Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

15.01.2018, Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns
Leuchtende Echsen – Knochenbasierte Fluoreszenz bei Chamäleons
Chamäleons sind für ihre Farbensprache berühmt. Mit Farbwechsel und bunten Mustern kommunizieren sie mit ihren Artgenossen. Ein Münchner Forscherteam hat nun herausgefunden, dass viele Chamäleons knöcherne Tuberkel am Kopf aufweisen, die unter UV-Licht blau leuchten und eindrucksvolle Muster bilden. Die Haut ist dort ist sehr dünn und durchsichtig, so dass UV-Licht wie durch ein Fenster direkt auf den Knochen trifft und von dort in sichtbares, blaues Licht umgewandelt wird. Die Funktion dieser Fluoreszenz ist noch unklar, aber die Forscher vermuten darin versteckte Signale zur Arterkennung. Die Arbeit wurde heute in der Zeitschrift Scientific Reports publiziert.
Fluoreszenz ist vor allem von Meeresorganismen bekannt, bei landlebenden Wirbeltieren gilt dieses Phänomen hingegen als selten. „Wir konnten es daher kaum glauben, als wir die Chamäleons in unserer Sammlung mit einer UV-Lampe beleuchteten. Fast alle Arten zeigten blaue, vorher unsichtbare Muster im Kopfbereich, manche sogar über den ganzen Körper verteilt“ sagt David Prötzel, Erstautor der Studie und Doktorand an der Zoologischen Staatssammlung München.
Um das Phänomen zu verstehen, setzten die Forscher verschiedene, moderne Methoden ein. Ihre Micro-CT Scans zeigten, dass die Fluoreszenzmuster und die Tuberkelmuster des Schädels übereinstimmten. Die Gewebeanalysen ergaben eine weitere Überraschung: „Unsere histologische 3D-Rekonstruktion hat gezeigt, dass die Haut über den Tuberkeln am Schädel sehr dünn ist und nur aus einer transparenten Schicht Epidermis besteht“, erklärt Martin Heß vom Biozentrum der Ludwig-Maximilians-Universität München. Auf diese Weise bildet die Haut ein Fenster, durch das UV-Licht bis auf den Knochen trifft, dort absorbiert wird und dann wieder als blaues Fluoreszenzlicht ausgestrahlt wird.
„Dass Knochen unter UV-Licht leuchten, ist schon lange bekannt, aber dass Tiere dieses Phänomen nutzen, um selbst zu fluoreszieren, hat uns sehr überrascht und war bisher völlig unbekannt“, sagt Frank Glaw, Kurator für Herpetologie an der Zoologischen Staatssammlung.
Die unter UV-Licht leuchtenden Tuberkel bilden deutliche Muster, die für bestimmte Arten oder Artengruppen typisch sind. Außerdem haben die Männchen bei den meisten Arten der Gattung Calumma deutlich mehr fluoreszierende Tuberkel als ihre Weibchen. Daher vermuten die Forscher, dass die Fluoreszenz kein Zufall ist, sondern den Chamäleons bei der Erkennung von Artgenossen hilft und ein konstantes Muster in Ergänzung zu ihrer Farbensprache darstellt – zumal blaue Farbe im Wald selten und gut erkennbar ist. Diese biologische Funktion konnte allerdings, wie so oft bei Fluoreszenzphänomenen, noch nicht belegt werden. Die eindrucksvollen Signale der Chamäleons zeigen aber, dass es jenseits der menschlichen Wahrnehmung noch viel zu entdecken gibt.

15.01.2018, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Menschheitsgeschichte muss nicht neu geschrieben werden: Der „Fall Untermaßfeld“
In einer kürzlich im Fachjournal „Journal of Paleolithic Archaeology“ veröffentlichten Studie widerlegt der Senckenberg-Wissenschaftler Prof. Dr. Ralf-Dietrich Kahlke gemeinsam mit einem internationalen Team renommierter Steinzeitexperten eine kürzlich erschienene Veröffentlichung zur Ausbreitung des Menschen in Europa. In dieser wird die These aufgestellt, dass die ersten Menschen schon vor etwa einer Million Jahre in Nord- und Mitteleuropa lebten – gut 200.000 Jahre früher als bisher belegt. Das Team zeigt zudem, dass die „Belegstücke“ der archäologischen Untersuchung vermutlich aus der Forschungsgrabung Untermaßfeld gestohlen wurden.
Säbel- und Dolchzahnkatzen, Riesenhyänen, Flusspferde und Elefanten – die Fossilfundstelle Untermaßfeld im thüringischen Werratal ist einzigartig für die Zeit vor gut einer Million Jahre. „Jedes geborgene Fossil hilft uns, das damalige Ökosystem zu verstehen und einen detaillierten Blick in die Erdgeschichte zu werfen“, erklärt Prof. Dr. Ralf-Dietrich Kahlke von der Senckenberg Forschungsstation für Quartärpaläontologie in Weimar und fährt fort: „Die Vielfalt der über 17.000 geborgenen Funde reicht vom winzigen Froschskelett bis hin zum größten Geparden der Erdgeschichte.“
In einer kürzlich im Fachjournal „Journal of Human Evolution“ veröffentlichten Studie wurde nun ein neuer „Sensationsfund“ aus der Thüringer Fundstelle vorgestellt: Die dortigen Autoren beschreiben mehrere Knochen, die „durch den Menschen mit Werkzeug bearbeitet“ wurden. Dies sei der Nachweis für eine Anwesenheit des frühen Menschen vor etwa einer Million Jahre in Mitteleuropa, so der Erstautor und hessische Hobbysammler.
„Wir graben seit den 70er Jahren in Untermaßfeld und kommen auf insgesamt 90 Monate Bergungsaktivität. An der Auswertung unserer Funde und Befunde sind mehr als 30 Forscher aus 20 Instituten des In- und Auslandes beteiligt. Spuren fossiler Hominiden sind uns allen noch nie begegnet“, gibt Kahlke zu bedenken. Für den Weimarer Eiszeitforscher war dies Anlass genug, um gemeinsam mit dem deutsch-niederländischen Archäologen-Team Prof. Dr. Wil Roebroeks (Universität Leiden), Prof. Dr. Sabine Gaudzinski-Windheuser (Universität Mainz) und Prof. Dr. Michael Baales (Universität Bochum) der aufgestellten Behauptung auf den Grund zu gehen.
„Die archäologischen Untersuchungen zeigen deutlich, dass es sich bei den beschriebenen Knochen und Steinen weder um menschliche Werkzeuge handelt, noch dass die Stücke Bearbeitungsspuren aufweisen“, erläutert Kahlke. Die als menschlich verursachte Schnitt- und Hammerspuren beschriebenen Marken an den fossilen Tierknochen, stellten sich bei genauer Betrachtung als „Folgen von Wurzelätzungen, Fraß von Raub- und Nagetieren sowie unsachgemäßer Bergung heraus“, wie Gaudzinski-Windheuser festhält.
Das Wissenschaftlerteam weist zudem nach, dass die ‚archäologischen Belege’ auf fragwürdige Weise in die Hände des Erstautors gelangten. Auch die Angabe der Autoren, die Stücke stammten aus einer „alten DDR-Sammlung“, wurde widerlegt. „Wir dokumentieren die Grabung in Untermaßfeld gewissenhaft mit täglichen Fotoaufnahmen und können daher mit Sicherheit sagen, dass die ‚analysierten’ Fossilien erst im Zeitraum 2009 bis 2012 aus der Grabungsfläche gebrochen wurden und demnach nicht aus einer alten Sammlung stammen können“, ergänzt John-Albrecht Keiler, Senckenberg-Grabungsleiter in Untermaßfeld.
Das Weimarer Wissenschaftlerteam bringt die beschriebenen Stücke mit einer Serie von Diebstählen zwischen 2002 und 2012 in der Fossilienfundstelle in Verbindung – ausschlaggebend für diese Vermutung ist unter anderem ein fossiler Damhirschknochen, der in einer anonymen Postsendung über das Naturhistorische Museum Schloss Bertholdsburg Schleusingen in die Sammlung der Senckenberg-Forschungsstation gelangte. Kahlke hierzu: „Dieses Knochenfragment wird unter anderem als Teil der von uns widerlegten archäologischen Studie präsentiert – und wurde 2009 nachweislich aus unserer Grabung gestohlen.“ Insgesamt wurden etwa 400 Funde in einem möglichen sechsstelligen Gesamtwert entwendet. Mit Unterstützung des Freistaates Thüringen sollen diese Funde nun wieder der Wissenschaft zugeführt werden. „Wir haben in Zusammenarbeit mit den Polizeibehörden unser Sicherheitskonzept nach der Diebstahlserie erheblich ausgebaut. Raubgrabungen und daraus resultierende fehlerhafte wissenschaftliche ‚Erkenntnisse’ wird es nun hoffentlich nicht mehr geben“, schließt Kahlke.
Publikation
Roebroeks, W., Gaudzinski-Windheuser, S., Baales, M. et al. J Paleo Arch (2017). https://doi.org/10.1007/s41982-017-0003-5

18.01.2018, WWF
Artenkollaps auf dem Land Intensiv-Landwirtschaft verursacht dramatischen Artenschwund in Deutschland | WWF fordert ökologischen Neustart in der nationalen und europäischen Landwirtschaftspolitik
Ohne einen ökologischen Neustart in der nationalen und europäischen Landwirtschaftspolitik droht der Artenkollaps auf Deutschlands Feldern und Wiesen. Davor warnt der WWF anlässlich des Auftakts zur „Internationalen Grünen Woche“. „Während Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt Jahr für Jahr auf der Grünen Woche Hände schüttelt und durch die Hallen schlendert, geht es Rebhuhn, Feldhamster und Wildbiene stetig schlechter. Ihr Kampf ums Überleben steht stellvertretend für den tausender heimischer Tiere und Pflanzen, die unter den Folgen der intensiven Landwirtschaft leiden“, so Jörg-Andreas Krüger, beim WWF zuständig für den Bereich Ökologischer Fußabdruck.
Laut Bundesregierung ist EU-weit jeder zweite in der Agrarlandschaft beheimatete Vogel seit 1980 verschwunden, das sind 300 Millionen Tiere. In Deutschland sank die Masse von Fluginsekten wie Hummel, Biene oder Falter in den letzten 30 Jahren um durchschnittlich 76 Prozent. 30 Prozent aller Ackerwildkräuter stehen auf der Roten Liste des Bundesamtes für Naturschutz (BfN). „Überdüngte, flächendeckend mit Pestiziden behandelte Anbauflächen verdrängen artenreiche Wiesen und Weiden sowie Äcker mit vielfältigen Fruchtfolgen. Mit ihnen verschwinden Wiesenvögel, Schmetterlinge und Ackerwildkräuter“, warnt Krüger vom WWF.
Der WWF fordert, dass sich Deutschland in Brüssel für das Ende der heutigen, rein flächenbezogenen Direktzahlungen stark macht. Finanzielle Unterstützung sollte an verbindliche Ziele beim Klimaschutz, dem Erhalt von Biodiversität und dem Schutz von Wasser und Boden gebunden sein. „Landwirte, die nachhaltig produzieren und damit unsere natürlichen Lebensgrundlagen schützen, dürfen nicht ums Überleben kämpfen, sie gehören angemessen honoriert“, unterstreicht Krüger vom WWF.
Opfer der bestehenden Agrarstrukturen ist aus Sicht des WWF nicht nur die Natur, sondern sind auch die Bauern selbst: Die Zahl der Familienbetriebe nimmt seit Jahrzehnten ungebremst ab. Erneut ist die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe gesunken. 1991 waren es noch mehr als doppelt so viele Betriebe wie heute.
Von jeder künftigen Bundesregierung erwartet der WWF daher ein landwirtschaftspolitisches Gesamtkonzept, das den Einsatz von Pestiziden und Düngern reduziert, die Biologische Vielfalt, Wasser und Boden systematisch schützt und die Zukunft der Landwirte wirtschaftlich sichert.
Zehn Beispiele für bedrohte Feld- und Wiesenarten: Über 50 Prozent der Fläche in Deutschland wird landwirtschaftlich genutzt. Die folgenden Arten stehen beispielhaft für den starken Rückgang tausender Pflanzen und Tiere auf Feldern, Wiesen und Weiden und dessen Ursachen:
1. Feldlerche: In Deutschland sind seit 1990 mehr als eine Million Feldlerchen verschwunden, ihr Gesang ist nur noch selten zu hören. Besonders der verstärkte Anbau von Wintergetreide macht dem Bodenbrüter zu schaffen. Das Wintergetreide ist zum Zeitpunkt der Brut schon dicht und hoch gewachsen, dort findet die Feldlerche für ihr Nest und zur Nahrungssuche keinen Platz. Weicht sie auf offenere Flächen aus, werden die Nester leichte Beute von Füchsen oder Wieseln.
2. Feldhamster: Der Feldhamster steht in Deutschland und Mitteleuropa vor dem Aussterben. Wenn der Feldhamster seine Wintervorräte anlegen will, findet er kaum noch Feldkörner und Samen. Denn in der intensiven Bewirtschaftung sind die Felder bereits abgeerntet und die Stoppeln werden gleich umgebrochen. Viele andere Wildkräuter am Feldrand sind durch den Einsatz von Unkrautvernichtern rar. Der Nager wird zudem in den kahlen Flächen schnell Opfer von Fuchs und Bussard.
3. Kornrade: Früher gelangte der Samen der Kornrade mit jeder neuen Aussaat wieder in den Boden. Heute sortieren moderne Methoden zur Aufbereitung des Saatguts ihn aus. Das Nelkengewächs ist deshalb im Freiland sehr selten geworden.
4. Sommeradonis-Röslein: Das Sommeradonis-Röslein war auf vielen Getreideäckern weit verbreitet. Der Einsatz von Unkrautvernichtern und die intensive Bearbeitung der Äcker lässt die farbenprächtige Art stark zurückgehen.
5. Braunkehlchen: Die Zahl der Braunkehlchen hat in Deutschland seit der Wiedervereinigung um zwei Drittel abgenommen. Dem Bodenbrüter mangelt es neben Wiesen oder Randstreifen mit bodennaher Deckung auch an Stauden, niedrigen Büsche oder Zaunpfählen für die Jagd auf Insekten. Wo das Braunkehlchen dennoch brütet, gelingt es ihm kaum noch Jungen aufzuziehen. Denn Wiesen werden immer früher und immer häufiger gemäht.
6. Wiesensalbei: Der Düngeüberschuss in Deutschland macht nitratarme Böden, wie sie der Wiesensalbei braucht, zu Mangelware. Zudem fällt er engeren Mähzyklen zum Opfer. Fehlen Wiesensalbei und andere Wiesen- und Ackerwildkräuter, finden Insekten wie Wildbienen weniger Nahrung.
7. Rebhuhn: Das Rebhuhn war einst Allerweltsvogel, Inzwischen ist sein Bestand seit den 90iger Jahren europaweit um über 90 Prozent geschrumpft. Die heutige Agrarlandschaft bietet ihm kaum noch Hecken, breite Ränder oder Gehölze an Feldern. Zudem blühen Kräuter und Ackerwildkräuter immer seltener und somit gibt es auch immer weniger Insekten. Die Hauptnahrungsquellen des Rebhuhns versiegen.
8.Hauhechel-Bläuling: Viele Bestände heimischer Schmetterlingsarten schrumpfen, auch die Zahl der Hauhechel-Bläulinge ist im Sinkflug begriffen: Sein Lebensraum sind kleine Brachlandschaften und blumenreiche Wiesen. Die gibt es aber immer weniger. Manche Schmetterlingsart braucht ganz spezielle Pflanzen zur Larvenablage, fehlt die Pflanze, gibt’s keinen Falternachwuchs.
9. Wildbienen: Von den über 550 in Deutschland beheimateten Wildbienenarten sind laut Roter Liste des BfN mittlerweile 31 vom Aussterben bedroht, 197 gefährdet und 42 auf der Vorwarnliste. Typische Lebensräume wie Sandwege, alte Hecken, Totholz oder Steinhaufen sind in vielen Regionen Deutschlands verschwunden. Der Rückgang an Blühpflanzen führt zudem dazu, dass es Wildbienen insbesondere im Spätsommer an Nahrung fehlt. Der Einsatz von Neonikotinoiden setzt den Insekten zusätzlich zu.
10.Ortolan: Der Ortolan oder auch Gartenammer brütet hauptsächlich in Feldgehölzen, an Waldrändern und in den letzten Streuobstquartieren. Da immer mehr Obstbäume verschwinden und Felder so zusammengelegt wurden, dass Hecken und Feldgehölze Mangelware sind, fehlt ihm Raum für seine Nester. In Deutschland wird der Brutbestand noch auf 4.000 bis 5.000 Brutpaare geschätzt.

18.01.2018, ZOOLOGISCHE GESELLSCHAFT FRANKFURT
Rätsel gelöst: Wetterbedingungen waren schuld am Massensterben von Saigas
Im Mai 2015 hatte ein mysteriöses Massensterben von Saiga-Antilopen in Kasachstan Wissenschaftler weltweit vor ein Rätsel gestellt – und Naturschützer vor einen katastrophalen Rückschlag beim Schutz der Art. Innerhalb von nur wenigen Wochen waren rund 200.000 Saigas während der Kalbungszeit in der zentralkasachischen Steppe qualvoll verendet. Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern versuchten seitdem, die Ursache des ungewöhnlichen Massensterbens herauszufinden. Ein am 17. Januar in „Science Advances“ veröffentlichtes Paper präsentiert Ergebnisse, die zeigen, dass eine ungünstige Kombination von an sich harmlosen Faktoren, allen voran klimatische Faktoren, der Wegbereiter für eine Bakterieninfektion war, die das Massensterben auslöste.
„Die jetzt vorliegenden Ergebnisse lösen nicht nur ein Rätsel, sondern helfen uns auch hoffentlich, den Schutz der Saigas zu verbessern“, sagt Steffen Zuther, der als Projektleiter der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt vor Ort die Untersuchungen maßgeblich koordiniert hatte und Mitautor der Publikation ist.
Den eigentlichen Verursacher des Massensterbens hatten die Wissenschaftler, die vor Ort Proben der toten Tiere genommen hatten, bald identifiziert: das Bakterium Pasteurella multocida. Es hatte eine sogenannte hämorrhagische Septikämie, ausgelöst. Das heißt, das Bakterium produziert ein Gift, das extrem schnell die Organe der Tiere angreift, sodass diese qualvoll und innerhalb weniger Stunden sterben. Das Bakterium kommt jedoch natürlicherweise in den Atemwegen der Saigas vor. Was also war der eigentliche Auslöser, der aus dem bis dato harmlosen Bakterium einen derartigen Killer machte?
Temperaturanstieg erhöht das Risiko
Von Anfang an standen klimatische Faktoren recht hoch auf der Liste der Verdächtigen. Im jetzt erschienenen Paper in „Science Advances“ zeigt eine internationale und interdisziplinäre Gruppe von Wissenschaftlern, dass überdurchschnittlich hohe Temperaturen und hohe Luftfeuchtigkeit in den Tagen vor dem Desaster die auslösenden Faktoren waren.
Durch die Auswertung früherer Saiga-Massensterben (u. a. 2015 und zweimal in den 80er-Jahren) konnten die Forscher zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit eines plötzlichen Massensterbens bei feuchtem und warmem Wetter zunimmt und dass es meist während der Kalbungszeit auftritt.
Häufigere Massensterben?
Die jüngste Geschichte der Art deutet darauf hin, dass es häufiger zu derartigen Massensterben kommt, was die Art möglicherweise anfälliger für ein völliges Aussterben macht.
Neben potenziell steigenden Temperaturen setzt auch Wilderei der Art zu. Die zunehmende Entwicklung von Infrastruktur (Eisenbahnen, Straßen und Zäune), die den Lebensraum der Saigas zerschneidet, beeinträchtigt die Wanderungen und erhöht ebenfalls den Druck auf die Tiere.
„In Anbetracht all dieser Bedrohungen ist es denkbar, dass ein erneutes Massensterben die Saiga-Population auf ein Niveau dezimieren könnte, von dem aus eine Erholung der Art unmöglich wird. Nur wenn wir auf lange Sicht große Bestände haben, kann die Saiga-Antilope auf Dauer überleben“, sagt Steffen Zuther.
Sehr spezielle Biologie
Bei keiner anderen Säugetierart sind Massensterben in dieser Dimension belegt. Aber auch keine andere Säugetierart muss derart in ihre Fortpflanzung investieren. Die Bedingungen in den zentralasiatischen Steppen sind extrem, mit Temperaturen, die im Winter auf unter -40 Grad Celsius sinken und im Sommer auf über 40 Grad Celsius ansteigen. Die Nahrung ist karg und knapp und die Saiga-Herden müssen große Wanderungen auf sich nehmen. Saiga-Mütter bekommen in der Regel Zwillinge – auch das eine Besonderheit unter großen Säugern – und die Kälber müssen innerhalb weniger Tage in der Lage sein, ihren Müttern bei der Wanderung zu folgen.
Eine Fortpflanzungsstrategie, die zwar in der speziellen Umwelt dieser Tiere erforderlich ist, die aber auch sehr risikoreich ist, denn die Weibchen sind während der Kalbung extrem gestresst, geschwächt und somit anfällig für Infektionen.
Publikation
Saigas on the brink: multi-disciplinary analysis of the factors
influencing mass mortality events
Veröffentlicht in Science Advances, 17. Januar 2018
Autoren: Richard Kock, Mukhit Orynbayaev, Sarah Robinson, Steffen
Zuther, Navinder Singh, Wendy Beauvais, Eric Morgan, Aslan
Kerimbayev, Sergei Khomenko, Henny Martineau, Rashida Rystaeva,
Zamira Omarova, Sara Wolfs, Florent Hawotte, Julien Radoux, E.J.
Milner-Gulland
Projektinformation
ZGF Projekt zum Schutz der Steppen und Saigas in Kasachstan:
http://fzs.org/de/projekte/aktuelle-projekte/kasachstan/

18.01.2018, DEUTSCHE WILDTIER STIFTUNG
Alle Vögel sind nicht weg
Die Deutsche Wildtier Stiftung: Wintergäste aus dem hohen Norden in Deutschland gelandet
Eissturm, Glätte und jede Menge Schnee: Der Winter hat Deutschland im Griff. Insektenfresser unter den gefiederten Fliegern wie Schwalben, Grasmücken oder Rohr- und Laubsänger sind längst Richtung Süden davongeflogen. Doch nicht alle Vögel sind weg. Im Wald und in der Feldflur, in städtischen Parkanlagen und auf Friedhöfen hört man sie zwitschern und singen. Darunter sind nicht nur einheimische Arten, sondern auch Wintergäste aus dem hohen Norden.
Vor allem das brustrotgefiederte Rotkehlchen ist mit seinem lauten „Tick-ick-ick“ in Hecken und auf Bäumen gut zu hören: „Auch Kohl- und Sumpfmeise sind im Winter fleißige Sänger. Der Kleiber ist im Wald jedoch stimmlich unangefochten“, sagt Michael Tetzlaff, Ornithologe in Wildtierland Gut Klepelshagen in Mecklenburg-Vorpommern. „Sogar der kleine Zaunkönig lässt jetzt seinen melodischen Gesang hören.“ Neben dem Gartenbaumläufer rufen überall die kleinen Wintergoldhähnchen. Die quirlige Art, die in größeren Trupps lautstark auf sich aufmerksam macht, bevölkert mit zahlreichen Bergfinken die Wälder. Schwarz- und Grünspecht stimmen mit lautstarken Rufen ein. Ab Februar fangen dann auch die Buntspechte mit ihrem Balztrommeln an. Auch wenn die Feldflur fast vogelfrei scheint, kann man dort viele Vögel aus dem hohen Norden beobachten. „Sie sind hier, um der grimmigen Kälte in der arktischen Tundra zu entfliehen“, erklärt der Experte der Deutschen Wildtier Stiftung. Raufußbussarde und Raubwürger aus Skandinavien lauern Mäusen auf. In ihrer Brutheimat wären diese jetzt unter einer dicken Schneedecke verborgen und für die Vögel nur schwer zu erreichen.
Tausende Wacholderdrosseln fallen jetzt über die wenigen vereisten Früchte her, die noch an den Sträuchern hängen. Mit den verwandten Rotdrosseln lassen sie sich die Beeren schmecken. Viele Kilometer von der Brutheimat entfernt ziehen derzeit auch tausende Birken- und Erlenzeisige durch unsere Lande. Ihr Name verrät ihre Fressgewohnheit: Sie sind auf der Suche nach Erlen- und Birkensamen, sammeln auch vorjährige Fruchtstände von Brennnessel und Beifuß ab. „Da mittlerweile in vielen Gegenden die Feldflur von Wildkräutern und heimischen Sträuchern bereinigt wurde, gibt es kaum noch ausreichend Nahrung für unsere kleinen Wintergäste“, betont Michael Tetzlaff. Daher ist es umso wichtiger, im Garten heimische Gehölze zu pflanzen und das eine oder andere Wildkraut stehen zu lassen. „So helfen Sie Singvögeln über den Winter!“.
Auf offenen Gewässern sind die melodischen Gesänge der Singschwäne zu hören, die aus dem Baltikum zu uns kommen. Die unangefochtenen Stars unter den Wintergästen sind die farbenfrohen Seidenschwänze aus der Taiga. „Ihr ungewöhnliches Aussehen, das weithin hörbare Klingeln in ihren Stimmen – das sind für mich Highlights des Winters“, sagt Tetzlaff. Im März verlassen uns die Gäste aus dem Norden wieder; dann kommen die Heimkehrer aus dem Süden zurück.

19.01.2018, Veterinärmedizinische Universität Wien
Jagdhunde könnten versteckte Überträger der Infektionskrankheit Tularämie sein
Mit den bakteriellen Erregern der für Hasenartige oder Nagetiere lebensbedrohlichen Krankheit Tularämie können sich nicht nur Menschen, sondern auch Hunde infizieren. Obwohl der Kontakt mit kontaminiertem Blut oder Fleisch JägerInnen zur Hochrisikogruppe macht, ist kaum untersucht, wie regelmäßig sich Jagdhunde anstecken. Forschende der Vetmeduni Vienna bestätigten nun mit einer an österreichischen Hunden durchgeführten Blutuntersuchung und einer positiven Quote von sieben Prozent eine relevante Häufigkeit von Infektionen. Damit könnte sich auch die Diskussion verstärken, ob sich hinter den meist symptomlosen Tieren ein zusätzliches Ansteckungsrisiko für den Menschen verbirgt.
Tularämie, die auch als „Hasenpest“ bezeichnet wird, ist eine für Wildtiere, wie Hasen, Wildkaninchen oder Nagetiere, zumeist tödlich verlaufende Krankheit. Als Zoonose stellt sie jedoch auch für den Menschen ein hohes Gesundheitsrisiko dar. Ausgelöst wird sie durch unterschiedliche Subtypen des bakteriellen Erregers Francisella tularensis, der durch saugende und stechende Insekten, sowie direkt über kontaminiertes Heu und infiziertes Blut oder andere Flüssigkeiten übertragen werden kann. Auch rohes Fleisch erkrankter Wildtiere birgt ein hohes Ansteckungsrisiko durch die Erreger, die unter anderem auch Hunde befallen können.
Jagdhunde in Österreich regelmäßiger infiziert als gedacht
Da die Vierbeiner jedoch zumeist ohne Sekundärerkrankungen keine oder kaum Symptome sowie eine hohe natürliche Resistenz gegen eine geringe Menge an Bakterien zeigen, werden sie in Studien kaum berücksichtigt. Dennoch gibt es Theorien, dass Hunde als ein Zwischenwirt und damit als weiteres Ansteckungsreservior dienen könnten. Und, vor allem bei Jagdhunden, die ähnlich wie Jägerinnen und Jäger, direkt mit infizierten Wildtieren, etwa beim Apportieren, in Kontakt kommen, ist die Frage berechtigt, wie regelmäßig sich gerade diese Vierbeiner mit den Erregern anstecken.
WissenschafterInnen des Forschungsinstituts für Wildtierkunde und Ökologie der Vetmeduni Vienna untersuchten daher nun erstmals das Blut 80 österreichischer Jagdhunde aus Landesgebieten, in denen die Tularämieerreger regelmäßig vorkommen. „Nach zwei unabhängigen Analysen konnten wir fünf Hunde als eindeutig positiv identifizieren“, sagt Erstautorin Annika Posautz. Damit konnte gezeigt werden, dass die Anzahl an Hunden in den österreichischen Gebieten, in denen die Hasenpest endemisch ist, sprich regelmäßig vorkommt, häufiger infiziert werden.
Ansteckungsrisiko durch infizierte Hunde möglich, aber unbestätigt
„Die Quote von etwa sieben Prozent verdeutlicht, dass es auch regelmäßig zur Infektion von Jagdhunden kommen kann. Als Träger des Erregers, selbst ohne Symptome, könnten die Tiere auch als unerwarteter Überträger in Frage kommen“, so Posautz weiter. Dafür fehlt laut den Forschenden aber noch ein eindeutiger wissenschaftlicher Beweis. Auch Faktoren wie das Alter, junge Hunde könnten zu Ausbildungszwecken etwa häufiger mit kontaminiertem Wild in Kontakt kommen, müssen allerdings genauso wie die Frage, ob die Vierbeiner ein Ansteckungsrisiko für Menschen sind, erst durch weitere Studien analysiert werden.
Getestet wurde das Blut mit zwei unterschiedlichen Agglutinationstests, um auf Antigene auf der Oberfläche der Erreger oder durch das Immunsystem gebildete Antikörper rückschließen zu können. „Bei diesen Nachweisverfahren bewirkt man gezielt eine Verklumpung dieser Merkmale, die damit unter dem Mikroskop sichtbar werden. Bei Verdacht auf eine Tularämieerkrankung ist es notwendig, mehr als nur einen dieser Tests durchzuführen, da es auch zu Kreuzreaktionen mit anderen Erregern kommen kann. Sind alle Tests positiv, kann die Erkrankung eindeutig bestätigt werden. Das war bei fünf Tieren der Fall“, so die Forscherin.
Service:
Der Artikel „Seroprevalence of Francisella tularensis in Austrian Hunting Dogs“ von Annika Posautz, Miklós Gyuranecz, Béla Dénes, Felix Knauer, Helmut Dier und Christian Walzer wurde in Vector-Borne and Zoonotic Diseases veröffentlicht.
http://online.liebertpub.com/doi/10.1089/vbz.2017.2193

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