Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

16.10.2017, Dachverband Deutscher Avifaunisten
Höherer Bruterfolg bei Sperbern in Städten
Wissenschaftler der Royal Society for the Protection of Birds und der Schottischen Greifvogel-Arbeitsgruppe haben sich von 2009 bis 2012 mit zwei Populationen des Sperbers beschäftigt und dabei interessante Unterschiede festgestellt. In der urbanen Umgebung von Edinburgh wurden nicht nur Reviere weitaus länger besetzt als in der ländlichen Grafschaft Ayrshire, auch der Bruterfolg der Stadt-Sperber lag deutlich über dem der Vögel auf dem Land. Bei der Größe der Gelege und der Anzahl flügger Jungvögel pro erfolgreichem Paar konnten hingegen keine Unterschiede festgestellt werden.
Insgesamt wurden in den beiden Gebieten 195 Sperber-Paare kartiert. Mehr als 97% der Stadt-Sperber brüteten erfolgreich, während es in der ländlichen Umgebung nur rund 80% waren. Der niedrige Wert hing vor allem mit Brutaufgaben während der Bebrütungs- und Nestlingsphase zusammen. Von insgesamt 20 registrierten Brutverlusten entfielen nur zwei auf das städtische Untersuchungsgebiet.
In weiteren Studien wollen die schottischen Forscher einzelne Nester mit Kameras überwachen und so mehr über die Nahrung und das Brutverhalten der Sperber in verschiedenen Gegenden Schottlands herausfinden.
Die im Journal Écoscience veröffentlichten Ergebnisse der Studie zeigen, dass innerstädtische Grünflächen sowohl geeignete Nistplätze als auch eine hohe Nahrungsverfügbarkeit bieten, die dem Sperber einen hohen Bruterfolg ermöglichen. Nicht nur Haussperlinge oder Stare finden in urbanen Gegenden demnach gute Bedingungen vor, auch für Sperber bieten Städte große Vorteile bei der Jagd. Seit etwa den 1980er Jahren besiedelt der Sperber zunehmend die urbanen Bereiche Großbritanniens. Die Verbreitung und Bestandsentwicklung in Deutschland wird im Atlas Deutscher Brutvogelarten detailliert beschrieben.
Weitere Informationen
Thornton et al. 2017: Breeding success and productivity of urban and rural Eurasian sparrowhawks Accipiter nisus in Scotland. DOI: 10.1080/11956860.2017.1374322

18.10.2017, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Uralt-Pflegeöl: Forscher finden 48 Millionen Jahre alte Fette in Vogelfossil
Normalerweise widerstehen Weichteile dem Zahn der Zeit nicht und bei den meisten Fossilfunden von Wirbeltieren handelt es sich nur um die Knochen. Umso überraschender ist daher ein neuer Fund aus dem UNESCO Weltkulturerbe Grube Messel bei Darmstadt: Eine 48 Millionen Jahre alte Hautdrüse eines Vogels enthält Fette, die ebenso alt sind. Die ältesten jemals bei einem fossilen Wirbeltier nachgewiesenen Fette wurden von dem Vogel genutzt, um sein Gefieder zu pflegen. Die Studie ist soeben im Fachmagazin „Royal Society Proceedings B“ erschienen.
Vögel verbringen viel Zeit damit, ihr Gefieder zu putzen. Verständlich, denn das Federkleid verleiht dem Vogel sein besonderes Aussehen, isoliert und befähigt zum Flug. Eine wichtige Rolle bei diesem Pflegeritual spielt die Bürzeldrüse am unteren Ende des Vogelrückens. Sie produziert ein öliges Sekret, mit dem die Vögel ihr Gefieder einfetten, um es geschmeidiger und wasserabweisend zu machen.
Dr. Gerald Mayr, Leiter der Sektion Ornithologie am Senckenberg Forschungsinstitut, hat jetzt gemeinsam mit internationalen Kollegen das bisher älteste Vorkommen solcher Pflegeöle für Vögel entdeckt. Mit 48 Millionen Jahren auf dem Buckel ist dieses Uralt-Pflegeöl wissenschaftlich eine kleine Sensation. „Der Fund ist eines der erstaunlichsten Beispiele für die Konservierung von Weichteilen bei Tieren. Dass sie sich über so lange Zeiträume erhalten haben, ist sehr selten“, so Mayr.
Das organische Material, aus dem Weichteile bestehen, zersetzt sich gewöhnlich innerhalb von Jahrzehnten oder sogar Jahren. Jahrmillionen alte Federn und Fellreste sind bisher nur von wenigen Fundorten bekannt, darunter die sauerstoffarme Ölschiefer-Fossilienlagerstätte Messel. Von hier stammt auch die im Rahmen der Studie untersuchte Bürzeldrüse samt der in ihr enthaltenen Fette.
„Die Fette haben, das zeigt unsere detaillierte chemische Analyse, zumindest in Bruchstücken ihre ursprüngliche Zusammensetzung über 48 Millionen Jahre beibehalten. Die langkettigen Kohlenwasserstoffverbindungen aus den fossilen Resten der Bürzeldrüse sind klar unterscheidbar vom Ölschiefer rund um das Fossil“, erklärt Mayr. Die Analyse belegt, dass es sich bei dem Fossilteil um eine der ältesten erhaltenen Bürzeldrüsen handelt. Vermutet hatte das Mayr schon anhand der Anordnung am fossilen Vogelskelett – bewiesen werden konnte es aber erst jetzt.
Warum gerade die Fette aus der Bürzeldrüse so lange überdauerten, ist noch unklar. Womöglich verhärteten sie sich unter Sauerstoffabschluss zu einer Art Wachspanzer und waren damit vor Verwesung geschützt. Die Forscher vermuten außerdem, dass eine Eigenschaft verantwortlich ist, die das Pflegeöl der Vögel auch heute noch hat – seine antibakteriellen Bestandteile. Sie könnten dafür gesorgt haben, dass sich nach dem Tod des Vogels kaum Bakterien ansiedeln konnten und damit die Zersetzung nicht in Gang kam.
Für Mayr und seine Kollegen ist der Fund ein Meilenstein für Paläontologen. „Die 48 Millionen alten Fette zeigen uns, was unter günstigen Bedingungen alles erhalten sein könnte – eben nicht nur Knochen und Haare oder Federn, wie wir bisher dachten. Wenn wir mehr dieser Fette finden, können wir die Lebensweise der Tiere besser rekonstruieren. Beispielsweise wäre es interessant zu untersuchen, ob gefiederte Dinosaurier als Vorfahren der Vögel auch schon Bürzeldrüsen besaßen und ihre Gefieder pflegten“, resümiert Jakob Vinther, einer der Co-Autoren der Studie von der Universität Bristol.
Publikation
O’Reilly, S., Summons, R., Mayr,G., Vinther, J. (2017) Preservation of uropygial gland lipids in a 48-million-year-old bird.Proceedings of the Royal Society B, doi: 10.1098/rspb.2017.1050

16.10.2017, Veterinärmedizinische Universität Wien
Domestikation macht Hunde nicht zu besseren Teamplayern
Durch die Domestikation sollten Hunde mit Menschen und Artgenossen toleranter und kooperativer umgehen als Wölfe. So lauten zumindest einige Hypothesen. Der gemeinschaftliche Umgang in bestimmten Lebensbedingungen spricht jedoch für ein kooperativeres Verhalten bei Wölfen. Forschende der Vetmeduni Vienna bewiesen nun, dass die wilden Vorfahren tatsächlich ihre domestizierten Verwandten in Sachen Teamwork ausstechen. Hunde scheiterten an der Aufgabe, zu zweit gleichzeitig für eine Futtergabe an den Enden eines Seils zu ziehen. Die Wölfe zeigten dagegen perfektes Teamwork. Sie warteten sogar auf einen Partner, um gemeinsam ans Futter zu kommen. Die Studie wurde in PNAS veröffentlicht.
Hunde wurden domestiziert, damit der Mensch einen perfekten vierbeinigen Begleiter an seiner Seite hatte. Auf Eigenschaften wie Toleranz und Kooperationsverhalten wurde daher bei der Selektion viel Wert gelegt. Deshalb gibt es viele Hypothesen, dass Hunde damit auch Artgenossen gegenüber toleranter und kooperationsbereiter als Wölfe geworden sind. Gegen diese Theorien spricht jedoch der sozioökologische Hintergrund bei Wölfen, den nächsten freilebenden Verwandten von unseren vierbeinigen Begleiter, die einen sehr sozialen Umgang miteinander in ihrem natürlichen Lebensraum haben.
VerhaltensforscherInnen vom Wolf Science Center der Vetmeduni Vienna testeten nun mit einem sogenannten „loose-string“ Versuchsaufbau, ob die Domestikation Hunde wirklich zu besseren Teamplayern gemacht hat. Die Studie zeigte, dass Wölfe zusammenarbeiten können, wenn sie nur gemeinsam an Futter kommen. Rudellebende Hunde hatten zwar das gleiche Interesse an den Aufgaben, sie waren im Gegensatz zu den Wölfen aber nicht in der Lage zu kooperieren und gingen dadurch leer aus.
Gemeinsam an einem Strang ziehen
Um festzustellen, ob Wölfe oder Hunde besser zusammenarbeiten können, teilte das Team Hunde und Wölfe, die gleich aufgezogen und gehalten werden, in Zweierteams ein. Anschließend mussten die Zweiergruppen gleichzeitig an den beiden Enden eines Seils ziehen, um ein Futtertablett zu sich ziehen zu können. „Beim loose-string paradigm wird ein Seil durch Ösen in einem Tablett gezogen. Es ist somit nicht fixiert, sondern kann durchgezogen werden, wenn nicht zwei Tiere gleichzeitig an den Enden ziehen. Lässt etwa ein Tier das andere nicht zum Seil und zieht alleine, dann zieht es das Seil aus der Vorrichtung und das Tablett bleibt unerreichbar, erklärt Erstautorin Sarah Marshall-Pescini.
Wölfe stechen Hunde in Sachen Teamwork aus
Zuerst mussten die Zweierteams einen Spontantest lösen. Das heißt, sie wurden nicht speziell auf den Test vorbereitet, sondern sollten von sich aus über mehrere Versuche die Aufgabe verstehen. Fünf von sieben Wolfspärchen schafften es zumindest einmal gleichzeitig an den Seilenden zu ziehen. Bei den Hunden schaffte es dagegen nur eines von acht Pärchen. In einem zweiten Test trainierten vier Wolfs- und 6 Hunde-Zweierteams zuerst an der Vorrichtung und hatten dann sechs Versuche, die Aufgabe richtig zu lösen. Wieder zeigten die Wölfe das bessere Teamwork. Drei Wolfspärchen konnten wiederholt das Tablett gleichzeitig zu sich ziehen. Bei den Hunden waren es zwei Pärchen, die allerdings nur einmal die Aufgabe lösen konnten.
Die erfolgreichen Wölfe waren sogar in der Lage schwierigere Aufgabenstellungen zu lösen. Ließ man sie einzeln in das Versuchsgehege, dann warteten sie auf den Partner, bevor sie an dem Seil zogen. Auch wenn es zwei Apparaturen gab, waren die Tiere in der Lage sich abzustimmen und gemeinsam erste die eine und dann die andere Aufgabe zu lösen. Ein wichtiger Aspekt war dabei jedoch der Rang der Tiere im Rudel. Sozial gleichgestellte Tiere arbeiteten besser zusammen, als ein Team mit einem sozial höher gestellten und einem Tier mit einem niederen Rang im Rudel.
Domestikation schafft nicht zwingend die besseren Teamplayer
Das Ergebnis dieses Experiments zeigt eindeutig den sozioökologischen Hintergrund der Wölfe als Vorteil auf, wenn es um Teamwork geht. „Wölfen wird zwar generell ein stärkerer explorativer Drang Dinge zu erkunden nachgesagt. Sie stachen die Hunde aber eindeutig aus, als es darum ging sich mit einem Partner abzustimmen“, erklärt Letztautorin Friederike Range. Auch in freier Wildbahn jagen sie gemeinsam und ziehen auch gemeinsam ihre Jungen auf. Freilebende Hunde ziehen dagegen ihre Junge alleine auf und suchen auch hauptsächlich einzeln nach Futter, meist menschlichen Abfällen. Die Tendenz Aufgaben gemeinsam zu lösen scheint somit den Wölfen eher im Blut zu liegen, als dass sie die Domestikation verstärkt hätte.
Die Hypothesen zum positiven Einfluss der Domestikation auf Toleranz gegenüber und Kooperation mit Artgenossen sollten laut Marshall-Pescini und Range in Frage gestellt werden. „Studien mit Haushunden zeigten zwar, dass Hunde auch in der Lage sind gut zusammenzuarbeiten. Allerdings spielt in diesem Fall auch die Erziehung durch den Menschen die ausschlaggebende Rolle. Wer mehrere Hunde bei sich zu Hause hält, wird sie so erziehen, dass sie sich tolerieren und auch kooperativer miteinander umgehen. Freilebende Hunde, die ja auch domestiziert wurden, spüren diese erzieherische Maßnahme nicht. Deswegen war es uns wichtig, bei diesen Tests nicht mit Haustieren zu arbeiten und so die menschliche Komponente auszuschließen“, so die beiden Forscherinnen.
Service:
Der Artikel „The importance of a species’ socio-ecology: Wolves outperform dogs in a conspecific cooperation task“ von Sarah Marshall-Pescini, Jonas F.L. Schwarz, Inga Kostelnik, Zsófia Virányi und Friederike Range wird nach Ablauf des Embargos am 16.10.2017 um 21:00 MEZ in PNAS als „Early Edition“ veröffentlicht.

Saola (Andrew Tilker/Science 357)

Saola (Andrew Tilker/Science 357)

17.10.2017, Forschungsverbund Berlin e.V.
Etablierung eines Zuchtprogramms zum Schutz der letzten Saolas
Das Saola ist eine endemische Huftierart des Annamiten-Gebirges zwischen Vietnam und Laos. Es steht kurz vor dem Aussterben. In einem Brief in der Fachzeitschrift „Science“ hat eine Gruppe von NaturschützerInnen und NaturschutzwissenschaftlerInnen, einschließlich MitgliederInnen der „IUCN Saola Working Group“ und dem Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, ihre Sorge um die Zukunft dieser Art geäußert.
Das Saola (Pseudoryx nghetinhensis) ist eine endemische Huftierart des Annamiten-Gebirges zwischen Vietnam und Laos. Es steht kurz vor dem Aussterben. Hauptbedrohung sind kommerzielle Fallensteller, die den florierenden Handel mit Wildfleisch in Indochina beliefern. Um das Überleben des Saola zu sichern, ist die Einrichtung eines Erhaltungszuchtprogramms notwendig. In einem Brief in der Fachzeitschrift „Science“ hat nun eine Gruppe von NaturschützerInnen und NaturschutzwissenschaftlerInnen, einschließlich MitgliederInnen der „IUCN Saola Working Group“ und dem Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, ihre Sorge um die Zukunft dieser Art geäußert und betont, wie wichtig und dringlich ein Management außerhalb seines Ursprungsortes (ex-situ) ist.
Seit seiner Entdeckung vor 25 Jahren ist das Saola in Südostasien zur Flaggschiffart für den Naturschutz geworden. „Seit vielen Jahren arbeitet die Saola Working Group eng mit Nichtregierungsorganisationen und den Regierungen von Vietnam und Laos zusammen, um die Wälder und die Tierwelt im Annamiten-Gebirge zu schützen. Doch trotz aller Anstrengungen in Vietnam und Laos war es bisher nicht möglich, das Jagen mit Schlingfallen auf ein vertretbares Maß zu reduzieren, sodass die letzten Saolas überleben können“, sagt William Robichaud, Koordinator der Saola Working Group. Schlingfallen töten wahllos und führen dadurch in der Region bei allen Populationen großer und mittelgroßer Säugetiere zur Dezimierung. Für alle am Boden lebenden Arten ist das sehr tragisch, doch für endemische Arten – wie dem Saola – ist es katastrophal. Denn die massive Dezimierung des Saola im Annamiten-Gebirge führt zeitgleich zu seinem globalen Aussterben. Zwei weitere endemische Säugetierarten, die sich in akuter Gefahr befinden, sind das erst vor kurzem beschriebene Riesenmuntjak (Muntiacus vuquangensis) und das Annamitische Streifenkaninchen (Nesolagus timminsi).
Dem Saola steht die unmittelbare Ausrottung bevor. Obwohl die Bestimmung der Populationsgröße problematisch ist, schätzte die Saola Working Group die globale Saola-Population im Jahr 2015 auf weniger als 100 Individuen. Seitdem hat sich die Situation merklich verschlechtert und die Experten gehen davon aus, dass nur noch wenige Individuen verstreut in der Region leben. Um dieser fatalen Entwicklung entgegenzuwirken, arbeitet die Saola Working Group mit den Regierungen von Vietnam und Laos zusammen. Ziel ist es, ein Erhaltungszuchtprogramm einzurichten. „Am wichtigsten ist jetzt das Fangen der letzten Saolas und ihre Unterbringung in einer geschützte Zuchteinrichtung, gut ausgestattet und von internationalen Experten geleitet. Nur so können wir diese geheimnisvolle Art vor dem Aussterben bewahren“, sagt Robichaud. Doch das Aufspüren und Fangen der letzten Saolas ist für NaturschützerInnen und NaturschutzwissenschaftlerInnen ein schwieriges Unterfangen. Die Tiere sind nicht nur sehr selten, sondern sie leben auch in einem der undurchdringlichsten Regenwälder unseres Planeten. Die letzte bestätigte Sichtung ist eine Aufnahme einer Kamerafalle vom WWF-Vietnam von 2013 im Saola-Naturreservat.
„Wir benötigen systematische und großräumig angelegte Untersuchungen im Annamiten-Gebirge, um die letzten Saolas sowie die verbliebenen Hochburgen anderer, höchst gefährdeter Arten zu finden“, erklärt Andrew Tilker vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin, Erstautor des Science-Briefes. Tilker ist Mitglied in der IUCN Saola Working Group und als Naturschutzforscher auch bei Global Wildlife Conservation tätig. In den letzten drei Jahren haben ForscherInnen des Leibniz-IZW gemeinsam mit NaturschützerInnen vom WWF und Global Wildlife Conservation die Säugetiergemeinschaften im Annamiten-Gebirge erforscht. „Um die letzten Populationen bedrohter und endemischer Arten zu finden, müssen die Untersuchungsgebiete ausgeweitet und herkömmliche Methoden, wie der Einsatz von Kamerafallen, mit neuen Ansätzen kombiniert werden. Hier bietet sich beispielweise die genetische Analyse von blutsaugenden Egeln an, die dazu verwendet werden kann, terrestrische Bewohner aufzuspüren“, sagt Tilker. „Mit den so gewonnen Daten können NaturschutzwissenschaftlerInnen wichtige Empfehlungen zur effektiven Nutzung der begrenzten Ressourcen geben und zur Erhaltung seltener und hoch bedrohter endemischer Arten beitragen.“
Barney Long, Mitglied der Saola Working Group und Artenschutz-Direktor bei Global Wildlife Conserservation, sagt: „Gemeinsam mit internationalen Partnern und Regierungsvertretern von Vietnam und Laos haben wir noch immer eine Chance, das Saola vor dem Aussterben zu bewahren. Wenn wir die notwendigen finanziellen Mittel aufbringen können, glaube ich, dass wir erfolgreich sein werden, und dann wird die Geschichte des Saola ein Vorbild für die Rettung weiterer hoch bedrohter Arten im Annamiten-Gebirge sein.“
Publikation:
http://www.sciencemagazinedigital.org/sciencemagazine/22_september_2017?pg=44#pg…
Tilker A, Long B, Gray TNE, Robichaud W, Van Ngoc T, Vu Linh N, Holland J, Shurter S, Comizzoli P, Thomas P, Ratajszczak R, Burton J (2017): Saving the saola from extinction. Science 357, 1248. doi: 10.1126/science.aap9591.

18.10.2017, NABU
Internationales Forscherteam bestätigt dramatisches Insektensterben
Ein internationales Forscherteam aus den Niederlanden, Großbritannien und Deutschland hat die dramatischen Befunde zum Insektenrückgang in Nordwestdeutschland in einer jetzt in der internationalen Online-Fachzeitschrift PLOS ONE veröffentlichten Studie bestätigt. Die Forscher stellten damit die Beobachtungen des Entomologischen Vereins Krefeld auf eine wissenschaftlich abgesicherte Basis. So ist mit den Biomasseverlusten bei Fluginsekten von 76 bis 81 Prozent seit den 1990er Jahren ein klarer Negativ-Trend erkennbar. Insgesamt wurden in einem Zeitraum von 27 Jahren 63 Standorte in Schutzgebieten unterschiedlichster Lebensräume des Offenlandes überwiegend in Nordwestdeutschland untersucht, wobei der Rückgang überwiegend im Flachland festgestellt wurde.
„Wir haben es mit einer höchst dramatischen und bedrohlichen Entwicklung zu tun. Allein die Tatsache, dass es sich bei allen Untersuchungsflächen um verinselte Standorte innerhalb von Schutzgebieten handelt, in deren Umfeld zu mehr als 90 Prozent konventionelle Agrarnutzung stattfindet, legt einen negativen Einfluss durch die Landwirtschaft nahe“, sagt NABU-Präsident Olaf Tschimpke. Die neue Bundesregierung müsse sich umgehend auf EU-Ebene für einen Kurswechsel in der Agrarpolitik einsetzen sowie einen Schwerpunkt auf Erforschung und Schutz der biologischen Vielfalt legen. Der NABU fordert ein Deutsches Zentrum für Biodiversitäts-Monitoring in Trägerschaft von Wissenseinrichtungen sowie den zügigen Aufbau eines bundesweiten Insekten-Monitorings. Als Vorbild für ein bundesweites Insekten-Monitoring könnte NRW dienen, wo 2017 die Beprobung von 100 Standorten angelaufen ist.
Der Landesvorsitzende des NABU NRW, Josef Tumbrinck, begleitet die Arbeiten des Entomologischen Vereins Krefeld seit Jahren. Seiner Einschätzung nach finden in ganz Deutschland und wahrscheinlich auch in anderen europäischen Ländern ähnliche Entwicklungen statt: „Früher mussten wir Autoscheiben nach ein oder zwei Stunden Fahrt wieder von Insekten säubern und an Straßenlaternen flogen massenhaft Insekten. Heute ist das meist nicht der Fall. Diese Beobachtungen wurden mir vielfach aus allen Regionen des Landes mitgeteilt.“ Langzeit-Untersuchungen aus anderen Staaten liefern Hinweise darauf, dass es sich nicht nur um ein deutsches Phänomen handelt. Auch von der EU offiziell bestätigte Bestandsrückgänge von Vögeln, die auf Insekten als Nahrungsgrundlage angewiesen sind, dürften höchstwahrscheinlich zu einem wesentlichen Teil auf den Insektenschwund zurückzuführen sein.
Professor Dave Goulson von der Sussex University und Co-Autor der Studie, ist zutiefst beunruhigt über diese Entwicklungen: „Insekten machen etwa zwei Drittel allen Lebens auf der Erde aus. Wie es scheint, machen wir große Landstriche unbewohnbar für die meisten Formen des Lebens, und befinden uns gegenwärtig auf dem Kurs zu einem ökologischen Armageddon. Bei dem derzeit eingeschlagenen Weg werden unsere Enkel eine hochgradig verarmte Welt erben.“
Die aktuelle Veröffentlichung arbeitet heraus, dass die zusätzlich in die statistische Auswertung eingeflossenen Daten zu Veränderungen des Klimas und von Biotopmerkmalen den überwiegenden Teil der Insektenverluste nicht erklären. Hingewiesen wird jedoch auch darauf, dass mangels verfügbarer Daten die potenziellen Einflussfaktoren, so zum Beispiel zur Pestizidbelastung aus direkt umliegender Agrarnutzung nicht berücksichtigt werden konnten, weil die Datenlage nicht transparent ist.
In der Regel ist die intensive landwirtschaftliche Nutzung im Rahmen der so genannten guten fachlichen Praxis am Rande von Naturschutzgebieten ohne Einschränkung erlaubt. Viele mit Pestiziden behandelte Flächen befinden sich sogar inmitten von Naturschutzgebieten. „Bis heute muss den Naturschutzbehörden nicht mitgeteilt werden, welche Pestizide in welcher Mischung und Menge auf Ackerflächen innerhalb vieler Schutzgebiete ausgebracht werden“, kritisiert Tumbrinck. Ein Verbot müsste in der jeweiligen Schutzgebietsverordnung eines Gebietes ausgesprochen werden. Das wird aber nur in wenigen Fällen gemacht. Es fehlt also offensichtlich ein ausreichendes Risikomanagement, obwohl dieses nach der aus dem Jahr 2009 stammenden EU-Richtlinie für die „nachhaltige Verwendung von Pestiziden“ zur Abwehr negativer Einflüsse auf Schutzgebiete vorgeschrieben ist.
Damit nimmt der Druck auf die Insektenwelt weiter zu. Insbesondere die weltweit in der Kritik stehenden hochwirksamen Insektengifte aus der Stoffklasse der Neonikotinoide müssen umgehend und vollständig vom Markt genommen werden. Der NABU fordert, die EU- und länderübergreifenden Zulassungsverfahren für derartig toxische Chemikalien dringend zu überarbeiten und dabei zwingend die Wirkungen für typische Ökosysteme realitätsnah in die Prüfverfahren zu integrieren.
Mehr Infos:
Veröffentlichung „More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas“: Fachartikelnummer DOI: 10.1371/journal.pone.0185809

19.10.2017, NABU
NABU: 12,7 Millionen Vogelbrutpaare in Deutschland verloren

Drastischer Vogelschwund in Deutschland. Weiterer Text über ots und www.presseportal.de/nr/6347 / Die Verwendung dieses Bildes ist für redaktionelle Zwecke honorarfrei. Veröffentlichung bitte unter Quellenangabe: „obs/NABU“

Laut einer aktuellen Auswertung des NABU hat Deutschland in nur zwölf Jahren 12,7 Millionen Vogelbrutpaare verloren (zwischen 1998 und 2009). Das entspricht 15 Prozent des Bestandes von 1998. Die summierte Zahl der Brutpaare aller Vogelarten ging in diesem Zeitraum von 97,5 auf 84,8 Millionen Paare zurück. Die Auswertung beruht auf den Vogelbestandsdaten, die die Bundesregierung 2013 an die EU gemeldet hat. Bislang war jedoch nur die Zu- oder Abnahme auf Artenebene im Gespräch, nicht was die Ergebnisse für die Gesamtzahl bedeuten. Die Zahlen machen vor allem deutlich, dass zwar manche seltenen Arten zunehmen, dafür aber häufige und weit verbreitete Arten massiv abnehmen.
„Aufgrund dieser dramatischen Zahlen muss man von einem regelrechten Vogelsterben sprechen. Während wir es schaffen, große und seltene Vogelarten durch gezielten Artenschutz zu erhalten, brechen gleichzeitig die Bestände unserer Allerweltsvögel ein. Sie finden einfach in unserer heutigen aufgeräumten Agrarlandschaft außerhalb von Naturschutzgebieten keine Überlebensmöglichkeiten mehr“, sagt NABU-Präsident Olaf Tschimpke.
20 Prozent der verlorengegangenen Vögel stellt allein der Star, frisch gekürter Vogel des Jahres 2018. Mit fast 2,6 Mio. Brutpaaren weniger, ist diese Art besonders betroffen. Die häufigen Arten Haussperling, Wintergoldhähnchen und Buchfink folgen auf den nächsten Plätzen. Neben dem Star finden sich mit Feldlerche, Feldsperling und Goldammer drei weitere Vögel der Agrarlandschaft unter den zahlenmäßig größten Verlierern. „Sowohl bei den seltenen als auch bei den häufigen Arten, sind die Vögel der Agrarlandschaft am stärksten betroffen. In der Entwicklung unserer landwirtschaftlich genutzten Flächen ist auch der mutmaßliche Grund für diesen massiven Bestandseinbruch zu suchen“, sagt NABU-Vogelexperte Lars Lachmann.
Im betroffenen Zeitraum hat der Anteil an artenreichen Wiesen und Weiden oder Brachflächen drastisch ab-, dagegen der intensive Anbau von Mais und Raps stark zugenommen. Ein verblüffend ähnliches Muster wie bei der Entwicklung der Vogelzahlen zeigt sich bei der Zahl der Insekten: Eine gestern in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift PLOS ONE veröffentlichte Studie hat bisherige dramatische Befunde zum Insektenrückgang in Nordwestdeutschland bestätigt. Seit den 90er-Jahren hat dort die Biomasse der Fluginsekten zwischen 76 bis 81 Prozent abgenommen. Durch die große Anzahl der untersuchten Standorte und Lebensräume kann die Studie als repräsentativ für ganz Deutschland erachtet werden. „Ein direkter Zusammenhang mit dem Vogelrückgang ist sehr wahrscheinlich, denn fast alle betroffenen Arten füttern zumindest ihre Jungen mit Insekten“, so Lachmann.
Der NABU fordert die Koalitionsparteien einer neuen Bundesregierung daher dringend dazu auf, die Notbremse zu ziehen, und eine grundlegende Reform der Agrarförderung auf EU-Ebene durchzusetzen. Öffentliche Gelder sollen nicht mehr mit der Gießkanne verteilt werden, sondern aus einem Naturschutzfonds an Landwirte für konkrete öffentliche Naturschutzleistungen gezahlt werden. „Nur so lässt sich das Verschwinden der Vögel vor unseren Augen aufhalten und rückgängig machen, bevor es zu spät ist“, so Lachmann.
Die komplette Auswertung und weitere Informationen unter: www.NABU.de/vogelsterben

19.10.2017, Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften
Spinnefeind: Angst vor Schlangen und Spinnen ist in uns angelegt
Schlangen und Spinnen – bei vielen Menschen rufen sie Angst und Ekel hervor. Auch in den Industrieländern ist die Furcht vor diesen Tieren weit verbreitet, obwohl dort kaum einer mit ihnen in Kontakt kommt. Bisher war umstritten, ob diese Abneigung angeboren oder erlernt ist. Wissenschaftlerinnen am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) in Leipzig und der Uppsala University haben nun herausgefunden, dass sie in uns angelegt ist: Bereits sechs Monate alte Babys reagieren gestresst beim Anblick dieser Tiere – lange bevor sie diese Reaktion gelernt haben könnten.
Vermutlich sind in Deutschland die meisten noch nie einer giftigen Spinne oder Schlange in freier Natur begegnet. Es gibt hierzulande schlichtweg keine Spinnen, die dem Menschen gefährlich werden könnten. Auch an Schlangen gibt es nur zwei Arten, die zwar giftig, aber so selten sind, dass man kaum auf sie trifft. Dennoch haben viele Menschen eine Abneigung gegenüber diesen Tieren. Kaum einer wird nicht nervös bei dem Gedanken, eine Spinne, und sei sie noch so harmlos, könne auf seinem Arm hochkrabbeln.
Diese Furcht kann sich bis zu einer echten Angststörung entwickeln, die die Betroffenen in ihrem Alltag einschränkt. Sie sind ständig in Alarmbereitschaft und betreten keinen Raum bevor er nicht als „spinnenfrei“ erklärt wurde oder gehen nicht in die Natur aus Angst, sie könnten einer Schlange begegnen. In Industrienationen sind immerhin etwa ein bis fünf Prozent von einer echten Phobie gegenüber diesen Tieren betroffen.
Bislang war umstritten, wie es zu dieser allgemein verbreiteten Abneigung oder gar Angststörung kommt. Während einige Wissenschaftler davon ausgehen, dass wir sie als Kinder erlernen, glauben andere, dass sie uns angeboren ist. Das Problem bei bisherigen Studien war jedoch, dass sie zum einen hauptsächlich mit Erwachsenen oder älteren Kindern durchgeführt wurden – welches Verhalten gelernt, welches angeboren ist, lässt sich dann kaum voneinander trennen. Zum anderen wurde im Falle der Kinder lediglich getestet, ob sie Spinnen und Schlangen schneller als harmlose Lebewesen und Objekte entdecken können, nicht jedoch, ob sie eine direkte physiologische Angstreaktion zeigen.
Wissenschaftlerinnen des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) in Leipzig und der Universität Uppsala, Schweden, haben nun eine entscheidende Beobachtung gemacht: Bereits bei Babys wird eine Stressreaktion ausgelöst, wenn sie Schlangen oder Spinnen sehen. Und das bereits im Alter von sechs Monaten, einem Alter, in dem sie noch sehr immobil sind und kaum Gelegenheit dazu hatten, zu lernen, dass diese beiden Tiergruppen schlecht seien.
„Als wir den Kleinen Bilder einer Schlange oder Spinne zeigten statt etwa einer Blume oder eines Fischs gleicher Farbe und Größe, reagierten sie mit deutlich vergrößerten Pupillen“, so Stefanie Hoehl, Neurowissenschaftlerin am MPI CBS und an der Universität Wien über die Ergebnisse der zugrundeliegenden Studie. „Das ist bei gleichbleibenden Lichtverhältnissen ein wesentliches Signal dafür, dass das sogenannte noradrenerge System im Gehirn aktiviert wird, das mit Stressreaktionen in Verbindung steht.“ Selbst die Kleinsten sind also beim Anblick dieser Tiergruppen bereits gestresst.
„Wir gehen daher davon aus, dass die Angst vor Schlangen und Spinnen einen evolutionären Ursprung hat. Bei uns, und auch bei anderen Primaten, sind offensichtlich von Geburt an Mechanismen im Gehirn verankert, durch die wir sehr schnell Objekte als ‚Spinne’ oder ‚Schlange’ identifizieren und darauf reagieren können.“ Diese offensichtlich angeborene Stressreaktion prädestiniere uns wiederum sehr stark dafür, Spinnen und Schlangen als gefährlich oder eklig zu erlernen. Wenn dann noch weitere Faktoren hinzukommen, kann sich daraus eine echte Angst oder gar Phobie entwickeln. „Eine starke, panische Abneigung der Eltern oder auch die genetische Veranlagung zu einer überaktiven Amygdala, die wichtig für die Bewertung von Gefahren ist, können hier schnell aus einer erhöhten Aufmerksamkeit gegenüber diesen Tieren eine echte Angststörung entstehen lassen.“
Das Interessante dabei: Aus anderen Studien ist bekannt, dass Babys Bilder von Nashörnern, Bären oder anderen Tieren, die uns theoretisch ebenfalls gefährlich werden können, nicht mit Angst assoziieren. „Wir vermuten, dass die gesonderte Reaktion beim Anblick von Spinnen oder Schlangen damit zusammenhängt, dass potentiell gefährliche Reptilien und Spinnentiere mit dem Menschen und seinen Vorfahren seit 40 bis 60 Millionen Jahren koexistieren – und damit deutlich länger als etwa mit den uns heute noch gefährlichen Säugetieren.“ Die Reaktionen, die die heute von Geburt an gefürchteten Tiergruppen auslösen, konnten sich damit über einen evolutionär sehr langen Zeitraum im Gehirn verankern.
Ähnliches gelte vermutlich für moderne Gefahren wie Messer, Spritzen oder Steckdosen. Sie existieren aus evolutionärer Sicht erst für so kurze Zeit, dass sich dafür keine Reaktionsmechanismen im Gehirn von Geburt an angelegt haben. „Eltern wissen sehr genau, wie schwierig es ist, ihren Kindern beizubringen, sich vor den Risiken unseres Alltags in Acht zu nehmen, nicht in eine Steckdose zu fassen etwa“, fügt Höhl lächelnd hinzu.

19.10.2017, Universität Koblenz-Landau
Umweltfreundlichkeit der Stechmückenbekämpfung mit Bti wird von Landauer Forschern hinterfragt
Landauer Umweltwissenschaftler untersuchten die Empfindlichkeit der für Feuchtgebiete wichtigen Zuckmücken gegenüber dem in der Stechmückenbekämpfung eingesetzten Biozid Bti. Ihr Fazit: Ein in der Zulassung angewendeter Risikofaktor wird deutlich überschritten. Das Risiko einer Beeinträchtigung anderer Tiergruppen über Nahrungsketteneffekte ist in behandelten Schutzgebieten nicht auszuschließen.
Wissenschaftler der Universität Koblenz-Landau haben in einem standardisierten Laborversuch die Empfindlichkeit der für Feuchtgebiete wichtigen Zuckmücken gegenüber dem in der Stechmückenbekämpfung eingesetzten Biozid Bti untersucht. Die jüngsten Larven reagierten bis zu 100-mal empfindlicher als die bisher untersuchten älteren Larven mit Werten, die über 200-mal unter den am Oberrhein eingesetzten Umweltkonzentrationen liegen. Ein in der Zulassung angewendeter Risikofaktor wird damit um mehrere Größenordnungen überschritten. Das Risiko einer Beeinträchtigung anderer Tiergruppen über Nahrungsketteneffekte ist in behandelten Schutzgebieten nicht auszuschließen.
Weltweit werden Stechmücken in Feuchtgebieten bekämpft und auch am Oberrhein ist dies seit Jahrzehnten etabliert. Der Einsatz des biologischen Biozids Bacillus thuringiensis israelensis (Bti) gilt dabei als die umweltfreundlichste Bekämpfungsmethode, da neben den Stechmücken keine tödlichen Effekte bei anderen Organismen auftreten. Bti hat aber auch Auswirkungen auf die nah verwandten Zuckmücken, auch bekannt als Tanzmücken, die in Feuchtgebieten in hoher Artenzahl und Dichte auftreten. Zuckmücken stellen aufgrund ihrer großen Biomasse und ihres hohen Proteingehalts eine zentrale Nahrungsquelle in den Nahrungsnetzen von Feuchtgebieten dar. Zuckmückenlarven werden von anderen Insekten und Fischen im Wasser gefressen, während die geschlüpften Mücken von Vögeln, Fledermäusen oder Libellen als Nahrung genutzt werden.
Die Umweltwissenschaftler der Universität Koblenz-Landau untersuchten die Empfindlichkeit der Zuckmücke Chironomus riparius gegenüber Bti und verfolgten hierbei den kompletten Lebenszyklus mit allen vier Larvenstadien. Bisher lagen lediglich Daten für die älteren Larvenstadien der Zuckmücken vor, wobei generell angenommen wird, dass junge, sehr kleine Larven empfindlicher sind als ältere Larven. Die Forscher um Dr. Carsten Brühl folgten in ihrer Studie einem von der OECD vorgegebenen standardisierten Testdesign, das zur Risikobewertung von Pestiziden entwickelt wurde.
Ihre Ergebnisse zeigen, dass Larven aus dem ersten Larvenstadium bis zu 100fach empfindlicher sind als die älteren 4ten Larvenstadien. Ihre Empfindlichkeit lag um den Faktor 200 niedriger als die am Oberrhein regelmäßig ausgebrachte Menge zur Stechmückenbekämpfung. Bei der Verwendung dieser Daten in einer Risikobewertung, wie sie in der Biozid-Zulassung üblich ist, wird der Schwellenwert für junge Erstlarven, bezogen auf die reguläre Ausbringungsmenge am Oberrhein, um den Faktor 2000 überschritten.
Die durchgeführte Laborstudie stellt eine Vereinfachung der Bedingungen im Freiland dar. „Dort kann durch das Vorhandensein von Sediment, Trübstoffen im Wasser und anderen Faktoren die Wirksamkeit von Bti geringer sein“ erklärt Carsten Brühl, allerdings seien „bei solch hohen Werten Effekte auf die Zuckmücken im Freiland ebenfalls wahrscheinlich“. Von den bisher vorliegenden Feldstudien, die in den verschiedensten Ökosystemen der Welt durchgeführt wurden, zeigten einige Effekte auf Zuckmücken, andere hingegen nicht. „Die Ergebnisse hängen mit den Bedingungen in den Feuchtgebieten zusammen; Salzmarsche haben völlig andere Artenzusammensetzungen als Überflutungsbereiche großer Flüsse“ erläutert der Wissenschaftler. In neueren Studien aus Frankreich wurden Effekte auf die Nahrungskette von Feuchtgebieten in Bti behandelten Flächen gezeigt. „Eine solide Beurteilung der Nahrungsnetzeffekte durch die Stechmückenbekämpfung mit Bti auf zum Beispiel Vögel und andere Tiergruppen ist am Oberrhein erschwert, da leider im Vergleich zu Schweden, den USA oder Frankreich keine Langzeitbeobachtung mit Kontrollgebieten ohne Bti-Einsatz etabliert wurde“ bedauert Carsten Brühl. Als umweltfreundliche Alternative zu anderen Insektiziden wird Bti am Oberrhein mehrmals pro Jahr ausgebracht, in Feuchtgebieten, die unter Naturschutz stehen und für Europa als bedeutend gelten. Die Empfindlichkeit der Zuckmücken gegenüber Bti und ihre mögliche großflächige Reduzierung in behandelten Flächen könnten diese Schutzziele gefährden.
Die Studie:
„Decreasing Bacillus thuringiensis israelensis sensitivity of Chironomus riparius larvae with age indicates potential environmental risk for mosquito control“, Anna Kästel, Stefanie Allgeier und Carsten A. Brühl. Die Studie wurde am 19. Oktober 2017 in der Fachzeitschrift „Scientific Reports“ (www.natur.com/srep) unter
http://www.nature.com/articles/s41598-017-14019-2
veröffentlicht.

18.10.2017, Universität Zürich
Rasche Umweltveränderungen begünstigen Artensterben
Interaktionen zwischen Arten spielen eine Schlüsselrolle für die Biodiversität. Ein Forscherteam mit UZH-Beteiligung zeigt erstmals, dass die Koevolution von Arten innerhalb komplexer Netzwerke nicht nur direkt durch ihre Partner, sondern auch indirekt durch weitere Arten beeinflusst wird. Dies verlangsamt die Anpassungsfähigkeit artenreicher Ökosysteme an sich verändernde Umweltbedingungen. Die raschen Klimaveränderungen dürften daher das Risiko des Artensterbens erhöhen.
Wenn Lebewesen miteinander interagieren, entwickeln sie sich nicht unabhängig voneinander sondern miteinander. Dieser Prozess nennt sich Koevolution. In Räuber-Beute-Systemen begünstigt die natürliche Selektion etwa Raubtiere, die ihre Beute besser fangen können, sowie Beutetiere, die den Raubtieren besser entkommen können. In mutualistischen Gemeinschaften, in denen zwei Arten von ihrer Beziehung gegenseitig profitieren, werden etwa Pflanzen begünstigt, die besser von Insekten bestäubt werden, sowie Insekten, die besser Pollen und Nektar aus den Blüten gewinnen.
Direkte und indirekte Effekte beeinflussen Koevolution
Die Forschung zur Koevolution hat sich bisher auf Paare von Arten konzentriert, die eng miteinander interagieren und somit stark voneinander abhängen. Eiche und Eichelhäher oder Ameisen und Akazienbäume, die sie beschützen, sind Beispiele dazu. Nun zeigt ein internationales Forscherteam mit Beteiligung der Universität Zürich, dass koevolutive Prozesse auch in komplexen Ökosystemen mit zahlreichen Arten stattfinden. Dabei treiben nicht nur die direkten Beziehungen zwischen zwei Arten die Koevolution eines Artenpaares voran. Zusätzlich wird diese auch indirekt durch weitere Spezies beeinflusst, mit denen mindestens eine oder gar beide Arten des Paares nicht direkt interagieren. «Je nach Art der Gemeinschaft beeinflussen diese indirekten Effekte die Koevolution sogar stärker als es direkte Wechselwirkungen tun», ergänzt Jordi Bascompte, UZH-Professor am Institut für Evolutionsbiologie und Umweltwissenschaften.
Interaktion von 75 Artengemeinschaften untersucht
Für ihre Analyse verwendeten die Wissenschaftler 75 Netzwerke von miteinander interagierenden Arten, die im Meer und auf dem Land leben. Diese biologischen Gemeinschaften unterscheiden sich in der Anzahl der Beziehungen, in denen eine Spezies mit anderen Arten steht, sowie der Intensität der gegenseitigen Interaktionen. Auf der einen Seite des Spektrums sind dies hochspezialisierte Gemeinschaften wie etwa die Symbiose von Clownfischen und Seeanemonen. Hier interagieren die Lebewesen jeweils sehr eng innerhalb von Artpaaren. Auf der anderen Seite befinden sich Netzwerke, in denen die Arten mit vielen anderen in Beziehung stehen: z.B. Bienen, die verschiedene Pflanzenarten bestäuben, oder Pflanzen, deren Samen von mehreren Vogel- und Säugetierarten verbreitet werden.
Je spezialisierter die Arten, desto stärker wirken indirekte Effekte
Ausgehend von diesen 75 mutualistischen Netzwerken entwickelten die Forschenden ein mathematisches Modell, mit dem sie simulieren konnten, wie die Koevolution die Eigenschaften der Arten innerhalb dieser biologischen Gemeinschaften beeinflusst. Dabei zeigte sich, dass in kleinen Gemeinschaften mit wenigen engen Beziehungen der Einfluss indirekter Effekte schwächer ist als in artenreichen Netzwerken, in denen die Lebewesen über Partnerschaften zu mehreren anderen Arten verfügen. «Im zweiten Typ von Netzwerken wird die Koevolution der spezialisiertesten Arten – jene mit den wenigsten Partnern – sogar stärker von indirekten Effekten beeinflusst als von ihren direkten Partnern», sagt Bascompte.
Rasche Umweltveränderungen gefährden Arten grosser Netzwerke
In grossen biologischen Netzwerken, in denen viele Arten miteinander interagieren, lösen Umweltveränderungen Kaskaden von evolutionären Veränderungen aus, die sich über das Netzwerk ausbreiten. Komplexe Ökosysteme passen sich daher nur sehr langsam an Umweltveränderungen an. Verändern sich die Umweltbedingungen langsam, helfen indirekte Effekte, dass mutualistische Artengemeinschaften über lange Zeiträume erhalten bleiben. Verändern sich diese jedoch rasch, führt die durch indirekte Effekte verlangsamte Anpassung des Netzwerks dazu, dass die Arten anfälliger werden. «Die raschen, durch Menschen bedingten Klimaveränderungen bergen das Risiko, dass viele Arten in grossen Netzwerken aussterben», folgert Jordi Bascompte.
Literatur:
Paulo R. Guimarães Jr., Mathias M. Pires, Pedro Jordano, Jordi Bascompte, John N. Thompson. Indirect effects drive coevolution in mutualistic networks. Nature. 18 October 2017. DOI: 10.1038/nature24273

Micromeryx eiselei (Staatliches Museum für Naturkunde)

Micromeryx eiselei (Staatliches Museum für Naturkunde)

20.10.2017, Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart
Neuer urzeitlicher „Vampirhirsch“ aus dem Schwabenland.
Forscher haben ca. 14 Mio. Jahre alte Fossilien aus dem Meteoritenkrater von Steinheim am Albuch ausgewertet und haben eine neue Art der damals dort lebenden Moschustiere wissenschaftlich beschrieben.
Vor circa 15 Millionen Jahren durchschlugen zwei Himmelskörper die Hochfläche der schwäbischen Alb und löschten im Umkreis von mehreren hundert Kilometern jegliches Leben aus. Doch das Leben kehrte auf die Alb zurück und im Kessel des Meteoritenkraters von Steinheim am Albuch bei Heidenheim bildete sich ein See, in dessen Ablagerungen zahlreiche Fossilien hervorragend erhalten blieben. Sie bilden ein einzigartiges Fenster zur exotischen Welt des Mittleren Miozäns und haben seit über hundert Jahren Forscher in ihren Bann gezogen.
Neben Elefantenverwandten und Nashörnern lebten hier auch die rehkitzgroßen Moschustiere, die aufgrund der verlängerten Eckzähne der Männchen den Spitznamen „Vampirhirsche“ haben. Die Zähne dienten aber weder dem Blutsaugen noch dem Erlegen von Beute, sondern im Wesentlichen dazu, dem weiblichen Geschlecht zu imponieren.
In Steinheim am Albuch gibt es weltweit die meisten Moschustier-Fossilien. Dr. Manuela Aiglstorfer, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Naturkundemuseum Stuttgart und Kollegen aus Stuttgart, Basel und Wien, haben nun eine neue Art der Säbelzahnhirsche entdeckt, die den wissenschaftlichen Namen Micromeryx? eiselei trägt. Die Art ist zu Ehren von Dieter Eisele benannt, der von 1972 bis 2002 Bürgermeister in Steinheim am Albuch war und die Ausgrabungen sowie die Errichtung des Meteorkrater-Museums in Sontheim unterstützt hat. Bisher war nur die Art Micromeryx flourensianus dieser Säugetiergruppe aus der Zeit des Miozäns von Steinheim am Albuch bekannt.
Die Publikation von Dr. Manuela Aiglstorfer (Stuttgart), Dr. Loïc Costeur (Basel), Dr. Bastien Mennecart (Basel und Wien) und Dr. Elmar Heizmann (Stuttgart) ist jetzt in der online frei zugänglichen Fachzeitschrift PLOS ONE erschienen. Im Sinne von open science verknüpften die Forscher die traditionelle Beschreibung der neuen Art mit einem frei zugänglichen 3D-Modell des fossilen Schädels in der online Zeitschrift MorphoMuseuM.

20.10.2017, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
„Antilopen-Parfüm“ hält Fliegen von Kühen fern
In Afrika übertragen Tsetse-Fliegen die Schlafkrankheit auch auf Rinder. Der Schaden beträgt nach Schätzungen rund 4,6 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Prof. Dr. Christian Borgemeister vom Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn hat nun mit Kollegen aus Kenia und Großbritannien erforscht, wie sich die Krankheit verhindern lässt. Tsetse-Fliegen meiden Wasserböcke, eine weit verbreitete Antilopenart. Die Wissenschaftler imitierten den Geruch dieser Antilopen. Trugen die Rinder Halsbänder mit dem Abwehrstoff, blieben mehr als 80 Prozent der Tiere von der gefürchteten Infektion verschont. Die Ergebnisse werden nun in „PLOS Neglected Tropical Diseases“ vorgestellt.
Tsetse-Fliegen sind in Afrika weit verbreitet. Sie ernähren sich von Blut und können dabei die gefürchtete Schlafkrankheit übertragen. Die Infektion kann tödlich verlaufen und führt zunächst zu einer Schädigung des Nervensystems und im Endstadium zu einem Dämmerzustand, der der Krankheit ihren Namen gegeben hat. Zahlreiche Menschen im tropischen Afrika sind direkt gefährdet, doch auch die Übertragung auf Rinder hat teils drastische Folgen für die Landwirtschaft: Beim Vieh sind Einbußen an Milch, Fleisch und Arbeitskraft zu verzeichnen.
Im Kampf gegen die Schlafkrankheit verfolgt Prof. Dr. Christian Borgemeister vom Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn mit einem Team aus Forschern des International Centre of Insect Physiology and Ecology (icipe), vom Interafrican Bureau for Animal Resources (beide in Kenia) und vom Rothamsted Research, Harpenden (Großbritannien) einen neuen Ansatz. Die Tsetse-Fliegen meiden Wasserböcke, eine afrikanische Antilopenart, weil sie den Geruch der Tiere abstoßend finden.
Das internationale Wissenschaftlerteam hat zuerst die Abwehrstoffe des Wasserbocks isoliert, identifiziert und im Labor synthetisiert. Winzige Mengen der Tsetse-Fliegen abweisenden Substanz füllten die Forscher in Plastikbehälter, die den Rindern mit einem Halsband umgebunden wurden. Fortan verströmte das Vieh den Geruch der ungeliebten Wasserböcke – wie beim berühmten Wolf im Schafspelz wurden die Tsetse-Fliegen durch das „Antilopen-Parfüm“ getäuscht.
Wasserbockgeruch reduziert Erkrankungsraten um mehr als 80 Prozent
Die innovative Methode zur Krankheitsprävention wurde in einem groß angelegten zweijährigen Feldversuch in Kenia getestet. Für das Experiment stellten 120 Maasai-Hirten mehr als 1.100 ihrer Rindern zur Verfügung. Im Vergleich zu ungeschützten Rindern waren die Erkrankungsraten der mit dem Abwehrstoff behandelten Tiere um mehr als 80 Prozent reduziert. Allgemein waren die Tiere mit dem schützenden Halsband gesünder, schwerer, gaben mehr Milch, konnten mehr Land pflügen und erzielten auf den regionalen Märkten deutlich höhere Verkaufserlöse.
„All dies trug zu einer deutlichen Verbesserung der Ernährungssicherheit und des Haushaltseinkommens der beteiligten Hirtenfamilien bei“, sagt Borgemeister. Im Vergleich zu den ansonsten eingesetzten Tiermedikamenten sei die Halsband-Methode deutlich kostengünstiger und damit wirtschaftlicher, so die Forscher. Darüber hinaus stieß die neue Technologie bei den Maasai-Hirten auf eine sehr große Akzeptanz. Rund 99 Prozent der Hirten möchten die Halsbänder gerne nutzen.
„Diese in der Praxis erfolgreich getestete Methode bedeutet einen großen Fortschritt für die Nahrungssicherheit vieler Hirten und Viehhalter in Afrika“, sagt Borgemeister. Da die Halsbänder mit dem Abwehrstoff einfach anzuwenden sind und keine hohen Kosten verursachen, sei diese Vorgehensweise besonders attraktiv und erfolgsversprechend.
Publikation: Protecting cows in small holder farms in East Africa from tsetse flies by mimicking the odor profile of a non-host bovid, PLOS NTD

20.10.2017, Universität Potsdam
Gemeinsame Vorfahren – DNA enthüllt die Geschichte der Säbelzahnkatzen
Wissenschaftlern der Universität Potsdam ist es gelungen, wesentliche neue Erkenntnisse zur Geschichte zweier Arten von Säbelzahnkatzen, speziell während der letzten 50.000 Jahre, zu gewinnen. Die Forscher analysierten dafür komplette mitochondriale Genome. Ihre Ergebnisse zeigen, dass die Säbelzahnkatzen und alle heute lebenden Katzenarten auf einen gemeinsamen Vorfahren vor etwa 20 Millionen Jahren zurückgehen. Die beiden untersuchten Arten trennten sich bereits vor 18 Millionen Jahren. Diese neuen Erkenntnisse wurden jetzt in der Zeitschrift Current Biology veröffentlicht.
„Es ist bemerkenswert, dass die beiden Arten von Säbelzahnkatzen sich genetisch stärker voneinander unterscheiden als ein Tiger von einer Hauskatze“, sagt Dr. Johanna Paijmans von der Universität Potsdam. Die Wissenschaftlerin und ihre Kollegen rekonstruierten das mitochondriale Genom von drei Fossilien der Gattung Homotherium aus Europa und Nordamerika sowie einem Individuum aus der Gattung Smilodon aus Südamerika. Einer der untersuchten Homotherium-Funde ist nahezu einmalig. Es handelt sich um einen 28.000 Jahre alten Unterkiefer, der in der Nordsee entdeckt wurde. „Dieser Fund ist so einzigartig, weil allgemein angenommen wurde, dass die Gattung Homotherium in Europa vor 300.000 Jahren ausgestorben ist. Das heißt, dieses Fossil ist mehr als 200.000 Jahre jünger als der nächstjüngste Homotherium-Fund in Europa“, erläutert Johanna Paijmans.
Die neuen DNA-Daten bestätigen, dass es sich bei diesem erstaunlich jungen Fund tatsächlich um ein Homotherium-Fossil handelt. Damit beweisen die Forscher, dass Homotherium-Säbelzahnkatzen wesentlich länger in Europa überlebten, als bisher angenommen. „Als die ersten anatomisch modernen Menschen nach Europa kamen, konnte es passieren, dass ein Säbelzahntiger auf sie wartete“, so Johanna Paijmans. Die Ergebnisse werfen neue Fragen hinsichtlich der Zeit und Gründe für das Aussterben der Säbelzahnkatzen auf. Johanna Paijmans plant, weitere Säbelzahnkatzen-Funde zu untersuchen. Auch wenn es technisch schwierig ist, hoffen die Wissenschaftler, zukünftig DNA aus älteren Funden isolieren und analysieren zu können.
Veröffentlichung: Current Biology, Paijmans et al.: “Evolutionary History of Saber-Toothed Cats Based on Ancient Mitogenomics” http://www.cell.com/current-biology/fulltext/S0960-9822(17)31198-3

Dieser Beitrag wurde unter Wissenschaft/Naturschutz abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen