläufe vom Boden ab, bewegt sich dann mit geradem Rücken ohne Bodenberührung durch die Luft und fängt sich mit den Vorderläufen wieder auf. Mit stark gekrümmten Rücken werden dann die Hinterläufe noch vor den Trittspuren der Vorderläufe wieder aufgesetzt, die durchschnittliche Sprungweite liegt bei etwa vier Metern. Rehe sind nicht in der Lage, diese schnelle Gangart über längere Zeit aufrechtzuerhalten, da ihre Herz- und Lungenleistung dafür nicht ausreicht. Rehe sind außerdem gute Schwimmer und in der Lage, mehrere Kilometer breite Gewässer zu durchqueren.

Das Europäische Reh kommt in fast ganz Europa sowie in Teilen Kleinasiens vor. Auf der Iberischen Halbinsel ist das Verbreitungsgebiet lückenhaft und auf Grund der klimatischen Gegebenheiten überwiegend auf Gebirge begrenzt. Rehe kommen unter anderem in den Pyrenäen, dem Kantabrischen und dem Iberischen Gebirge, den Montes de Toledo und in der Provinz Cádiz sowie in der Region um Málaga vor. Letzteres gehört zu den südlichsten Verbreitungsgebieten des Rehs.Die südliche Verbreitungsgrenze verläuft weiter über der Südspitze Italiens, das Reh kommt nicht auf Sizilien und den übrigen westlichen Mittelmeerinseln vor. Auf dem Peloponnes ist das Reh zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgerottet worden, es ist aber noch am Olymp, auf der Chalkidike und einigen griechischen Inseln verbreitet. Zum Verbreitungsgebiet gehört außerdem der Norden Syriens, der Nordirak, Israel bis zum See Genezareth und Haifa sowie der Iran. Die Ostgrenze verläuft über Bulgarien und Rumänien, wo Rehe jeweils im gesamten Landesgebiet vorkommen, in nördlicher Richtung über Kropywnyzkyj, Dnipro, Borissoglebsk, Woronesch, Orjol, dem Westen Moskaus, dem Wolga-Stausee, dem Rybinsker Stausee, dem Westufer des Ladogasees entlang der Ostgrenze Finnlands. In Skandinavien liegt die nördliche Verbreitungsgrenze an der atlantischen Küste etwa am 65. Breitengrad, von den Ostseegebieten Schwedens zieht sich dann das Verbreitungsgebiet in einem schmalen Streifen östlich des Skandinavischen Gebirges bis hin zum Polarkreis. Auf Irland leben keine Rehe, dagegen ist das Reh in Schottland und Teilen Englands weit verbreitet. Außerhalb seines natürlichen Verbreitungsgebietes ist das Reh bisher nur in Texas eingebürgert worden. Dort hat eine Arealvergrößerung bislang nicht stattgefunden.

In der Waldlandschaft Europas besiedelte das Reh Waldlichtungen, Waldrandzonen sowie andere, unterwuchsreiche und baumarme Lebensräume wie Auen, Deltas und Riede, die nicht in Waldlandschaften übergehen. Die heute von Agrarflächen durchzogenen oder umgebenen Waldgebiete bieten dem Reh deutlich mehr Lebensraum. Die Bestandsdichte liegt hier 10 bis 20-mal höher als in Waldgebieten, deren Baumbestand eine natürliche Altersstruktur aufweist. Optimale Rehhabitate bestehen aus einem engmaschigen Mosaik von forstlich und landwirtschaftlichen genutzten Flächen und weisen Dickungen, Althölzer, Wiesen sowie mit Sträuchern und Kräutern bewachsene Schneisen und Wegränder auf.

Die Höhenverbreitung reicht von der Tiefebene bis in alpine Höhenlagen von 3.000 Metern. Allerdings ist es in hochalpinen Regionen oberhalb der Baumgrenze und in offenem Grasland selten. Regionen mit strengen Wintern und hohen, lang andauernden Schneelagen sind für Rehe wenig geeignet, da sie sich in hohem Schnee nur schlecht fortbewegen und an Nahrung gelangen können. Rehe überwintern in solchen Regionen auf zum Teil verhältnismäßig kleinräumigen Stellen, an denen sich auf Grund topographischer Merkmale weniger Schnee ansammelt.  Rehe sind außerdem erfolgreiche Kulturfolger, die auch vom Menschen stark überformte Lebensräume besiedeln. Auf Grund ihrer verhältnismäßig geringen Größe genügen ihnen bereits kleine Waldreste oder Hecken als Deckung. Entsprechend besiedeln Rehe auch die offene Agrarsteppe. Es wird zwischen den Ökotypen Waldreh und Feldreh unterschieden. Während das Waldreh nach wie vor waldnahe Habitate besiedelt, ist das Feldreh in der deckungsarmen offenen Agrarlandschaft zuhause und hat seine Ernährung überwiegend auf Feldfrüchte umgestellt. Feldrehe kehren jedoch in die für sie optimale Waldrandzone zurück und ändern ihre Ernährungs- und Verhaltensweise, wenn die Rehbestandsdichte in diesen Zonen zurückgeht.

In Regionen mit hohem Damwild-, Sikahirsch- oder Rothirschbestand sind Rehe tendenziell seltener. Es liegen noch keine exakten Untersuchungen zum interspezifischen Verhalten von Rehen zu anderen Tierarten vor, doch verlassen Rehe bei sich näherndem Damwild die Äsungsflächen. Noch mehr Distanz halten Rehe zu Rotwild, auch hier scheint das Brunftverhalten von Rothirschen Rehe zu stark zu beunruhigen. In mehreren Regionen konnte ein Anstieg der Rehwildbestände nachgewiesen werden, wenn der Bestand an Rothirschen zurückging. Auch Sikahirsche verdrängen Rehe. Gegenüber Wildschweinen ist das Verhalten der Rehe unterschiedlich. Dort, wo Wildschweine häufig sind und auch am Tage ihre Einstände verlassen, suchen beide Arten gelegentlich auf denselben Flächen nach Nahrung. Dagegen reagieren Rehe in der Dämmerung und bei Dunkelheit auf Wildschweine mit einem sichernden Verhalten.

Grundsätzlich sind Rehe bestrebt, in dem Lebensraum zu bleiben, in dem sie geboren wurden. Ab einer gewissen Bestandsdichte ist dies jedoch nicht mehr möglich. Entscheidend ist dabei die biotisch tragbare Wilddichte, d. h. die Bestandsdichte, bei der Körper-, Geweih- und Gewichtsentwicklung von Rehen den genetisch und umweltbedingten Möglichkeiten entspricht. Sie liegt gewöhnlich deutlich unter der Äsungskapazität eines Gebietes. Wird die biotisch tragbare Wilddichte überschritten, reagieren Rehe auf Grund des damit verbundenen Stresses mit Gewichtsverlust und Minderung ihrer Krankheitsresistenz, eine Ausdehnung der Population in bislang rehwildfreie Räume setzt ein. Wo neuer Lebensraum nicht mehr zur Verfügung steht, setzt eine höhere Kitzsterblichkeit, geringere Befruchtungsrate und ein zugunsten der Männchen verschobenes Kitz-Geschlechtsverhältnis ein.

Rehjagd, Pauwel de Vos (1595–1678)

Rehjagd, Pauwel de Vos (1595–1678)

Die Besiedlung neuer Regionen durch Rehe ist im Verlauf des 20. Jahrhunderts unter anderem auf dem Gebiet der Karstregion um Triest, auf neu entstandenen Poldern in den Niederlanden, der Insel Fehmarn sowie großflächigen Landwirtschaftsgebieten im ungarischen Theißgebiet genauer beobachtet und beschrieben worden. Als erstes erschließen sich konstitutionell starke ein- bis zweijährige Böcke einen neuen Lebensraum, weil sie weiter abwandern als dies bei gleichaltrigen Weibchen der Fall ist. Im neuen, konkurrenzarmen Gebiet können sich diese Böcke konditionell sehr stark entwickeln. Wenn sie im Winter auf der Suche nach Äsung ihren Aktionsraum vergrößern, begegnen sie im Randgebiet der festetablierten Population auch anderen Rehsprüngen. Aus diesen Sprüngen folgen ihnen am Winterende einjährige Ricken nach. Drei bis fünf Jahre nach der Erstbesiedelung wächst im neu besiedelten Bereich der Rehbestand stark an, weil die jungen, auf Grund des Äsungsangebotes konditionsstarken Weibchen viele Jungtiere großziehen. Die hier geborenen, konditionell starken jungen Böcke wandern ebenfalls in die Regionen ab, die weniger dicht oder noch nicht besiedelt sind. Abwanderungen über mehr als zwanzig Kilometer sind die Ausnahme, im Durchschnitt wandern die Rehe nicht weiter als ungefähr zwei Kilometer.

Rehe halten sich innerhalb eines bestimmten, definierbaren Aktionsraums auf. Adulte Tiere sind dabei sehr standorttreu. Die Grenzen des Aktionsraums eines einzelnen Tieres oder eines Sprunges orientieren sich an bestehenden topographischen Linien wie beispielsweise Feldrändern, Böschungen, Wegen, Straßen und Hecken.Die Größe der Fläche schwankt nach Jahreszeit, Biotop, Äsungsangebot, Alter und Geschlecht der Tiere. In der Regel sind die Aktionsräume im Sommer kleiner als in den übrigen Jahreszeiten.
Innerhalb ihres Aktionsraumes bevorzugen Rehe solche Ruhezonen, die ihnen einen optimalen Überblick über die Umgebung erlauben. So finden sich Ruheplätze häufig an Hügelkuppenrändern oder Hangterrassen. Erhöhte Liegeplätze haben akustische Vorteile, da hier die Hörweite erhöht ist und sie sind stärker bewindet, so dass Rehe potentielle Störer auch schneller riechen. Da sie stärker dem Wind ausgesetzt sind, sind erhöhte Liegeplätze insbesondere bei warmem Wetter kühler. Gleichzeitig können Rehe auch optisch auf größere Distanz Feinde erkennen und sich durch kurze Fluchten einer Begegnung entziehen. In der Nähe von Straßen wird der Lagerplatz hingegen so gewählt, dass ein Sichtkontakt durch Ducken oder langsamen Rückzug gemieden werden kann.

Adulte Böcke besetzen in der Regel echte Territorien, die durch Sicht- und Duftmarkierungen abgegrenzt und zeitweilig gegen andere Böcke unduldsam verteidigt werden. Die Territorien überschneiden sich, wenn überhaupt, lediglich an ihren Grenzen. Sie werden häufig über mehrere, aufeinanderfolgende Jahre besetzt. Veränderungen der Vegetation beispielsweise auf Grund von Rodungen, Anpflanzungen oder Wechsel der landwirtschaftlichen Anbaumethoden führen in der Regel nicht dazu, dass ein einmal etablierter Bock seine Reviergrenzen verschiebt oder sein Revier aufgibt. Grundsätzlich besetzen in Gebieten mit einer geringen Rehdichte, wo etwa zwei bis vier Böcke auf 100 Hektar vorkommen, alle mehrjährigen Böcke ein Territorium. Mit dichter werdendem Bestand ist das Alter territorialer Böcke tendenziell höher, die Anzahl nichtterritorialer Böcke nimmt zu und die Größe von Bockterritorien nimmt gleichzeitig ab. Bei der Etablierung von Territorien spielen Alter, Kampftrieb und Erfahrung, aber auch Zufall eine Rolle. Geweihvolumen oder Geweihendzahl sind dagegen ohne Bedeutung.

In Schottland betrug die Reviergröße in Regionen mit geringem Rehbestand bis zu 35 Hektar, in einem den Lebensraumansprüchen von Rehen sehr stark entsprechendem Waldgebiet im Norden Englands dagegen im Mittel nur 7,4 Hektar.[65] Eine Größe von unter fünf Hektar scheint auch bei einer reichhaltigen Zufütterung nicht unterschritten zu werden. Rehböcke sind allerdings nicht überall territorial: Das gilt für Regionen mit einer sehr geringen Bestandsdichte an Rehen oder wenn zu viele Konkurrenten da sind, beispielsweise wenn sie in Gattern gehalten werden. Auch in hochalpinen Lebensräumen, wo sich die Aktionsräume vom Frühjahr bis in den Sommer bergwärts verschieben, gibt es eine nur angedeutete Territorialität der Böcke.
Junge, nichtterritoriale Böcke durchstreifen entweder die Territorien mehrerer adulter Böcke, halten sich in der Randzone zwischen zwei Territorien auf oder werden zu sogenannten „Satelliten-Böcken“, die auf Grund ihres nicht-aggressiven Verhaltens vom territorialen Bock in seinem Revier geduldet werden.

Ricken leben nicht territorial in dem Sinne, dass sie über längere Zeit ein Revier durch Markierung abgrenzen und ihre Artgenossen daraus vertreiben. Auf Grund der langen Prägungsphase der Kitze sind Ricken jedoch darauf angewiesen, während der ersten Wochen nach der Geburt des Nachwuchses einzelgängerisch einen kleinen Aktionsraum zu besetzen.[68] Durch Drohen, Imponieren und Verjagen werden diese kleinen Aktionsräume gegen andere Ricken verteidigt. Ricken passen ihre sogenannten Setzplätze an die jeweiligen Gegebenheiten an. Im Idealfall treffen an ihrem Setzplatz auf möglichst kleiner Fläche ein großes, leichtverdauliches und energiereiches Äsungsangebot, ausreichende Deckung sowie ein trockenes und warmes Mikroklima aufeinander. Solche Flächen können in den ersten Tagen nach dem Setzen weniger als ein Hektar groß sein, Ricken dehnen danach die von ihnen genutzte Aufzuchtzone sukzessive aus.
Schmalrehe wandern zwar gelegentlich ab, sie halten sich aber häufig im Nahbereich des mütterlichen Sommergebietes auf und schließen sich im Herbst wieder dem Muttertier und deren Kitzen an. Sie verbleiben häufig auch dann noch im Randbereich des Aktivitätsraums des Muttertiers, wenn sie selbst Kitze führen.
Verwandte Ricken bewohnen daher ein Sippenrevier, das sich mit anderen Sippenrevieren nur wenig überschneidet. Diese Rickensippen bestehen aus zwei bis vier führenden Ricken mit den dazugehörigen Kitzen, Böcken und Schmalrehen. In der Regel bilden Ricken nur mit Angehörigen der gleichen Sippe gemeinsame Sprünge. Schmalrehen gelingt nur selten der Anschluss an eine fremde Sippe. Dort wo man ihn beobachtet hat, fand er statt, weil sich das Schmalreh dem territorialen Bock angeschlossen hatte.

Rehwild schließt sich zu Beginn des Herbstes, wenn die Brunft abgeschlossen ist, zu Verbänden zusammen, die Sprünge genannt werden. Unter Sprung versteht man dabei eine Anzahl Rehe, die sich zur gleichen Zeit am gleichen Ort aufhalten, sich gleichzeitig in gleicher Richtung bewegen und Individualdistanzen von maximal 50 Meter einhalten. Die hohe innerartliche Verträglichkeit ist eine energiesparende Anpassung an das geringe eiweißarme Nahrungsangebot im Winterhalbjahr.
Die Zusammensetzung und Größe von Sprüngen sind abhängig von der Bestandsdichte, dem Geschlechterverhältnis, den Merkmalen des Lebensraums und dem Nahrungsangebot. In Waldrevieren mit geringer Bestandsdichte, viel Deckung und einem guten Nahrungsangebot sind die Sprünge klein und bestehen häufig nur aus zwei bis vier Individuen. Rehen, die die offene Agrarlandschaft besiedeln, können dagegen deutlich größere Verbände bilden. Anders als bei Rothirschrudeln bestehen zwischen den Rehen eines Sprunges nicht unbedingt intensivere soziale Beziehungen und Bindungen. Ferdinand von Raesfeld spricht von einer fast zufällig wirkenden Zusammensetzung.
Sprünge werden in den meisten Fällen von einer Ricke geführt, die mindestens ein Kitz hat. Sie bestimmt bei Störungen die Fluchtrichtung. Sprünge beginnen sich im Spätwinter wieder aufzulösen, kurz vor der Geburt der Kitze im Mai ist diese Auflösungsphase abgeschlossen.

Rehe kommen auch in der modernen Agrarlandschaft vor, in denen Wälder und Feldgehölze selten sind oder sogar ganz fehlen. Nach der Definition des Arbeitskreises Wildbiologie und Jagdwissenschaft werden Rehe als Feldrehe bezeichnet, wenn sie eine positive Verhaltensanpassung an diesen Lebensraum aufweisen: Sie haben Teile ihres Territorialverhaltens aufgegeben und flüchten bei Störungen nicht in den schützenden Busch oder Wald, sondern auf Distanz ins offene Feld. Dort halten sie sich überwiegend auf, statt täglich vom Wald ins Feld und zurück zu wechseln. Sie leben einen großen Teil des Jahres in Sprüngen[76] und zeigen vor allem im Winterhalbjahr ein Verhalten, das an die typischen Herdentiere der Steppenzone erinnert.Häufig umfassen solche Sprünge 30 bis 40, in strengen und schneereichen Wintern sogar bis zu 100 Tiere.[78] Die Tendenz, bei fehlender Deckung größere Gruppen zu bilden, kommt auch bei anderen Hirscharten vor, die sowohl Waldlandschaften als auch offene Gebiete bewohnen. Vergleichbare Beispiele sind Axishirsch, Sambar, Schweinshirsch und Weißwedelhirsch.

Feldrehe wurden erstmals in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf polnischem Gebiet beobachtet, das Autorenteam um Ferdinand von Raesfeld bezeichnete das später auch in anderen europäischen Regionen beobachtete Verhalten dieses Ökotyps als „eine erneute, erstaunliche Anpassung an veränderte Umweltbedingungen.“ Im Churer Rheintal kam man zu dem Schluss, dass in offenen Agrarlandschaften vorkommende Rehe nicht in geschlossenen Gruppen oder Sippen leben, sondern ortsabhängige Beziehungen zu vielen Individuen im selben Raum eingehen. Dies erlaubt Rehen die stark schwankenden Ressourcen in intensiv genutzten Agrarlandschaften bestmöglich auszunutzen. Insbesondere im Winter halten sich Feldrehe den ganzen Tag auf fast deckungslosen, aber durch Wintergetreide und Zwischensaat äsungsreichen Flächen auf. Sie sind leicht auszumachen, durch die große Gruppe werden nahende Feinde jedoch früh bemerkt. Für das einzelne Mitglied einer großen Gruppen sinkt die Wahrscheinlichkeit, von einem Fressfeind gegriffen zu werden. Individuen eines großen Sprungs wenden entsprechend nur halb so viel Zeit auf das Beobachten ihrer Umgebung auf wie allein oder paarweise lebende Rehe.

Mehr als bei Waldrehen spielt das Sehvermögen im Verhalten der Feldrehe eine Rolle. Die Angehörigen eines Sprungs nehmen beim Ruhen grundsätzlich entgegengesetzte Positionen ein, die einen Rundumblick gewährleisten. Wird ein Reh beunruhigt, steht es auf und spreizt die langen weißen Haare des Spiegels nach außen, so dass sich der Spiegel auf mehr als das Doppelte vergrößert. In der Nähe befindliche andere Rehe werden dadurch auf die Störung aufmerksam und beginnen gleichfalls zu sichern. Die Flucht eines einzelnen Rehes löst die Flucht des ganzen Sprunges aus und kann sich sogar auf benachbarte Sprünge übertragen. Die Fluchtdistanz von Feldrehen ist hoch. Untersuchte Bestände reagierten in fünfzig Prozent der Fälle schon auf 800 Meter Entfernung auf Störungen und flohen dann über eine Distanz von durchschnittlich 400 Meter. Diese hohe Fluchtdistanz kompensiert die fehlende Deckung. Im Frühjahr, wenn durch die höher gewachsenen Feldkulturen mehr Deckung vorhanden ist, zerfallen die Sprünge, dies erfolgt aber später als in Waldregionen. Zur Setz- und Brunftzeit nehmen Böcke und Ricke feste Territorien ein, die aber tendenziell größer als bei waldlebenden Rehen ist. Es fehlen bei den Böcken die typischen Einstandskämpfe mit Drohgebärden und Verfolgungsjagden. Vermutet wird, dass die männlichen Mitglieder eines Sprunges ihren Rang in der Hierarchie durch das ständige Zusammenleben genau kennen.

Rehe sind Wiederkäuer, allerdings haben sie gemessen an ihrer Körpergröße einen verhältnismäßig kleinen Pansen mit geringem Füllungsgrad. Sie verfügen außerdem nur über zwei statt der für Wiederkäuer so charakteristischen drei Blindsäcke. Dafür ist aber die Pansenschleimhaut dichter mit Pansenzotten besetzt als dies bei vielen anderen wiederkäuenden Huftieren der Fall ist. Dies vergrößert die Gesamtoberfläche des Pansens und damit die dem Blutkreislauf pro Zeiteinheit zugeführte Stoffmenge. Rehe werden als „Konzentratselektierer“ bezeichnet, da sie ausschließlich leicht verdauliche Nahrung bevorzugen.
Beäst werden die Pflanzen vom Erdboden bis in eine Höhe von 120 Zentimeter. Bevorzugt fressen Rehe jedoch die Pflanzenteile, die etwa 75 Zentimeter über dem Boden stehen. Ein etwa 20 Kilogramm schweres Reh braucht zwischen zwei und vier Kilogramm Grünmasse für die Deckung seines täglichen Energiebedarfs. Bei natürlicher Futterzusammensetzung benötigt ein Reh außerdem etwa 1350 Milliliter Wasser je 10 Kilogramm Lebendgewicht. In der Regel enthält die natürliche Nahrung so viel Feuchtigkeit, dass es nicht zusätzlich trinken muss. Bei zunehmender Trockenheit sind Rehe jedoch regelmäßig an Wasserstellen zu beobachten.

Der Stoffwechsel von Rehen ist insbesondere an Rehböcken untersucht worden. Dabei ließen sich zwei Perioden im Jahr feststellen, in denen die Rehböcke besonders stark zunehmen. Diese Feistzeiten fallen in Mitteleuropa in den Zeitraum März bis Juli sowie von Anfang September bis Anfang November. Rehböcke nehmen in dieser Zeit bis zu 20 Prozent des Ausgangsgewichtes zu. Die im Frühjahr aufgebauten Reserven werden während der Brunft im Juli und August wieder abgebaut. Die im Herbst angelegten Reserven dienen der Überbrückung des Energiedefizits im Winter. Bei säugenden Ricken und den heranwachsenden Kitzen ist der Eiweißbedarf vor allem im Sommer sehr hoch. Säugende Ricken steigern ihre Energieaufnahme im Vergleich zu nicht säugenden Ricken auf bis zu 150 Prozent.

Rehe erkennen ihnen bekannte Pflanzen an Geruch und Geschmack, neue Nahrungspflanzen erschließen sie sich in der Regel nur allmählich. In Versuchsreihen hat man festgestellt, dass bei ausreichendem Ernährungszustand der Rehe zwischen der Aufnahme von zwei verschiedenen neuen Äspflanzen mindestens eine Wiederkäuperiode liegt. Ein möglicherweise auftretendes Unwohlsein wird mit der Äspflanze assoziiert und diese dann gemieden. Gewöhnlich imitiert ein Kitz das Muttertier in seinem Fressverhalten, Muttertiere griffen in Versuchsreihen Kitze sogar an, wenn diese etwas äsen wollten, was die Muttertiere nicht kannten.

Die Zusammensetzung der Nahrung eines Rehs ist abhängig vom Angebot und dem individuellen Geschmack, generell ist sie jedoch immer sehr vielfältig. Zu den Pflanzen, die Rehe besonders häufig fressen, gehören Heidelbeere, Großes Hexenkraut, Wald-Ziest, Gemeiner Hohlzahn, Efeu, Hainbuche, Besenheide, Roter Hartriegel, Gewöhnlicher Liguster und Gemeine Hasel. Untersuchungen zeigen aber, dass Rehe nicht überall die gleichen Pflanzen mit gleicher Vorliebe äsen. So fressen beispielsweise Rehe auf der Schwäbischen Alb sehr gerne Walderdbeeren, im Schweizer Mittelland dagegen weniger häufig. Sowohl auf der Schwäbischen Alb als auch im Schweizer Mittelland wird der Türkenbund so stark von Rehen verbissen, dass er dort nur selten blüht. Dagegen wird er auf den Muschelkalkböden westlich des Leinetals bei Göttingen wenig verbissen. Der Faulbaum wird in der Region um Krakau sehr stark von Rehen verbissen, in Deutschland gilt diese Baumart dagegen als verbissfest. Die meisten der von Rehen geschätzten Äspflanzen sind stickstoffanzeigende und damit besonders eiweißreiche Pflanzen. Es gibt aber Ausnahmen wie beispielsweise den Stinkenden Storchschnabel, der arm an Nährstoffen ist und dessen Mineralstoffe in einem ungünstigen Verhältnis vorhanden sind. Diese stark duftende Pflanze wird jedoch überall, wo sie wächst, von Rehen stark verbissen, was ein Indiz ist, dass Duft- und Geschmacksstoffe den Verbissgrad wesentlich mitbestimmen. Gerbstoffreiche Pflanzen wie Walnuss, Blutwurz oder Fünffingerkraut oder mit Haaren gegen Verbiss geschützte Pflanzen wie Königskerze oder Große Brennnessel sowie besonders giftige Pflanzen wie Maiglöckchen, Seidelbast, Tollkirsche oder Roter Fingerhut werden vom Reh gemieden.

Rehe äsen auch auf landwirtschaftlichen Nutzflächen. Raps gehört zu den Nutzpflanzen, die besonders stark verbissen werden und spielt in intensiv genutzten Agrarlandschaften vor allem im Frühjahr eine große Rolle in der Ernährung der Rehe. Gerste wird dagegen nur als junge Pflanze geäst, während die kurzgrannigen Weizen- und Hafersorten eine bevorzugte Äsungspflanze im Hochsommer sind.  Daneben können durch Lagerstellen im Getreide Schäden entstehen. Generell wird jedoch davon ausgegangen, dass ein dem Lebensraum- und Äsungsbedingungen angemessener Rehwildbestand keine nennenswerten Wildschäden im Felde anrichten. Anders ist es mit Waldschäden durch Reh-Verbiss.
Bei überhöhter Wilddichte ohne ausreichende Ernährungsgrundlage kann es zu einer deutlichen Verarmung der gesamten Waldflora kommen. Durch die in den letzten Jahren stark zunehmenden Rehbestände haben nach Einschätzung des Wildbiologen Fred Kurt die Verbissschäden „ein Ausmaß angenommen, dass ihre Wirkungen auf die Waldvegetation diejenige von Naturkatastrophen annehmen.“ Zu Verbiss kommt es unter anderem an für die Waldverjüngung wichtigen Baumarten wie Fichte, Buche, Tanne und Edellaubhölzer. Verbissschäden können in folgende drei Kategorien unterschieden werden:Die Verminderung der Naturverjüngung des Waldes durch Verbiss von Keimlingen und jungen Forstpflanzen
Die Entmischung des Waldbestandes durch selektiven Verbiss der vom Reh bevorzugten, aber nur in geringen Anteilen beigemischten Baumarten
Die Wachstumshemmung durch Verbiss des Leittriebes und der Seitentriebe an mehrjährigen Forstpflanzen.
Durch den Verbiss entstehende Verformungen und Beschädigungen der Stämmchen
In der Literatur zur Hege des Rehwildes nimmt die Minderung der Waldschäden breiten Raum ein. Die diskutierten Möglichkeiten konzentrieren sich auf eine Verringerung des Rehbestandes durch Abschuss, verbissreduzierende Jagdtechniken und – Strategien (Waldjagd statt Feldjagd, Schwerpunktjagd), Verhütungsmaßnahmen wie das Einzäunen von besonders schützenswerten Kulturen oder den Schutz von Einzelbäumen, sowie die Forderung nach einer wildgerechteren Waldwirtschaft. Letztere soll ausreichende natürliche Äsung sicherstellen, gleichzeitig wird die Fütterung in vegetationsarmen Perioden empfohlen.
Neben dem Verbiss verursacht das Verfegen junger Bäume durch die Rehböcke Schäden, wodurch Schutzmaßnahmen erheblich aufwändiger werden, da der Schutzzeitraum 10 Jahre und mehr umfassen kann.

Das Reh gilt als ein ursprünglich tagaktives Tier, das während 24 Stunden zwischen acht und elf Äsungsperioden benötigt.[105] Der Tagesablauf von Rehen ist entsprechend von Futtersuche, Äse und Wiederkäuen dominiert. Im Frühjahr und im Sommer verbringen Rehe je sechs Stunden pro Tag mit Äsen und Wiederkäuen. Weitere sechs Stunden ruhen sie, vier Stunden schlafen sie und zwei Stunden pro Tag wenden sie darauf auf, ihren Standort zu wechseln. Im Herbst und Winter wenden sie je eine Stunde mehr für Äsen und Wiederkäuen auf, sie ruhen in dieser Zeit weniger, schlafen nur drei Stunden und ziehen drei Stunden in ihrem Revier umher.
Der hohe Anteil an Futtersuche, Äsen und Wiederkäuen im Tagesablauf des Rehes ist auf den niedrigen Nährwert der Nahrung zurückzuführen. Ein einzelner Äsungszyklus – Aufsuchen der Äsungsstelle, Fressen und Wiederkäuen – dauert durchschnittlich etwa zwei Stunden. Rehe, die während des Tages häufig durch Menschen beunruhigt werden, werden außerdem zunehmend nachtaktiver. Rehe nutzen vor allem mondhelle Nächte. Nach solchen Nächten sind tagsüber deutlich weniger Rehe äsend zu sehen. Neben Störungen durch Menschen bewirken auch hohe Schneedecken, Regenwetter oder starker Wind, dass Rehe auf Äsungszyklen verzichten.
Ein Reh, das sich zum Ruhen niederlassen will, scharrt mit den Vorderläufen zunächst ein Lager. Dann lässt es sich auf die Vorderfußwurzeln nieder, setzt sich auf den rechten oder linken Oberschenkel und schlägt die Vorderläufe um. Es liegt immer nur ein Vorder- oder Hinterlauf einer Seite unter dem Körper. In dieser Körperhaltung käut das Reh wieder, döst oder schläft. Beim Dösen bleibt der Kopf hoch erhoben, gelegentlich käuen sie im Dösen sogar wieder. Fester Schlaf ist auf wenige kurze Perioden im Tagesrhythmus beschränkt, die unregelmäßig eintreten. Die Augen sind dann geschlossen, der Kopf liegt entweder auf dem Boden oder auf der Flanke zwischen Rumpf und Hinterläufen. Während des Schlafes werden Gerüche oder leise Geräusche nicht wahrgenommen.  Nach dem Ruhen oder Schlafen aufstehende Rehe strecken sich zunächst, flähmen dabei gelegentlich und kratzen sich mit den Schalen des Hinterlaufs. Sie belecken sich und wechseln dann zum Äsungsplatz. Anders als der Rothirsch suhlt das Reh nicht.

Zu kämpferischen Auseinandersetzungen zwischen Böcken kann es das ganze Jahr über kommen. Nach der Brunft und im Winterhalbjahr begrenzen sich die Kampfhandlungen gewöhnlich auf Drohen, Imponieren und Verjagen. Besonders intensiv sind die Kämpfe im Mai, wenn das Imponier- und Drohverhalten über Minuten dauert und Jagden über mehrere hundert Meter erfolgen. Böcke nehmen sich in der Regel auf eine Distanz von 30 bis 300 Meter wahr und reagieren darauf zunächst mit Sichern, dabei ist das Haupt erhoben, die Ohren nach vorne geöffnet und häufig auch ein Vorderlauf angewinkelt. Die beiden Böcke nähern sich dann auf fünf bis zehn Meter und drohen und imponieren dann erneut. Der Hals ragt beim Imponieren senkrecht nach oben, der Kopf ist zur Seite gewendet und die Ohren sind nach hinten gelegt. Beim Drohen dagegen grätscht der Bock die Beine, senkt den Kopf und stößt mit dem Geweih in Richtung seines Rivalen. Dies ist häufig von einem Scharren mit einem der Vorderläufe begleitet (sogenanntes Plätzen). Zum Drohen gehört auch ein heftiges Schlagen auf den Boden mit einem der Hinterläufe.[64] Gleich starke Böcke jagen dann unvermittelt über eine Strecke von 20 bis 80 Meter nebeneinander her und beginnen dann erneut mit Drohen und Imponieren.
Vor dem eigentlichen Kampf schreiten die Böcke im Stechschritt aufeinander zu, dabei schlagen sie erneut mit den Hinterbeinen auf den Boden. Sobald die beiden Gegner unmittelbar frontal gegenüberstehen, senken sie gleichzeitig die Köpfe und der eigentliche Stoßkampf beginnt. Es handelt sich bei der Kampfhandlung nicht um einen Beschädigungskampf, sondern um einen Kommentkampf, der nach ritualisierten Verhaltenssequenzen abläuft. Bei gleich starken Gegnern kommt es häufig zu einem kreisförmigen Drehen. Der stärkere Bock ist häufig erst nach mehreren Anläufen ermittelt; auf das Drohen des stärkeren Bocks verharrt der Verlierer kurz in Demutsstellung, dabei ist der Hals waagrecht gehalten und die Ohren nach vorne gewendet. Danach flüchtet er.
Tödliche Kampfausgänge kommen gelegentlich vor. Es gibt Rehböcke, die sich atypisch verhalten und ihren Gegner von der Seite angreifen (sogenanntes Forkeln). Gelegentlich unterscheiden sich die Geweihe der beiden kämpfenden Böcke so stark, dass sie sich nicht miteinander verhängen, sondern direkt auf die Stirn des Gegners auftreffen. Beim Zustoßen kann dann die Schädeldecke durchdrungen werden.

Die eigentliche Brunft findet in Mitteleuropa etwa von Anfang Juli bis ins zweite Drittel des August statt, sie beginnt nach milden Wintern tendenziell früher als nach langen und kalten. Die letzten Wochen der Brunftzeit werden auch als Blattzeit bezeichnet, weil dann die meisten Ricken gedeckt sind und sich Böcke von Jägern durch „Blatten“, das Nachahmen des Fiepens brunftiger Ricken, anlocken lassen. Die Brunftzeit der Ricken ist im Gegensatz zu den Männchen kurz und dauert nur jeweils etwa vier Tage. Generell sind ältere und konditionell starke Ricken früher als junge und schwach veranlagte Ricken paarungsbereit. Bei älteren Ricken beginnt der Brunftzeitraum etwa 67 Tage nach der Geburt ihres Kitzes.

Rehböcke werden durch Geruchswahrnehmung auf paarungsbereite Ricken aufmerksam und folgen gewöhnlich bis in die unmittelbare Nähe ihrer Spur. Eine Ricke reagiert auf einen sich nähernden Bock gewöhnlich mit einer Flucht von durchschnittlich 500 Metern, der Bock folgt ihr dabei. In der Vorbrunft kann dieses sogenannte Treiben über Stunden und sogar Tage gehen. Erst wenn die Ricke empfangsbereit ist, bleibt sie bei einem solchen Treiben plötzlich abrupt stehen. Der aufschließende Bock beriecht und beleckt darauf die Ricke. Mit gesenktem Kopf frontal oder lateral vor dem Bock stehend fordert die Ricke ihn dann zur Paarung auf, läuft dabei langsam weiter, wobei der Bock ihr mit langgestrecktem Hals und Kopf folgt. Der Bock imponiert erneut und reitet dann zur Paarung auf. Ricken in einer körperlich nicht guten Verfassung unterbrechen häufig das Brunftvorspiel, indem sie sich nur über eine kurze Distanz verfolgen lassen und sich dann niederlegen. Auch der Bock bricht gelegentlich das Brunftvorspiel ab, wenn die Ricke nicht alle zum Paarungsverhalten gehörenden Verhaltenssequenzen zeigt.

Böcke verlieren in der Brunft auf Grund des heftigen Treibens der Ricke und der häufig langen Suche nach brunftigen Ricken erheblich an Körpergewicht. Generell verpaaren sie sich nur mit sehr wenigen Ricken, meist bleiben sie während der vier Tage, die die Brunft einer Ricke dauert, in ihrer Nähe. Nur in Gebieten, in denen es an Böcken mangelt, werden mehrere Ricken von einem Bock abwechselnd getrieben und beschlagen.

Bei Rehen kommt es im Gegensatz zu anderen Hirscharten zur Keimruhe. Das befruchtete Ei entwickelt sich erst ab Dezember und führt in Mitteleuropa zur Geburt der Jungtiere (Kitze) vorwiegend im Mai und Juni des folgenden Jahres. Etwa 80 Prozent der Kitze werden in einem Zeitraum von 20 bis 30 Tagen geboren, die Gesamttragezeit beträgt durchschnittlich 290 Tage oder 9,5 Monate. Beobachtungen der Setzzeiten im Donautal bei Ingolstadt und in der Kochelsee-Niederung in den 1970er Jahren haben gezeigt, dass Ricken ihre Kitze in späten Frühjahren auch entsprechend später setzen. Daraus schließt man, dass Rehe in der Lage sind, ihre Tragezeit äsungsabhängig so zu steuern, dass das Setzen der Kitze in die günstigste Zeit fällt. Die Fähigkeit zur Keimruhe scheint unter Huftieren eine einzigartige Anpassung zu sein. Sie ermöglicht es, dass Brunft und Säugezeit zeitlich zusammenfallen und in einer Jahreszeit stattfinden, in der ein großes und qualitativ hochwertiges Äsungsangebot besteht.

Kurz vor der Geburt sucht die Ricke einen Setzplatz aus, meist eine wenig bewachsene Stelle in der Nähe guter Dickungen. In Heugraswiesen sind die Setzplätze etwa zwei Quadratmeter große Flächen, in denen die Ricken das Gras niedergewälzt haben. Während des Geburtsvorgangs liegen die Ricken auf der Seite, nur selten stehen sie mit gegrätschten, leicht angewinkelten Hinterläufen. Die Länge des Geburtsvorgangs hängt von der Anzahl der Kitze ab, in der Regel umfasst er zwischen vier und fünf Stunden und ist damit im Vergleich zu anderen Huftieren verhältnismäßig lang. Rehricken können zwischen einem und vier Jungen zur Welt bringen. Von 573 in der Region Bern beobachteten Ricken, brachten 224 ein einzelnes Kitz, 306 Zwillinge, 41 Drillinge und zwei Vierlinge zur Welt. Die Zahl der Kitze je Geburt ist abhängig vom Alter der Ricke und ihrer körperlichen Verfassung. Unmittelbar nach der Geburt versuchen sich die Kitze aus der Embryonalhülle zu befreien und geben nach drei bis zehn Minuten leise, hohe Kontaktlaute ab. Das Muttertier versucht darauf, das Neugeborene durch Lecken zu säubern. Es reinigt auch die Pflanzen und Bodenteile von Blut, Embryonalhülle und Nachgeburt, wodurch die Witterungsspuren vom Setzen und vom Neugeborenen verschwinden. Bereits sechs bis zwanzig Minuten nach der Geburt beginnen Rehkitze mit ihren ersten Stehversuchen. Gewöhnlich kann ein Kitz eine halbe bis anderthalb Stunden nach der Geburt stehen, nach einer bis drei Stunden versucht es die ersten Schritte. Nach zwei Tagen kann ein Kitz die Läufe vollumfänglich koordinieren, allerdings erst nach drei bis vier Tagen auch galoppieren. Das Sehvermögen ist in den ersten zwei Stunden schlecht, in dieser Zeit erfolgt eine Orientierung ausschließlich nach dem Gehör.

Etwa drei bis vier Wochen bleiben Rehkitze in der Deckung zurück, während das Muttertier äst und zum Säugen des Kitzes zurückkehrt. Das Kitz liegt dabei meistens in eingerollter Bauchlage am Boden. Das einzelne Kitz trifft die Wahl seines Liegeplatzes selbst und wird nur insofern vom Muttertier beeinflusst, als es versucht, solche Geburtsorte zu finden, die reichen Unterwuchs oder einen guten Sichtschutz von oben bieten. Das Abliegen ist eine Instinkthandlung der Kitze, bereits dreitägige Kitze wären in der Lage, dem Muttertier über längere Strecken zu folgen. Das Verharren des Jungtiers an einer Stelle ist sowohl für das Mutter- als auch das Jungtier energetisch sinnvoll. Ricken, deren Kitze aktiv waren, sichern mehr und äsen weniger. Ruhende Kitze verbrauchen wenig von der aufgenommenen Nahrung für Bewegung und haben entsprechend ein höheres Wachstum. Gleichzeitig ist das Verharren in der Deckung die bestmögliche Anpassung an einen hohen Druck durch Prädatoren.
Als Liegeplätze wählen Kitze Stellen unter Büschen mit tiefhängenden Ästen oder Zonen mit 30 bis 60 Zentimeter hoher Vegetation. Diese Liegeplätze wechseln täglich, durchschnittlich befindet sich der nächste Liegeplatz zwischen 100 und 200 Meter vom alten entfernt. Die Kitze eines Muttertiers suchen keine gemeinsamen Liegeplätze auf, sondern befinden sich spätestens einen Tag nach der Geburt meist zwanzig bis achtzig Meter voneinander entfernt in der Deckung. Die Distanz kann in den ersten Lebenstagen sogar noch größer werden. Kitze, die über längere Zeit nicht gesäugt wurden, beginnen leise Fiii-Laute von sich zu geben. Diese Kontaktlaute steigern sich allmählich zu einem zweisilbigen Fiii-ie, das das Kitz in Extremfällen 30 bis 40 Mal von sich gibt. Ein schriller, heller Fieplaut ist der Alarmruf oder Angstschrei des Kitzes, der bei dem Muttertier in der Regel ein Herbeieilen auslöst. Ricken verteidigen ihre Kitze durch Vorderlaufschläge unter anderem gegen Katzen, Füchse, Hunde und gegebenenfalls auch Menschen. Auf Störungen wie rasche Bewegungen in ihrer Nähe, Lärm oder fremden Geruch hin verharren Kitze starr an den Boden gepresst. Die Läufe sind dabei angewinkelt, der gestreckte Hals wird auf den Boden gepresst. Ein Fluchtverhalten – beispielsweise vor Mähmaschinen – setzt erst im Alter von drei bis vier Wochen ein. Danach lösen nur noch sehr hohe Feindreize ein Sich-an-den-Boden-Drücken aus. Beobachtet wurde es beispielsweise bei deutlich älteren Tieren, wenn diese vor sich nähernden Menschen nicht mehr flüchten konnten.

Ricken nehmen bis in die dritte Woche nach der Geburt fremde Kitze an, wenn diese dem Alter ihrer eigenen Nachkommen entsprechen; umgekehrt können sich bis zu drei Wochen alte Kitze fremden Ricken anschließen. Solche Adoptionen kommen vor allem dann vor, wenn die Bestandsdichte sehr hoch ist und die Setzplätze der Ricken nicht weit auseinanderliegen. Aus Vertauschungsversuchen hat man geschlossen, dass der individuelle Geruch der Kitze in den ersten Lebenswochen eine untergeordnete Rolle spielt. Typisch für junge Kitze ist ein Geruch nach saurer Milch und Harn. Die Milch gelangt auf das Fell der Kitze, wenn sie sich nach dem Saugen belecken, da sie meist im Liegen harnen, ist ihr Fell außerdem mit Harn benetzt. Zwischen der dritten und fünften Woche endet die Prägungsphase zwischen Kitz und Muttertier, die nicht mehr rückgängig zu machen ist. Verglichen mit anderen Schalenwildarten findet diese Prägung sehr spät statt und der Prägungsprozess dauert sehr lange.

Ab einem Alter von etwa vier Wochen beginnen Kitze ihr Muttertier zu begleiten. Kitze halten sich dann möglichst nah beim Muttertier auf und bevorzugen seinen Windschatten, so dass sie es dauernd riechen können. Sie haben dann auch Kontakt zu ihren gleichaltrigen Geschwistern. In dieser Zeit vergrößert sich der Aktionsraum der Ricke und ihrer Kitze deutlich. Gleichzeitig verholzen viele Äspflanzen und die Nahrung wird schwerer verdaubar und eiweißärmer. In der Regel erlauben Ricken nur noch ein zweimaliges Säugen am Tag. Die meisten Kitze stellen in einem Alter von zehn Wochen endgültig das Saugen ein.

Zwischen der vierten Lebenswoche und einem Alter von etwa sechs Monaten erlernen Rehkitze die meisten Elemente des Kampf-, Brunft- und Markierverhaltens in spielerischen Auseinandersetzen mit ihren gleichaltrigen Artgenossen. Dazu gehört unter anderem Imponier- und Demutsverhalten, Drohbewegungen gegenüber Artgenossen werden ab dem fünften oder sechsten Monat bereits mit Scharrbewegungen der Vorderläufe eingeleitet. In der Regel bilden die einzelnen Verhaltensmuster aber noch keine Verhaltenssequenzen, wie sie erwachsene Rehe während Auseinandersetzungen zeigen. Zwischen Mitte März und Mitte Mai zerfallen die Mutterfamilien. Bockkitze trennen sich in der Regel früher vom Muttertier als Rickenkitze. Das Muttertier fordert seinen vorjährigen Nachwuchs in dieser Zeit nicht mehr auf, ihm nachzufolgen und zeigt vermehrt ein aggressives Verhalten gegenüber den älteren Jungtieren. Die Abwanderung der Jungtiere erfolgt in einer Zeit, in der das Äsungsangebot sehr gut ist. In der Regel finden die vorjährigen Jungtiere ein Übersommerungshabitat in einer Region, die weniger als fünf Kilometer von ihrem Geburtsort entfernt ist. Tendenziell wandern Jungböcke weiter als Jungricken.

Weibliche Kitze wiegen bei der Geburt zwischen 1.200 und 1.900 Gramm. Männliche Kitze sind etwas schwerer und wiegen zwischen 1.300 und 2.300 Gramm. Das Geburtsgewicht wird beeinflusst von dem Allgemeinzustand des Muttertiers, seinem Alter und der Anzahl der Geschwister: Einzelkitze sind grundsätzlich schwerer als Mehrlingskitze. Generell setzen außerdem ältere und stärkere Ricken schwerere Kitze. Bis zu dem Zeitpunkt, wenn sie sich von Milch- auf Pflanzennahrung umstellen, ist die Gewichtsentwicklung der Kitze von der Milchleistung des Muttertiers und von den vorherrschenden klimatischen Verhältnissen abhängig. Insbesondere feuchtkaltes Wetter verzögert die Gewichtszunahme der Kitze.
Während der Säugezeit nehmen Kitze täglich zwischen 74 und 207 Gramm zu. Ab der dritten Lebenswoche beginnen Kitze damit, selbst Grünfutter zu sich zu nehmen und stellen sich in der siebten bis zehnten Lebenswoche vollständig auf Pflanzennahrung um. Ab dann sinkt die tägliche Gewichtszunahme auf durchschnittlich 55 Gramm. Die Umstellung der Kitze auf Grünnahrung wird durch die Ricke gefördert. In Gefangenschaft gehaltene Kitze saugten bis in ein Alter von vier Wochen täglich neun bis elf Mal für je 30 Sekunden und nahmen dabei je rund 40 Milliliter Milch auf. Das entspricht einer täglichen Milchproduktion einer Ricke mit Drillingen von 1,2 Liter, was diese an den Rand ihrer physischen Leistungsfähigkeit bringt. Darauf weist auch hin, dass unter Gehegebedingungen Ricken bei Verlust eines der Kitze ihre Nahrungsaufnahme unverzüglich reduzieren. Bereits ab dem vierten Lebenstag lassen Ricken ihre Kitze nicht mehr jederzeit saugen und weichen mit ruckartigen Schritten oder kleinen Fluchten aus.

In Mitteleuropa erreichen Kitze ihr vorläufiges Endgewicht im Spätherbst (Ende November). Sie wiegen dann zwischen neun und zwanzig Kilogramm. Ihr dann erreichtes Gewicht ist ausschlaggebend für ihre Überlebenschancen im kommenden Winter. Kitze, die weniger als 12,5 Kilogramm wiegen, haben auch in milden Wintern nur eine geringe Überlebenschance. Dies ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass die Relation zwischen energieabstrahlender Körperoberfläche und möglichem Energieumsatz bei reduzierter Verdaulichkeit der Nahrung im Winter zu ungünstig wird.
Die weitere Gewichtsentwicklung ist bei weiblichen Tieren im zweiten bis dritten Lebensjahr abgeschlossen, bei Böcken generell im dritten Lebensjahr. Insbesondere bei den Böcken ist für die Entwicklung nicht nur die Qualität des Lebensraumes entscheidend, sondern auch die Wilddichte. Bei hohem Bestand wachsen Böcke ab dem zweiten Lebensjahr langsamer heran und erreichen als mehrjährige Tiere ein geringeres Gewicht als Böcke, die in Regionen mit niedriger Wilddichte heranwachsen.

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