Pariahunde in Brehms Tierleben

Gehen wir von den verwilderten Hunden zu denen über, welche zwar herrenlos sind, immer aber noch in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnisse zu dem Menschen stehen. Die Engländer haben ihnen den Namen Pariahunde beigelegt, und diese Bezeichnung verdient von uns angenommen zu werden; denn Parias, elende, verkommene, aus der besseren Gesellschaft verstoßene Thiere sind sie, die armen Schelme, trotz der Freiheit, zu thun und zu lassen was ihnen beliebt, Parias, welche dankbar die Hand lecken, die ihnen das Joch der Sklaverei auflegt, welche glücklich zu sein scheinen, wenn der Mensch sie würdigt, ihm Gesellschaft zu leisten und ihm zu dienen.

Schon im Süden Europa’s leben die Hunde auf ganz anderem Fuße als bei uns zu Lande. In der Türkei, in Griechenland und in Südrußland umlagern Massen von herrenlosen Hunden die Städte und Dörfer, kommen wohl auch bis in das Innere der Straßen herein, betreten aber niemals einen Hof und würden auch von den Haushunden sofort vertrieben werden. Sie nähren sich hauptsächlich von Aas oder jagen bei Gelegenheit wohl auch auf eigene Faust kleinere Thiere, namentlich Mäuse und dergleichen. Auch die Hunde der südspanischen Bauern werden nur sehr wenig zu Hause gefüttert, streifen zur Nachtzeit weit und breit umher und suchen sich selbst ihre Nahrung. Auf den Kanaren ist es nach Bolle noch neuerdings vorgekommen, daß einzelne Hunde verwilderten und unter den Schafherden bedeutenden Schaden anrichteten. So selbständig werden die verwilderten Hunde des Morgenlandes nicht; aber sie müssen durchaus für sich selbst sorgen und werden von keinem Menschen irgendwie unterstützt. Ich habe diese Thiere vielfach in Egypten beobachtet und will in möglichster Kürze mittheilen, was mir von ihrem Leben besonders merkwürdig erschien.

Alle egyptischen Städte stehen zum Theil auf den Trümmern der alten Ortschaften, also gewissermaßen auf Schutthaufen. Wahre Berge von Schutt umgeben auch die meisten und die größeren, wie Alexandrien oder Kairo, in sehr bedeutender Ausdehnung. Diese Berge nun sind es, welche den verwilderten Hunden hauptsächlich zum Aufenthalte dienen. Die Thiere selbst gehören einer einzigen Rasse an. Sie kommen in der Größe mit einem Schäferhunde überein, sind von plumper Gestalt und haben einen widerwärtigen Gesichtsausdruck; ihre lange und ziemlich buschige Ruthe wird in den meisten Fällen hängend getragen. Die Färbung ihres rauhen, struppigen Pelzes ist ein schmutziges, röthliches Braun, welches mehr oder weniger in das Graue oder in das Gelbe ziehen kann. Andersfarbige, namentlich schwarze und lichtgelbe kommen vor, sind aber immer ziemlich selten.

Sie leben in vollkommenster Selbständigkeit an den genannten Orten, bringen dort den größten Theil des Tages schlafend zu und streifen bei Nacht umher. Jeder besitzt seine Löcher, und zwar sind diese mit eigenthümlicher Vorsorge angelegt. Jedenfalls hat jeder einzelne Hund zwei Löcher, von denen eins nach Morgen, das andere nach Abend liegt; streichen die Berge aber so, daß sie dem Nordwinde auf beiden Seiten ausgesetzt sind, so graben sich die Thiere auch noch auf der Südseite ein besonderes Loch, welches sie jedoch bloß dann beziehen, wenn ihnen der kalte Wind in ihrem Morgen- oder Abendloche lästig wird. Morgens bis gegen zehn Uhr findet man sie regelmäßig in dem nach Osten hin gelegenen Loche; sie erwarten dort nach der Kühle des Morgens die ersten Strahlen der Sonne, um sich wieder zu erwärmen. Nach und nach aber werden diese Strahlen ihnen zu heiß, und deshalb suchen sie jetzt Schatten auf. Einer nach dem anderen erhebt sich, klettert über den Berg weg und schleicht sich nach dem auf der Westseite gelegenen Loche, in welchem er seinen Schlaf fortsetzt. Fallen nun die Sonnenstrahlen nachmittags auch in diese Höhlung, so geht der Hund wieder zurück nach dem ersten Loche, und dort bleibt er bis zum Sonnenuntergang liegen.

Um diese Zeit wird es in den Bergen lebendig. Es bilden sich größere und kleinere Gruppen, ja selbst Meuten. Man hört Gebell, Geheul, Gezänk, je nachdem die Thiere gestimmt sind. Ein größeres Aas versammelt sie immer in zahlreicher Menge, ein todter Esel oder ein verendetes Maulthier wird von der hungerigen Meute in einer einzigen Nacht bis auf die größten Knochen verzehrt. Sind sie sehr hungerig, so kommen sie auch bei Tage zum Aase, namentlich wenn dort ihre unangenehmsten Gegner, die Geier, sich einfinden sollten, durch welche sie Beeinträchtigung im Gewerbe fürchten. Sie sind im höchsten Grade brodneidisch und bestehen deshalb mit allen unberufenen Gästen heftige Kämpfe. Die Geier aber lassen sich so leicht nicht vertreiben und leisten ihnen unter allen Aasfressern den entschiedensten und muthigsten Widerstand; deshalb haben sie von ihnen das meiste zu leiden. Aas bleibt unter allen Umständen der Haupttheil ihrer Nahrung; doch sieht man sie auch katzenartig vor den Löchern der Rennmäuse lauern und schakal- oder fuchsartig diesen oder jenen Vogel beschleichen. Wenn ihre Aastafel einmal nicht gespickt ist, machen sie weite Wanderungen, kommen dann in das Innere der Städte herein und streifen in den Straßen umher. Dort sind sie, weil sie allen Unrath wegfressen, geduldete, wenn auch nicht gern gesehene Gäste, und gegenwärtig kommt es wohl nur sehr selten vor, daß einzelne gläubige Mahammedaner sie, wie vormals geschehen sein soll, in ihren Vermächtnissen bedenken und für ihre Erhaltung gewissermaßen Sorge tragen.

Die Paarungszeit fällt in dieselben Monate wie bei den übrigen Hunden, einmal in das Frühjahr, das andere Mal in den Herbst. Die Hündin wölft in eines ihrer Löcher, gräbt es aber etwas tiefer aus und bildet daraus einen förmlichen Bau, in welchem man das ganze Gewölfe nach einiger Zeit lustig mit der Alten spielen sieht. Nicht selten kommt es vor, daß eine solche Hündin, wenn die Wölfzeit kommt, sich in das Innere der Städte begibt und dort, mitten in der Straße oder wenigstens in einem nur einigermaßen geschützten Winkel derselben, eine Grube sich gräbt, in welcher sie dann ihre Nachkommenschaft zur Welt bringt. Es scheint fast, als ob sie wisse, daß sie auf die Mildthätigkeit und Barmherzigkeit der mahammedanischen Bevölkerung zählen dürfe, und wirklich rührend ist es zu sehen, wie die gastfreien Leute einer solchen Hundewöchnerin sich annehmen. Ich habe mehr als einmal beobachtet, daß vornehme Türken oder Araber, welche durch solche Straßen ritten, in denen Hündinnen mit ihren Jungen lagen, sorgfältig mit ihrem Pferde auf die Seite lenkten, damit dieses ja nicht die junge Brut beschädige. Wohl selten geht ein Egypter vorüber, ohne der Hundemutter einen Bissen Brod, gekochte Bohnen, einen alten Knochen und dergleichen zuzuwerfen. Die Mahammedaner halten es für eine Sünde, ein Thier unnöthiger Weise zu tödten oder zu beleidigen; aber die Barmherzigkeit geht zuweilen auch zu weit. Man findet nämlich oft räudige und kranke Hunde im größten Elende auf der Straße liegen, ohne daß eine mitleidige Hand sich fände, ihrem trauerigen Dasein ein Ende zu machen. So sah ich in einer Stadt Oberegyptens einen Hund in der Straße liegen und sich herumquälen, welchem durch einen unglücklichen Zufall beide Hinterbeine derart zerschmettert waren, daß er sie nicht mehr gebrauchen konnte und sie, wenn er sich mit den Vorderbeinen mühsam weiterbewegte, hintennach schleifen mußte. Ganz unzweifelhaft hatten alle Bewohner des Ortes dieses unglückliche, erbärmliche Thier schon Monate lang täglich gesehen, Niemandem aber war es eingefallen, ihm einen Gnadenstoß zu geben. Ich zog eine Pistole und schoß ihm eine Kugel durch den Kopf, mußte mich jedoch ordentlich gegen die Leute vertheidigen wegen meiner That.

Fängt man sich junge Hunde und hält sie lange Zeit in der Gefangenschaft, so werden sie vollständig zu Haushunden und sind dann als wachsame und treue Thiere sehr geschätzt. Bei weitem der größte Theil der jungen Straßenhunde aber findet keinen Herrn und begibt sich, nachdem er halberwachsen ist, mit der Alten ins Freie und lebt dort genau in derselben Weise wie seine Vorfahren.

Innerhalb ihrer eigentlichen Wohnkreise sind die verwilderten Hunde ziemlich scheu und vorsichtig, und namentlich vor dem fremdartig Gekleideten weichen sie jederzeit aus, sobald sich dieser ihnen nähert. Beleidigt man einen, so erhebt sich ein wahrer Aufruhr. Aus jedem Loche schaut ein Kopf heraus, und nach wenigen Minuten sind die Gipfel der Hügel mit Hunden bedeckt, welche ein ununterbrochenes Gebell ausstoßen. Ich habe mehrmals auf solche Hunde förmlich Jagd gemacht, theils um sie zu beobachten, theils um ihr Fleisch zu verwenden, d.h. um es entweder als Köder für die Geier auszuwerfen, oder um es meinen gefangenen Geiern und Hiänen zu verfüttern. Bei diesen Jagden habe ich mich von dem Zusammenleben und Zusammenhalten der Thiere hinreichend überzeugen können und dabei auch unter anderem die Beobachtung gemacht, daß sie mich schon nach kurzer Zeit vollständig kennen und fürchten gelernt hatten. In Chartum z.B. war es mir zuletzt unmöglich, solche herrenlose Hunde mit der Büchse zu erlegen, weil sie mich nicht mehr auf vierhundert Schritte an sich herankommen ließen. Sie sind überhaupt dem Fremden sehr abhold und kläffen ihn an, sobald er sich zeigt; aber sie ziehen sich augenblicklich zurück, wenn man sich gegen sie kehrt. Gleichwohl kommt nicht selten eine starke Anzahl auf einen los, und dann ist es jedenfalls gut, dem naseweisesten Gesellen eine Kugel vor den Kopf zu schießen. Mit den Mahammedanern oder morgenländisch gekleideten Leuten leben sie in guter Freundschaft; sie fürchten dieselben nicht im geringsten und kommen oft so nahe an sie heran, als ob sie gezähmt wären; mit den Haushunden dagegen liegen sie beständig im Streite, und wenn ein einzelner Hund aus der Stadt in ihr Gebiet kommt, wird er gewöhnlich so gebissen, daß er sich kaum mehr rühren kann. Auch die Hunde eines Berges verkehren nicht friedlich mit denen eines anderen, sondern gerathen augenblicklich mit allen in Streit, welche nicht unter ihnen groß geworden und sich sozusagen mit ihnen zusammengebissen haben.

Manchmal vermehren sich die verwilderten Hunde in das Unglaubliche und werden zur wirklichen Landplage. Mahammed Aali ließ einmal, um dieser Pest zu steuern, ein Schiff förmlich mit Hunden befrachten und diese dann auf hoher See über Bord werfen, um sie sicher zu ertränken. Zum größten Glück sind sie der Wasserscheu nur äußerst selten ausgesetzt, ja man kennt wirklich kaum Beispiele, daß Jemand von einem tollen Hunde gebissen worden wäre. Die verwilderten Hunde gelten den Mahammedanern, wie alle Thiere, welche Aas fressen, für unrein in Glaubenssachen, und es ist deshalb dem Gläubigen verwehrt, näher mit ihnen sich zu befassen. Wird ein solches Thier aber gezähmt, so ändert sich die Sache: dann gilt bloß seine beständig feuchte Nase noch für unrein.

In Konstantinopel soll das Verhältnis des Menschen zu den Hunden ein ganz ähnliches sein. »Unzertrennlich von den Gassen der Hauptstadt«, sagt Hackländer, »ist der Gedanke an ihre beständigen Bewohner, die herrenlosen Hunde, welche man in zahlloser Menge auf ihnen erblickt. Gewöhnlich macht man sich von Dingen, von denen man oft liest, eine große Vorstellung und findet sich getäuscht. Nicht so bei diesen Hunden. Obgleich alle Reisenden darüber einig sind, sie als eine Plage der Menschen darzustellen, so sind doch die meisten bei der Beschreibung dieses Unwesens zu gelinde verfahren.

Diese Thiere sind von einer ganz eigenen Rasse. Sie kommen in der äußeren Gestalt wohl am meisten unseren Schäferhunden nahe, doch haben sie keine gekrümmte Ruthe und kurze Haare von schmutziggelber Farbe. Wenn sie faul und träge umherschleichen oder in der Sonne liegen, muß man gestehen, daß kein Thier frecher, ich möchte sagen, pöbelhafter aussieht. Alle Gassen, alle Plätze sind mit ihnen bedeckt; sie stehen entweder an den Häusern gereiht und warten auf einen Bissen, welcher ihnen zufällig zugeworfen wird, oder sie liegen mitten in der Straße, und der Türke, welcher sich äußerst in Acht nimmt, einem lebenden Geschöpfe etwas zu Leide zu thun, geht ihnen aus dem Wege. Auch habe ich nie gesehen, daß ein Muselman eines dieser Thiere getreten oder geschlagen hätte. Vielmehr wirft der Handwerker ihnen aus seinem Laden die Ueberreste seiner Mahlzeit zu. Nur die türkischen Kaikschi und die Matrosen der Marine haben nicht diese Zartheit, weshalb mancher Hund im goldenen Horn sein Leben endet.

Jede Gasse hat ihre eigenen Hunde, welche sie nicht verlassen, wie in unseren großen Städten die Bettler ihre gewissen Standorte haben, und wehe dem Hunde, der es wagt, ein fremdes Gebiet zu besuchen. Oft habe ich gesehen, wie über einen solchen Unglücklichen alle anderen herfielen und ihn, wußte er sich nicht durch schleunige Flucht zu retten, förmlich zerrissen. Ich möchte sie mit den Straßenjungen in gesitteten Ländern vergleichen; wie diese, wissen sie ganz gut den Fremden vom Einheimischen zu unterscheiden. Wir brauchten nur in einer Ecke des Bazars etwas Eßbares zu kaufen, so folgten uns alle Hunde, an denen wir vorbeikamen, und verließen uns erst wieder, wenn wir in eine andere Gasse traten, wo uns eine neue ähnliche Begleitung zu Theil wurde.

So ruhig bei Tage diese Ablösung vor sich geht, so gefährlich werden die Hunde zuweilen dem einzelnen Franken, welcher sich bei der Nacht in den Gassen Stambuls verirrt, besonders wenn er keine Laterne trägt. Wir haben oftmals gehört, daß ein solcher, den die Bestien förmlich anfielen, nur durch Muselmänner gerettet wurde, welche sein Hülferuf herbeizog; und obgleich wir stets in ziemlicher Gesellschaft und abends nie ohne Laterne ausgingen, hatten wir es doch oft nur unseren guten Stöcken zu danken, mit denen wir kräftig dreinschlugen, daß wir nicht mit zerrissenen Kleidern heimkamen.

Sultan Mahmud ließ vor mehreren Jahren einige Tausend dieser Hunde auf einen bei den Prinzeninseln liegenden kahlen Fels bringen, wo sie einander auffraßen. Diese Verminderung hat aber nichts genützt; denn die Fruchtbarkeit dieser Geschöpfe ist großartig; fast bei jedem Schritte [574] findet man auf der Straße runde Löcher in den Koth gemacht, worin eine kleine Hundefamilie liegt, welche hungernd den Zeitpunkt erwartet, wo sie selbständig wird, um gleich ihren Vorfahren die Gassen Stambuls unangenehm und unsicher zu machen.«

Treu, ein in Konstantinopel ansässiger Kaufmann, theilt mir weiteres über diese Hunde mit. »In Straßen, welche von Europäern bewohnt werden, können unsere Hunde unbehelligt gehen; in abgelegeneren Stadttheilen dagegen fallen die Straßenhunde nicht allein über jene, sondern unter Umständen auch über deren Herren her, falls diese nicht ruhig gehen oder die Hunde reizen. Der eingebürgerte Fremde läßt die von Neulingen mehr als billig verachteten Geschöpfe in Frieden, weil er erkennen gelernt hat, daß sie in einer Stadt ohne jegliche Gesundheitspflege, in welcher man allerlei Abfall auf die Straßen, Thierleichen auf beliebige Plätze wirft, geradezu unentbehrlich sind. Auch erhält Jeder, welcher die Pariahunde ebenso menschlich behandelt, wie die Türken es zu thun pflegen, Beweise inniger Dankbarkeit und treuer Anhänglichkeit seitens dieser armen, verkommenen Geschöpfe, so daß er von manchem Vorurtheile zurückkommen muß. Sie ihrerseits bemühen sich förmlich, in ein gutes Verhältnis zu dem Menschen zu treten und sind beglückt, wenn man ihnen entgegen kommt. Scharfe Beobachtungsgabe wird ihnen Niemand absprechen können: sie unterscheiden sehr genau zwischen milden und hartherzigen Leuten, zwischen solchen, welche ihnen wohl- und denen, welche ihnen übelwollen. Die Magd eines meiner Bekannten, welche den Straßenhunden öfters einige Knochen und sonstige Küchenabfälle zuwarf, wurde bei eingetretener Kälte wiederholt durch Anschlagen des Thürklopfers gefoppt, bis sie endlich durch den gegenüberwohnenden Nachbar erfuhr, daß einer der von ihr so oft bedachten vierbeinigen Bettler den Klopfer in Bewegung setze, offenbar in der Absicht, sie an ihn zu erinnern. Sie hatte den Hund beim Oeffnen der Thüre wohl gesehen, sein freundliches Schwanzwedeln nur nicht beachtet. In das Waarenlager eines meiner Freunde kam während der Zeit, in welcher die Behörde einen Theil der Straßenhunde durch vergiftete Speisereste wegzuräumen pflegt, eine trächtige Hündin, welche zu wenig Gift genossen hatte, um zu sterben, aber, von entsetzlichen Schmerzen gepeinigt, sich krümmte und heulte. Mein Freund versprach seinen Bediensteten eine Belohnung, wenn sie der Hündin Milch und Oel einflößen würden. Es gelang dreien von ihnen, die Hündin so fest zu halten, daß man ihr die Flüssigkeiten eingeben konnte; sie erbrach sich und war am anderen Tage außer Gefahr. Nach einiger Zeit warf sie sechs Junge in einem Nebenraume der Niederlage, wies Jedem, welcher sich ihr näherte, ingrimmig die Zähne, nur jenen drei Dienern nicht, gehorchte Befehlen derselben, hütete und bewachte die Niederlage bei Tage und Nacht und verließ die Straße und das Haus nie wieder. In der Derwischstraße in Pera wohnte einige Wochen lang ein Geschäftsreisender, welcher beim Kommen und Gehen einem Straßenhunde Almosen zu spenden pflegte. Bei seiner Abreise folgte der Hund, ungeachtet aller Zurückweisungen, bis zum Einschiffungsplatze, sah wie sein menschlicher Freund die Barke und das Dampfschiff bestieg, schien zu erkennen, daß er ihn für immer verlieren werde, stürzte sich ins Meer und schwamm dem Schiffe zu. Der Kapitän sandte ihm eine Barke entgegen und ließ ihn an Bord bringen. Augenblicklich eilte er auf seinen Wohlthäter zu und gab seiner Freude stürmisch Ausdruck. Der Reisende würdigte diese Gesinnung und nahm das treue Thier mit sich.« Solche Beispiele genügen, um zu beweisen, daß auch der verkommenste Hund dem Menschen, von dessen Wohlwollen er sich überzeugt hat, zum anhänglichen, treuen Diener wird.

Am Asow’schen Meere lebt der Hund, nach Schlatters Bericht, unter ähnlichen Verhältnissen wie in Egypten und der Türkei. Er genießt bei den nogaischen Tataren geringere Werthschätzung als die Katze, welche das Recht hat, im Hause zu wohnen, an allem herumzunaschen, aus einer Schüssel mit den Kindern und Erwachsenen zu essen und wohl auch auf einer Matratze mit dem Menschen zu schlafen. Sie wird zu den reinen Thieren gezählt, und der Tatar läßt es ihr, als dem Liebling des großen Propheten Mahammed, an nichts fehlen. Der Hund hingegen darf sich nicht im Hause blicken lassen.

Der nogaische Hund ist von mittlerer Größe, gewöhnlich sehr mager, mit struppigen, langen Haaren von dunkler Farbe. In den Dörfern findet man von ihnen eine übergroße und lästige Anzahl, da kein junger Hund umgebracht wird. Sie erhalten zwar zu Zeiten, wenn ein Stück Vieh geschlachtet wird, oder wenn es Aas gibt, satt zu fressen, müssen dann aber oft wieder lange hungern. Sehr häufig sieht man sie Menschenkoth fressen; sie werden sogar herbeigerufen, um den Boden davon zu säubern. Treibt Hunger den Hund in das Haus hinein, so wird er mit Stockschlägen hinausgetrieben. Nicht nur den Fremden, sondern selbst den Tataren sind diese grimmigen Thiere eine harte Plage, indem alles unterschiedslos angegriffen wird. In fremder Tracht ist es kaum möglich, ohne Begleitung von Tataren durchzukommen, selbst zu Pferde hat man noch Mühe. Am besten ist es, recht langsam zu reiten; der Fußgänger muß jedenfalls langsam gehen und den langen Stock, der ihm unentbehrlich ist, nach hinten halten, weil die Hunde gewöhnlich hinten anpacken, dann aber nur in den Stock beißen; auch thut man wohl, wenn man ihnen etwas Speise zuwirft, womit sie sich beschäftigen, bis man ein Haus erreicht hat. Schlägt man mit dem Stocke drein, so kommen auf das jammernde Geheul des getroffenen Hundes alle Hunde des Dorfes zusammen, und die Sache wird ernster als zuvor. Dasselbe ist der Fall, wenn man schnellen Gang einschlägt, oder wenn man durch Laufen sich zu retten sucht. Es sind mir mehrere Beispiele bekannt, daß Personen niedergeworfen und sehr schwer verwundet wurden. Den Knall des Schießgewehres fürchten diese Hunde am meisten; sie sind daran nicht gewöhnt und werden wie betäubt davon. Hat man nichts derartiges bei sich und will nichts mehr helfen, so ist das beste, wenn man sich noch zur Zeit ruhig niedersetzt. Dies hilft gewöhnlich. Es macht die Hunde stutzen; sich verwundernd stellen sie sich in einen Kreis herum, ohne anzupacken und gehen am Ende auseinander. Zur Bewachung der Herden werden sie nicht benutzt; kommen welche auf die Steppe, so fallen sie die Viehherden, denen sie im Dorfe kein Leid thun, wüthend an, schleppen die Kälber an der Gurgel umher, erwürgen Schafe und fressen ihnen die Fettschwänze ab.

Von den Hunden des südlichen Rußlands erzählt Kohl. »Im Winter«, sagt er, »ziehen sich die Hunde scharenweise nach den Städten, stören im weggeworfenen Unrathe und zerren an verrecktem Vieh herum. In einigen Städten, wie Odessa, gehen Wächter umher, die ein beständiges Blutbad unter den herrenlosen Hunden anrichten. Allein es hilft wenig, da man die Hundequellen in den Dörfern und Städten nicht verstopfen kann. Die Hunde sind eine wahre Landplage, sie sind Allen zur Last und fressen selbst den Gärtnern Obst und Trauben weg.«

In etwas besseren Verhältnissen leben die Hunde Brasiliens, welche uns neuerdings Hensel in ansprechender Weise geschildert hat. »Sie gehören«, sagt er, »im allgemeinen keiner bestimmten Rasse an. Vielfach gekreuzt und ausgeartet, haben sie ihre Triebe und Sinne nach keiner bestimmten Richtung besonders entwickelt, sondern nähern sich mehr dem Urzustande des Hundes, in welchem der Kampf ums Dasein alle Sinne zur Geltung bringt. Und in der That führen diese Hunde einen solchen Kampf; denn der Brasilianer, welcher zu träge ist, für sich selbst die hinreichende Nahrung zu besorgen, hat sich den Grundsatz gebildet, man müsse die Hunde nie füttern, um nicht auf ihren Jagdeifer einen hemmenden Einfluß auszuüben. Schon von Jugend auf sind sie daher an Entbehrungen, aber auch zugleich an Stehlen und Rauben gewöhnt. Meilenweit durchstreifen sie das Feld, von dem Verwesungsgeruche gefallener Thiere gelockt, und machen Aasgeiern und Füchsen die Beute streitig. Daher ist auch die Anhänglichkeit an den Herrn gering und von Treue und Gehorsam wenig zu erkennen. Haben sie ihren Herrn verloren, so suchen sie sich gern einen anderen, und mit etwas Futter mag sie Jeder an sich fesseln. Doch gibt es auch Landstreicher, welche nur so lange einem bestimmten Herrn sich anschließen, als es ihnen behagt, sonst aber den Dienst leicht wechseln. Von eigentlichen verwilderten Hunden habe ich nie etwas gehört.

Gestalt und Farbe dieser Hunde ist sehr wechselnd, und ein bestimmter Rassencharakter läßt sich nicht entdecken. Wir würden sie mit dem Namen Dorfköter bezeichnen, wenn nicht ihre Größe im allgemeinen dafür zu bedeutend wäre. Offenbar sind sie die durch Hunger und Mangel an Pflege ausgearteten Nachkommen großer Hunde, welche man einst zum Schutze der Herden und Niederlassungen aus Europa eingeführt hatte. Und diese Aufgabe erfüllen sie auch noch heute. Man kann bei keiner Estancia vorüberreiten, ohne von einem Rudel junger, bissiger Wächter angefallen zu werden, deren manche selbst das Pferd nicht scheuen und sogar den Reiter auf demselben zu fassen suchen. Ihre Hauptaufgabe besteht jedoch darin, das Vieh zusammenzutreiben, was alle Wochen einmal geschieht. Die Leute des Landbesitzers reiten am Morgen mit einer Schar Hunde auf das Weideland hinaus. Ihr eigenthümlicher, lang gezogener Ruf schallt weit über das Grasfeld, und alles Vieh, welches denselben hört, stürzt, von Jugend an daran gewöhnt, nach dem Sammelplatze. Aber in den abgelegenen Theilen der Weide, in kleinen Waldstücken, welche über das ganze Land zerstreut sind, steckt noch manches Stück, welches aus Scheu oder Trägheit dem Rufe des schwarzen Hirten nicht folgte. Hier nun treten die Hunde in Thätigkeit, und indem sie alle Schlupfwinkel durchjagen, treibt ihr wüthendes Bellen selbst die verborgensten Thiere hervor.

Gelegentlich üben sie auch die Jagd aus, doch nur auf eigene Faust. Jede lebende warmblütige Kreatur, welche in ihren Bereich kommt, wird vernichtet. Ihre Nase ist selten sehr fein, auch halten sie nicht aus auf der Fährte. Neben ganz unbrauchbaren Hunden aber finden sich solche von hervorragenden Eigenschaften, welche dann einen besonderen Werth erhalten. In den Wäldern, wo der Mensch von selbst zur Jagd gedrängt wird und ihr oft den Lebensunterhalt verdankt, hat man nur Hunde mit seinem Geruche und leichtem Körperbau besonders ausgesucht und gezüchtet und dadurch oft vorzügliche Ergebnisse erreicht. Manche Hunde verbellen gern das Wild auf den Bäumen, andere jagen lieber die Bisamschweine und den Tapir. Der Hauptvorzug eines solchen Hundes ist der, daß er auf der Jagd nicht in der Nähe des Herrn bleibt, sondern selbständig den Wald durchsucht, und wenn er sein Wild gestellt hat, sei es über, auf oder unter der Erde, mit Bellen anhält, bis der Jäger kommt, und sollten Stunden darüber vergehen. Die Hunde handeln im Einverständnisse mit dem Jäger, und oft liegt die ganze Meute ermattet unter dem Baume, auf dem die Pardelkatze eine Zuflucht gefunden hat. Lang hängt die Zunge aus dem trockenen Halse, die Stimme ist heiser, und nur einzelne lassen sie noch hören, und sehnsüchtig blicken alle nach der Seite, von welcher sie ihren Herrn erwarten.

Da tönt ein ferner jauchzender Schrei kaum vernehmbar von den Bergen herüber. Er ist ihnen nicht entgangen, und von neuem stürzen sie mit wüthendem Bellen gegen den umlagerten Baum. Das Jauchzen wiederholt und nähert sich, und jedesmal antwortet einstimmig der ganze Chor, um dem Rufenden den Weg zu zeigen. Endlich hört man das Knacken der Zweige, und der Langersehnte erscheint athemlos, in Schweiß gebadet, mit zerrissenen Kleidern. Die Wuth der Hunde erreicht den höchsten Grad, und bald stürzen sie sich auf den verhaßten Feind, welcher, obgleich schwer verwundet, sein Leben noch theuer verkauft.

Für den Reisenden sind Hunde unentbehrlich. Wenn die Sonne zum Untergange sich neigt, wird an geeigneter Stelle, d.h. wo sich Holz und Wasser findet, das Nachtlager aufgeschlagen. Die Hunde liegen im Kreise umher, wo möglich bei einem Strauche oder dichten Grasbusche, um sich gegen die Kühle der Nacht oder gegen die Anfälle der Mücken zu schützen, und der Reisende, wenn er seine Reit- und Lastthiere versorgt, d.h. frei auf den Camp getrieben hat, kann sich sorglos dem Schlafe überlassen. Die treuen Wächter halten jede Gefahr fern, welche durch Menschen oder reißende Thiere drohen könnte. Nur gegen Klapperschlangen und Jararacas (die gefährlichsten Giftschlangen Südamerika’s) vermag ihre Wachsamkeit nichts, ebensowenig gegen die Diebe, welche des Nachts Pferde und Maulthiere des Reisenden wegtreiben. Wo es also bloß auf das Wachen ankommt, wählt man am besten die gewöhnlichen Camphunde, womöglich die Dickköpfe, welche der Jäger verachtet. Der reisende Thierkundige dagegen bedarf der Hunde als seine besten Lieferanten und zieht deshalb die Jagdhunde vor. Doch müssen sie während des Marsches in waldigen Gegenden stets zu zweien gekoppelt sein, da sie sonst durch jede frische Fährte zur Jagd verleitet werden, sodaß ihrem Herrn oft nichts übrig bleibt, als die Reise zu unterbrechen, um die Rückkunft der Hunde zu erwarten oder diese aufzugeben. Auf solche Weise geht mancher werthvolle Hund verloren; denn er kann der Fährte des berittenen Herrn später nicht folgen. Daher sind Rehhunde zur Reisebegleitung die schlechtesten. Bei ihrem ungezähmten Jagdeifer muß man sie auch gekoppelt stets im Auge behalten, was zu vielen Unbequemlichkeiten für den Reisenden führt.

Der innige Verkehr des Reisenden und Jägers mit seinen Hunden, die beständige Aufmerksamkeit, welche beide Theile aufeinander haben, schafft ein Verhältnis gegenseitiger Freundschaft, welches guten Hunden gegenüber nur die unerbittliche Nothwendigkeit trennen kann. Ein nicht geringer Theil meiner Sammlungen ist mit der Erinnerung an diesen oder jenen der Hunde innig verknüpft, und ich kann nicht die lange Reihe der Coatischädel oder die Gerippe der Ozelote durchmustern, ohne mich bei vielen derselben an die Scenen von unbezähmbarer Kampfeswuth der Sieger und verzweifelter Gegenwehr der Besiegten zu erinnern.

Wunderbar ist die Verschiedenheit in den geistigen Anlagen des Hundes, vielleicht um so größer, je weniger deutlich seine Rasse ist. Unter meinen Hunden waren die beiden größten und stärksten, obgleich an körperlichen Eigenschaften einander vollkommen gleich, doch an geistigen unendlich verschieden. Der eine feig gegen andere Hunde oder im Kampfe mit reißenden Thieren, aber im höchsten Grade schlau, vorsichtig und berechnend, immer nur auf seinen Vortheil bedacht, ein vollendeter Egoist, der andere tapfer, muthig bis zur Tollkühnheit, dabei treu und bieder, seinem Herrn mit Liebe zugethan, ein wahrer Held ohne Furcht und Tadel. Ich könnte unzählige Züge von der Schlauheit des einen und der Tapferkeit des anderen erzählen. Beide wären im Stande gewesen, ein selbständiges Leben zu führen und sich den Unterhalt auf eigene Faust zu erwerben: allein wie verschieden wären ihre Wege im Kampfe ums Dasein gewesen. Der eine hätte den Camp meilenweit abge spürt und sich von den Leichen des gefallenen Viehes in Vorsicht und Sicherheit genährt, der andere würde Kälber und Füllen niedergerissen und wahrscheinlich bald von den Hunden des Hirten seinen Tod gefunden haben.

Oft schon hatte es mein Staunen erregt, wie schnell sich eine für die Hunde wichtige Nachricht unter denselben verbreitet. Der verwesende Leichnam eines Viehes nur von einem einzigen und in abgelegener Gegend entdeckt, wird bald von vielen besucht werden. Bei dem Futterneide des Hundes ist an absichtliche Mittheilung der Nachricht nicht zu denken. Ich hatte längere Zeit in einem Wirtshause des Urwaldes gewohnt. Rings um das Gehöft auf der abgeholzten kleinen Hochebene befanden sich viele Hecken, in denen das zahlreiche Vieh der Ansiedler weidete. Eines Tages saß ich in der Gaststube des Hauses mit meinen Hunden und einer ziemlichen Anzahl Menschen. Da öffnete sich die Hinterthüre des Zimmers, und leise schob sich Vagabond, der schlechteste unter meinen Hunden, herein. Mit dem gleichgültigsten und dümmsten Gesichte von der Welt spähte er nach einem guten Platze, aber heimlich fuhr er noch einmal mit der Zungenspitze über die Oberlippe. In der ganzen Gesellschaft hatten nur zwei dies bemerkt: ich und der Schlaue. Langsam erhob sich dieser und schritt auf den Hereinkommenden zu, obgleich beide sonst nicht in Freundschaft lebten. Dieser merkte sogleich die Absicht. Wie ein ertappter Verbrecher setzte er sich und ließ Kopf und Ohren herabhängen. Der andere trat an ihn heran, beroch ihm das Maul von einem Winkel zum anderen, senkte sogleich die Nase zur Erde und verließ vorsichtig, aber eilig das Zimmer durch die Hinterthüre. Ich eilte ihm nach, von Neugierde, wie sich die Begebenheit weiter entwickeln werde, und sah nur noch, wie der Hund, die Nase auf der Erde, in den Hecken verschwand. Als ich ihm folgte und kaum dreihundert Schritte zurückgelegt hatte, hörte ich schon das Krachen der Knochen in den Hecken: der Schlaue labte sich an dem Aase eines Kalbes.

Eine ganz ähnliche Scene erlebte ich unter anderen Verhältnissen. Es war auf einer Reise durch die Hochlande von Rio grande do Sul. Nur drei Hunde, die beiden schon erwähnten, der Schlaue und der Biedere, nebst der Hühnerhündin waren meine Begleiter. Schon seit längerer [578] Zeit war Noth an Lebensmitteln gewesen; Menschen und Thiere waren erschöpft, namentlich die Hunde zeigten einen hohen Grad von Magerkeit. Wir hatten zur Nacht wie gewöhnlich in einem Wäldchen gelagert und waren am Morgen mit dem Einfangen und Bepacken der Maulthiere beschäftigt, als mehrere hundert Schritte von uns zwei Hunde über den Camp kamen und offenbar nach dem Wäldchen strebten, hinter dem, wie sich später herausstellte, ein Haus lag. Ich hetzte meine Hunde auf die fremden und alle drei eilten sogleich fort. Als sie auf die Fährte der fremden Hunde kamen, nahmen zwei von ihnen, der Biedere und die Hündin, sogleich die Fährte auf und folgten derselben, laut heulend. Der Schlaue jedoch machte Kehrt, folgte der Fährte im entgegengesetzter Richtung und verschwand bald hinter den Hügeln des Campes. Nach etwa einer Stunde waren wir fertig zur Weiterreise, saßen bereits schon im Sattel und sahen uns nach den Hunden um – der Schlaue fehlte noch. Vergebens wurde noch ein wenig gewartet: er kam nicht. Endlich mußte die Reise angetreten werden, auf die Gefahr hin, den Hund zu verlieren. Da erschien er, aber in welcher Verfassung. Sein Bauch hatte wenigstens den dreifachen Umfang angenommen und enthielt für mehrere Tage hin reichlich Futter. Offenbar hatten die beiden fremden Hunde an einem Aase das Frühstück genossen, und ihre Fährte war mit dem Geruche desselben behaftet worden; aber nur einer unter meinen drei Hunden war so schlau, von seiner erworbenen Kenntnis einen nützlichen Gebrauch zu machen.«

Die Beschreibung des Wesens und Lebens der Haushunde mag die unübertreffliche Kennzeichnung des Thieres eröffnen, welche der Altvater der Thierkunde, Linné, in seiner eigenthümlich kurzen und schlagenden Weise gegeben hat. Ich bin bemüht gewesen, dieselbe so treu als möglich im Deutschen wiederzugeben, obgleich dies keine leichte Sache ist. Manche Stellen lassen sich gar nicht übersetzen; das übrige lautet etwa also: »Frißt Fleisch, Aas, mehlige Pflanzenstoffe, kein Kraut, verdaut Knochen, erbricht sich nach Gras; lost auf einen Stein: Griechisch Weiß, äußerst beizend. Trinkt leckend; wässert seitlich, in guter Gesellschaft oft hundertmal, beriecht des nächsten After; Nase feucht, wittert vorzüglich; läuft der Quere, geht auf den Zehen; schwitzt sehr wenig, in der Hitze läßt er die Zunge hängen; vor dem Schlafengehen umkreist er die Lagerstätte; hört im Schlafe ziemlich scharf, träumt. Die Hündin ist grausam gegen eifersüchtige Freier; in der Laufzeit treibt sie es mit vielen; sie beißt dieselben; in der Begattung innig verbunden; trägt neun Wochen, wölft vier bis acht, die Männchen dem Vater, die Weibchen der Mutter ähnlich. Treu über alles; Hausgenosse des Menschen; wedelt beim Nahen des Herrn, läßt ihn nicht schlagen; geht jener, läuft er voraus, am Kreuzweg sieht er sich um; gelehrig, erforscht er Verlorenes, macht nachts die Runde, meldet Nahende, wacht bei Gütern, wehrt das Vieh von den Feldern ab, hält Renthiere zusammen, bewacht Rinder und Schafe vor wilden Thieren, hält Löwen im Schach, treibt das Wild auf, stellt Enten, schleicht im Sprunge an das Netz, bringt das vom Jäger Erlegte, ohne zu naschen, zieht in Frankreich den Bratspieß, in Sibirien den Wagen. Bettelt bei Tische; hat er gestohlen, kneift er ängstlich den Schwanz ein; frißt gierig. Zu Hause Herr unter den Seinigen; Feind der Bettler, greift ungereizt Unbekannte an. Mit Lecken heilt er Wunden, Gicht und Krebs. Heult zur Musik, beißt in einen vorgeworfenen Stein; bei nahem Gewitter unwohl und übelriechend. Hat seine Noth mit dem Bandwurm; Verbreitung der Tollwuth. Wird zuletzt blind und benagt sich selbst. Der amerikanische vergißt das Bellen. Die Mahammedaner verabscheuen ihn; Opfer der Zergliederer für Blutumlauf usw.«.

Wir haben diese Beschreibung bloß weiter auszuführen. Alle Haushunde kommen in der Lebensweise und in ihrem Betragen so ziemlich überein, solange nicht die Beeinflussung, welche sie von den Sitten und Gewohnheiten des Menschen nothwendig mit erdulden müssen, ihnen eine andere Lebensart vorschreibt.

Die Hunde sind ebensowohl Tag- als Nachtthiere und für beide Zeiten gleich günstig ausgerüstet, auch ebensowohl bei Tage wie bei Nacht munter und lebendig. Sie jagen, wenn sie es dürfen, bei hellem Tage wie bei Nacht und vereinigen sich dazu gern in größeren Gesellschaften. Geselligkeit ist überhaupt ein Grundzug ihres Wesens und hat auf ihre Sitten den entschiedensten Einfluß. Sie fressen alles, was der Mensch ißt, thierische Nahrung ebensowohl wie pflanzliche, und beide im rohen Zustande nicht minder gern als zubereitet. Vor allem aber lieben sie Fleisch, und zwar etwas fauliges mehr noch als das frische. Wenn sie es haben können, verzehren sie Aas mit wahrer Leidenschaft, und selbst die wohlerzogensten und bestgehaltenen Hunde verschlingen gierig die Auswurfsstoffe des menschlichen Leibes. Einzelne Arten ziehen Fleisch aller übrigen Nahrung vor, andere achten es weniger hoch. Von gekochten Speisen sind ihnen mehlige, besonders süße, die willkommensten, und auch wenn sie Früchte fressen, ziehen sie zuckerhaltige den säuerlichen vor. Knochen, gute Fleischbrühe, Brod, Gemüse und Milch sind die eigensten Nahrungsstoffe eines Hundes, Fett und zuviel Salz dagegen ihm schädlich. Auch mit Brod allein kann man ihn füttern und gesund erhalten, wenn man ihm nur immer seine Nahrung zu bestimmten Zeiten reicht. Keine Speise darf ihm heiß gegeben werden; sie muß immer lau sein und ihm nur aus Geschirren gereicht werden, welche man beständig rein hält. Wenn ein alter Hund sich täglich einmal recht satt fressen kann, hat er vollkommen genug Nahrung erhalten; besser jedoch ist es, wenn man ihn zweimal füttert: gibt man ihm abends so viel, daß er genügend gesättigt ist, so hütet er eifriger und sicherer den ihm anvertrauten Posten als ein hungeriger, welcher leicht bestochen werden kann. Wasser trinken die Hunde viel und oft und zwar es mit der Zunge schöpfend, indem sie dieselbe löffelförmig krümmen und die Spitze etwas nach vorn biegen; Wasser ist auch zur Erhaltung ihrer Gesundheit unbedingt nothwendig.

In gewissen Gegenden haben die Hunde natürlich ihre eigene Nahrung. So fressen sie, wie bemerkt, auf Kamtschatka und auch im größten Theile Norwegens bloß Fische, hingegen gewöhnen sie sich da, wo viel Trauben gezogen werden, leicht an solche Kost und thun dann großen Schaden. Bei Bordeaux haben, wie Lenz angibt, die Winzer das Recht, jeden Hund, welcher sich ohne Maulkorb in den Weinbergen sehen läßt, auf eine beliebige Art vom Leben zum Tode zu bringen. Man sieht daher dort viele Hundegalgen, an denen die Verbrecher aufgehängt werden. Auch in den ungarischen Weinbergen sollen die Haushunde erheblichen Schaden anrichten, weil dort die Trauben fast ganz bis auf die Erde herabhängen.

Wenn die Hunde überflüssige Nahrung besitzen, verscharren sie dieselbe, indem sie ein Loch in den Boden graben und dieses mit Erde zudecken. Bei Gelegenheit kehren sie zurück und graben sich den verborgenen Schatz wieder aus; aber es kommt auch vor, daß sie derartige Orte vergessen. Um Knochensplitter aus dem Magen zu entfernen, fressen sie Gras, namentlich solches von Quecken; als Abführmittel gebrauchen sie Stachelkräuter.

Der Hund kann vortrefflich laufen und schwimmen, ja auch bis zu einem gewissen Grade klettern, aber nicht leicht, ohne Schwindel zu bekommen, an steilen Abgründen hingehen. Sein Gang geschieht in einer eigenthümlichen schiefen Richtung. Bei eiligem Laufe ist er im Stande, große Sprünge zu machen, nicht aber auch fähig, jähe Wendungen, Kreuz- und Querbewegungen auszuführen. Das Schwimmen verstehen alle Hunde von Hause aus, einige Arten jedoch weit besser als andere. Einige lieben das Wasser außerordentlich; verwöhnte Hunde scheuen es in hohem Grade. Das Klettern habe ich von den Hunden hauptsächlich in Afrika beobachtet. Hier erklimmen sie mit großer Gewandtheit Mauern oder die wenig geneigten Hausdächer und laufen wie Katzen mit unfehlbarer Sicherheit auf den schmalsten Absätzen hin. In der Ruhe sitzt der Hund entweder auf den Hinterbeinen oder legt sich auf die Seite oder den Bauch, indem er die Hinterfüße auswärts, die Vorderfüße vorwärts und zwischen dieselben seinen Kopf legt; selten streckt er die Hinterbeine dabei auch nach rückwärts aus. Große, schwere Hunde legen sich im Sommer gern in den Schatten und zuweilen auf den Rücken. Bei Kühle ziehen sie die Füße an sich und stecken die Schnauze zwischen die Hinterbeine. Die Wärme lieben alle, ebenso eine weiche Unterlage; dagegen vertragen nur wenige eine Decke, welche sie birgt, und die Nase mindestens muß stets unter einer solchen hervorschauen. Ehe sich der Hund niederlegt, geht er einige Male im Kreise umher und [580] scharrt sein Lager auf, oder versucht dies wenigstens zu thun. Das Scharren macht ihm Vergnügen; er kratzt oft mit Vorder- oder Hinterbeinen gleichsam zu seiner Unterhaltung.

Alle Hunde schlafen gern und viel, aber in Absätzen, und ihr Schlaf ist sehr leise und unruhig, häufig auch von Träumen begleitet, welche sie durch Wedeln mit dem Schwanze, durch Zuckungen, Knurren und leises Bellen kundgeben. Reinlichkeit lieben sie über alles: der Ort, wo sie gehalten werden und namentlich, wo sie schlafen sollen, muß immer sauber sein. Ihren Unrath setzen sie gern auf kahlen Plätzen, besonders auf Steinen ab und decken ihn zuweilen mit Mist oder Erde zu, welche sie mit den Hinterfüßen nach rückwärts werfen. Selten gehen die männlichen Hunde an einem Haufen, Steine, Pfahle oder Strauche vorüber, ohne sich hierbei ihres Harns zu entledigen, und zwar thun sie dies, nach Linné’scher Angabe, wenn sie über neun Monate alt geworden sind. Dagegen schwitzen sie selbst beim stärksten und anhaltendsten Laufe wenig am Körper; ihr Schweiß sondert sich auf der Zunge ab, welche sie, wenn sie erhitzt sind, keuchend aus dem Munde strecken.

Die Sinne des Hundes sind scharf, aber bei den verschiedenen Arten nicht gleichmäßig ausgebildet. Geruch, Gehör und Gesicht scheinen obenanzustehen, und zwar zeichnen sich die einen durch feineres Gehör, die anderen durch besseren Geruch vor den übrigen aus. Auch der Geschmack ist ihnen nicht abzusprechen, obwohl derselbe in eigenthümlicher Weise sich äußert. Alle Reizungen, welche ihre Sinneswerkzeuge zu sehr anregen, sind ihnen verhaßt. Am wenigsten empfänglich zeigen sie sich gegen das Licht, sehr empfindlich aber gegen laute und gellende Töne oder scharfe Gerüche. Glockengeläute und Musik bewegt sie zum Heulen; kölnisches Wasser, Salmiakgeist, Aether und dergleichen ruft wahres Entsetzen bei ihnen hervor, wenn man solche Dinge ihnen unter die Nase hält. Der Geruch ist bei manchen in außerordentlicher Weise entwickelt und erreicht eine Höhe, welche wir geradezu nicht begreifen können. Wie wichtig der Geruchsinn für das Leben der Hunde ist, geht schlagend aus Untersuchungen hervor, welche Biffi und nach ihm Schiff anstellten. Sie zerschnitten säugenden Hunden den Riechnerven (Tractus olfactorius) und den Riechkolben (Bulbus olfactorius). Nachdem dies geschehen war, krochen die Hündchen scheinbar gesund im Lager umher; aber sie konnten die Zitzen der Mutter nicht mehr finden, und es blieb nichts anderes übrig, als sie mittels einer Spritze zu ernähren. Sie machten Saugversuche an einem erwärmten Schafspelze, und merkten die Nähe der Mutter gewöhnlich erst durch Berührung. Als sie zu laufen begannen, verirrten sie sich oft und fanden das Lager nicht wieder. Fleisch und Brod in der Milch ließen sie liegen, zogen später das Fleisch dem Brode nicht vor, nahmen das Futter nur durch das Gesicht wahr und ließen sich deshalb leicht und in der allersonderbarsten Weise täuschen. Feuchtigkeit und Wärme eines Gegenstandes leitete sie dabei oft gänzlich falsch. Sie ließen trockenes Fleisch liegen, leckten aber den eigenen Harn und den eigenen Koth auf. Schwefelige Säure und andere starke Gerüche beachteten sie gar nicht; Ammoniak und Aether bewirkten nach längerer Zeit, aber erst viel später als bei anderen Hunden, Niesen. Als sie größer wurden, zeigten sie nicht die geringste Anhänglichkeit an den Menschen.

Ueber das geistige Wesen der Hunde lassen sich Bücher schreiben; es dürfte also sehr schwer sein, dasselbe mit kurzen Worten zu schildern. Die mir am meisten zusagende Beschreibung der Hundeseele hat Scheitlin gegeben. »So groß die leibliche Verschiedenheit der Hunde ist«, sagt er, »die geistige ist noch viel größer; denn die einen Hundearten sind völlig ungelehrig, die anderen lernen alles mögliche augenblicklich. Die einen kann man nicht, die anderen schnell ganz zähmen, und was die einen hassen, das lieben andere. Der Pudel geht von selbst ins Wasser, der Spitz will immer zu Hause bleiben. Die Dogge läßt sich auf den Mann, der Pudel nicht hierzu abrichten. Nur der Jagdhund hat eine solche feine Spürnase; nur der Bärenhund beißt den Bären zwischen die Hinterbeine; nur der lange Dachshund, dem in der Mitte ein paar Beine zu mangeln scheinen, ist so niedrig gebaut und so krummbeinig, um in Dachslöcher hineinkriechen zu können, und thut dies mit derselben Wollust, mit welcher der Fleischerhund in Bogen läuft und hinter den Kälbern und Rindern herhetzt.

Der Hund von Neufundland ist es, welcher den Wolf nicht fürchtet, daher vortrefflich zur Herdenbewachung dient und meisterhaft gräbt, schwimmt, taucht und Menschen herausholt. Auch der Fleischerhund mißt sich mit dem Wolfe, ist ein guter Herdenwächter, jagt auf wilde Schweine und jedes andere große Thier, ist verständig und dem Herrn treu zugethan, geht aber nicht ins Wasser, wenn er nicht muß. Man benutzt und misbraucht ihn zur Hetze, wodurch er ganz nach psychologischer Ordnung immer schärfer und besonders gegen Kälber, welche, weil sie nicht ausschlagen, von ihm nicht gefürchtet werden, eine wahre Bestie wird. Sein Blutdurst ist äußerst widrig, und seine Wuth, zu beißen, Blut zu trinken, Thierüberreste herumzuzerren und zu fressen, gehört zu seinen schlechtesten Eigenschaften. Dem Windhunde wird beinahe aller Verstand, Erziehungsfähigkeit und Treue an seinem Herrn ab-, dafür kindische Neigung, von Unbekannten sich schmeicheln zu lassen, zugesprochen; doch kann man ihn zur Jagd auf Hasen usw. abrichten. Die Wachtelhunde deuten mit ihrem Namen auf das, wozu sie von Natur taugen. Denn der Hund und jedes andere Thier muß durch irgend etwas von sich aus kund thun, wozu es Lust hat, ehe man es abrichten will. Zum bloßen Vergnügen, sich im Arme sanft tragen zu lassen, mit der Dame auf dem Sopha zu schlafen, am warmen Busen zu liegen, Ungünstlinge anzuknurren, in der Stube zu bleiben, mit der Dame aus einem Glase zu trinken, von einem Teller zu speisen und sich küssen zu lassen, dazu wird das Bologneser- und Löwenhündchen gehalten. Am Jagdhunde wird ein scharfer Geruch und viel Verstand und die größte Gelehrigkeit nebst treuer Anhänglichkeit an seinen Herrn gelobt. Ebenso verständig und ein guter Wächter ist der Haus- oder der Hirtenhund. Der Spitz oder Pommer soll klüger, gelehriger, lebhafter und geschickter Art sein und gern beißen, als Haushund wachsam und in einzelnen Abarten tückisch und falsch sein. Dem Menschen ergeben, aber ohne seinen Herrn zu kennen, Schläge nicht fürchtend, unersättlich und doch mit Geschicklichkeit lange zu hungern fähig, gehört zur Kennzeichnung des Nordhundes. Der Doggen Art ist Treue bei wenig Verstand; sie sind gute Wächter, wilde, muthige Gegner auf wilde Schweine, Löwen, Tiger und Panther; sie achten auch ihr eigenes Leben fast für nichts, merken auf jeden Wink des Auges und der Hand, wie vielmehr auf das Wort ihres Herrn, lassen auf den Mann sich abrichten, nehmen es mit drei, vier Mann auf, berücksichtigen Schüsse, Stiche und zerrissene Glieder nicht und balgen sich mit ihresgleichen greulich herum. Sie sind sehr stark, reißen den stärksten Menschen zu Boden, erdrosseln ihn, bannen ihn, auf ihm herumspringend, auf eine Stelle, bis er erlöst wird, und halten rasende Wildschweine am Ohre unbeweglich fest. Leitsam sind sie im höchsten Grade. Sie haben ein wenig mehr Verstand, als man meint. Am tiefsten unter den Hunden steht unleugbar der Mops. Er ist durch geistige Versinkung entstanden und kann sich begreiflich durch sich selbst nicht heben. Er erfaßt den Menschen nicht und der Mensch ihn nicht.

Der Hundeleib ist für die Zeichnung und Ausstopfung schon zu geistig. Seine Seele ist unleugbar so vollkommen, wie die eines Säugethieres sein kann. Von keinem Thiere können wir so oft sagen, daß ihm vom Menschen nichts mehr als die Sprache mangelt, von keinem Säugethiere haben wir so viele Darstellungen aller Abänderungen, von keinem so eine außerordentliche Menge von Erzählungen, welche uns seinen Verstand, sein Gedächtnis, seine Erinnerungskraft, sein Schließungsvermögen, seine Einbildungskraft oder sogar sittliche Eigenschaften, als da sind: Treue, Anhänglichkeit, Dankbarkeit, Wachsamkeit, Liebe zum Herrn, Geduld im Umgange mit Menschenkindern, Wuth und Todeshaß gegen die Feinde seines Herrn usw., kundthun sollen, weswegen kein Thier so oft als er dem Menschen als Muster vorgestellt wird. Wie viel wird uns von seiner Fähigkeit, zu lernen, erzählt! Er tanzt, er trommelt, er geht auf dem Seile, er steht Wache, er erstürmt und vertheidigt Festungen, er schießt Pistolen los; er dreht den Bratspieß, zieht den Wagen; er kennt die Noten, die Zahlen, Karten, Buchstaben; er holt dem Menschen die Mütze vom Kopfe, bringt Pantoffeln und versucht Stiefel und Schuhe wie ein Knecht auszuziehen; er versteht die Augen- und Mienensprache und noch gar vieles andere.

Gerade seine Verderbtheit, gerade seine List, sein Neid, Zorn, Haß, Geiz, seine Falschheit, Zanksucht, Geschicklichkeit, sein Leichtsinn, seine Neigung zum Stehlen, seine Fähigkeit, aller Welt freundlich zu sein usw. bringen ihm den gewöhnlichen Menschen nahe. Würmer, Käfer und Fische lobt und tadelt man nicht, aber den Hund! Man denkt, es lohne sich der Mühe, ihn zu strafen und zu belohnen. Man gebraucht in Urtheilen über ihn gerade die Ausdrücke, welche man von dem Menschen braucht. Man macht ihn wegen seiner geistigen und sittlichen Vorzüge zum Reise-und Hausgenossen, zum Lebensgefährten und lieben Freunde; man lohnt ihm seine Liebe und Anhänglichkeit durch Anhänglichkeit und Liebe; man macht ihn zum Tischgenossen, man räumt ihm wohl gar eine Stelle im Bette ein; man kost ihn, pflegt ihn sorgfältig, gibt ihn an den Arzt, wenn er leidend ist, trauert mit ihm, um ihn und weint, wenn er gestorben; man setzt ihm ein Denkmal.

Nicht ein einziger Hund ist dem anderen weder körperlich noch geistig gleich. Jeder hat eigene Arten und Unarten. Oft sind sie die ärgsten Gegensätze, so daß die Hundebesitzer an ihren Hunden einen unersetzlichen Stoff zu gesellschaftlichen Gesprächen haben. Jeder hat einen noch gescheiteren! Doch erzählt etwa einer von seinem Hunde hundsdumme Streiche, dann ist jeder Hund ein großer Stoff zu einer Charakteristik, und wenn er ein merkwürdiges Schicksal erlebt, zu einer Lebensbeschreibung. Selbst in seinem Sterben kommen Eigenheiten vor.

Nur wer kein Auge hat, sieht die ihm ursprünglichen und entstandenen Eigenschaften nicht. Und welche Verschiedenheit einer und derselben Hundeart! Jeder Pudel z.B. hat Eigenheiten, Sonderbarkeiten, Unerklärbarkeiten; er ist schon viel ohne Anleitung. Er lehrt sich selbst, ahmt dem Menschen nach, drängt sich zum Lernen, liebt das Spiel, hat Launen, setzt sich etwas in den Kopf, will nichts lernen, thut dumm, empfindet lange Weile, will thätig sein, ist neugierig usw. Einige können nicht hassen, andere nicht lieben; einige können verzeihen, andere nie. Sie können einander in Gefahren und zu Verrichtungen beistehen, zu Hülfe eilen, Mitleid fühlen, lachen und weinen oder Thränen vergießen, zur Freude jauchzen, aus Liebe zum verlorenen Herrn trauern, verhungern, alle Wunden für ihn verachten, den Menschen ihresgleichen weit vorziehen, und alle Begierden vor den Augen ihres Herrn in dem Zügel halten oder schweigen. Der Pudel kann sich schämen, kennt Raum und Zeit vortrefflich, kennt die Stimme, den Ton der Glocke, den Schritt seines Herrn, die Art, wie er klingelt, kurz er ist ein halber, ein Zweidrittelmensch. Er benutzt ja seinen Körper so gescheit wie der Mensch den seinigen und wendet seinen Verstand für seine Zwecke vollkommen an; doch mangelt ihm das letzte Drittheil.

Wir müssen wesentlich verschiedene Geister, welche nicht in einander verwandelt werden können, unter den Hunden annehmen. Der Geist des Spitzes ist nicht der des Pudels; der Mops denkt und will anders als der Dachshund. Der Mops ist dumm, langsam, phlegmatisch, der Metzgerhund melancholisch, bittergallig, blutdurstig, der Spitz heftig, jähzornig, engherzig, bis in den Tod gehässig, der Pudel immer lustig, immer munter, alle Zeit durch der angenehmste Gesellschafter, aller Welt Freund, treu und untreu, dem Genusse ergeben, wie ein Kind nachahmend, zu Scherz und Possen stets aufgelegt, der Welt und Allen ohne Ausnahme angehörig, während der Spitz nur seinem Hause, der Metzgerhund nur dem Thiere, der Dachshund nur der Erdhöhle, der Windhund nur dem Laufe, die Dogge nur dem Herrn, der Hühnerhund nur dem Feldhuhn angehört. Bloß der Pudel befreundet sich mit allen Dingen, mit der Katze, dem Gegensatze, mit dem Pferde, dem Gefährten, mit dem Menschen, dem Herrn, mit dem Hause, es bewachend, mit dem Wasser, aus dessen Tiefe er gern Steine holt, mit dem Vogel des Himmels, zu welchem er hoch hinaufspringt, ihn zu fangen, mit der Kutsche und dem Wagen, indem er unter ihnen herläuft. Doggen vertreten Wächter, Soldaten, Mörder, bannen und erdrosseln Menschen. Die Windspiele und Jagdhunde vertreten die Jäger mit angeborenen Jägerbegabungen. Wie leicht sind sie an das Horn zu gewöhnen, wie achtsam sind sie auf den Schuß und jedes Jagdzeichen! Wie verstehen sie so genau alle Stimmen und Bewegungen des Wildes; wie geschickt ist der Hühnerhund, zu lernen, wie er das gefundene Thier anzeigen, festbannen, welches Bein er erheben oder vorstrecken muß, je nachdem er dieses oder jenes erblickt. Zwar lehrt ihm schon viel die Natur, und er muß gar nicht alles vom Menschen lernen, er lehrt sich manches selbst. Aber der Pudel lehrt sich selbst noch weit mehr, an ihm ist alles Seele, er macht nichts Dummes, oder nur, wenn er selbst es will. In allen Hundearten ist mehr Trieb, in ihm mehr Verstand. Wie rast der Jagdhund der Jagd zu, wie tobt er keuchend athemlos dem Wilde nach! Wie wüthet die Dogge auf den Feind los! Wie niederträchtig umrennt der Metzgerhund mit lechzender, herabhängender Zunge und falschem Auge im Halbkreise die vor ihm angstvoll trippelnden Kälber! Wie roh fällt er sie an, wenn sie auf die Seite sich verirren, wie gleichgültig ist er gegen ihren Schmerz, ja er scheint ihm noch zu gefallen! Wie stürzt der Hühnerhund auf die erlegten Vögel, hingerissen von der Wuth, sie zu erdrosseln! Nichts von allem diesem Unedlen, Unwürdigen, Schimpflichen am Pudel, wenn er nicht verzogen wurde, wenn man ihn, sei es auch nur naturgemäß, seinem eigenen Genius überlassen hat. Der Pudel ist von Natur gut, jeder schlechte ist durch Menschen schlecht gemacht worden.«

Was ließe sich über den Verstand des Hundes nicht alles noch sagen! Fürwahr, man darf es Zoroaster nicht verdenken, wenn er in diesem Thiere den Begriff alles thierisch Edlen und Vollkommenen vereinigt sieht. Müssen wir doch alle am Hunde unseren treuesten Freund, unseren liebsten Gesellschafter aus dem ganzen Thierreiche erblicken; sind wir doch im Stande, uns mit ihm förmlich zu unterhalten.

»Ich habe Hunde gekannt«, sagt Lenz, »welche fast jedes Wort ihres Herrn zu verstehen schienen, auf seinen Befehl die Thür öffneten und verschlossen, den Stuhl, den Tisch oder die Bank herbeibrachten, ihm den Hut abnahmen oder holten, ein verstecktes Schnupftuch und dergleichen aufsuchten und brachten, den Hut eines ihnen bezeichneten Fremden unter anderen Hüten durch den Geruch hervorsuchten usw. Ueberhaupt ist es eine Lust, einen klugen Hund zu beobachten, wie er die Ohren und Augen wendet, wenn er den Befehl seines Herrn erwartet, wie entzückt er ist, wenn er ihm folgen darf, und wie jämmerlich dagegen sein Gesicht, wenn er zu Hause bleiben muß; wie er ferner, wenn er voraus gelaufen und an einen Scheideweg gekommen, sich umsieht, um zu erfahren, ob er links oder rechts gehen müsse; wie glückselig er ist, wenn er einen recht klugen, wie beschämt, wenn er einen dummen Streich gemacht hat; wie er, wenn er ein Unheil angestellt hat und nicht gewiß weiß, ob sein Herr es merkt, sich hinlegt, gähnt, den Halbschlafenden und Gleichgültigen spielt, um jeden Verdacht von sich abzuwälzen, dabei aber doch von Zeit zu Zeit einen ängstlichen, ihn verrathenden Blick auf seinen Herrn wirft; wie er ferner jeden Hausfreund bald kennen lernt, unter den Fremden Vornehm und Gering leicht unterscheidet, vorzüglich einen Ingrimm gegen Bettler hegt usw. Hübsch sieht sichs auch mit an, wenn ein Hund seinem Herrn zu Gefallen Trüffeln sucht, für die er doch von Natur eigentlich gar keine Liebhaberei hat; wie ein anderer seinem Herrn den Schubkarrenziehen hilft und sich umsomehr anstrengt, jemehr er sieht, daß sein Herr es thut.«

Aus diesem allen geht hervor, daß die Hundearten unter einander in eben demselben Grade geistig verschieden sind, wie sie leiblich von einander abweichen. Unerschütterliche Treue und Anhänglichkeit an den Herrn, unbedingte Folgsamkeit und Ergebenheit, strenge Wachsamkeit, Sanftmuth, Milde im Umgang, dienstfertiges und freundliches Betragen: dies sind die hervorragendsten Züge ihres geistigen Wesens. Kein einziger Hund vereinigt sie alle in gleich hoher Ausbildung: der eine Zug tritt mehr zurück, der andere mehr hervor. Mehr, als man annimmt, thut dabei die Erziehung. Nur gute Menschen können Hunde gut erziehen, nur Männer sind fähig, sie zu etwas Vernünftigem und Verständigem abzurichten. Frauen sind keine Erzieher, und Schoßhunde deshalb auch stets verzogene, verzärtelte, launenhafte und nicht selten heimtückische Geschöpfe. Der Hund ist ein treues Spiegelbild seines Herrn: je freundlicher liebreicher, aufmerksamer man ihn behandelt, je besser, reinlicher man ihn hält, jemehr und je verständiger man sich mit ihm beschäftigt, um so verständiger und ausgezeichneter wird er, und genau das Gegentheil geschieht, wenn umgekehrt seine Behandlung eine schlechte war. Der Bauernhund ist ein roher, plumper, aber ehrlicher Gesell, der Schäferhund ein verständiger Hirt, der Jagdhund ein vortrefflicher Jäger, welcher die Kunst der Jagd selbst auf eigene Faust betreibt, der Hund eines vornehmen Nichtsthuers ein üppiger Faullenzer und eigentlich weit ungezogener als der rohe, ungebildete des Bauern. Jeder Hund nimmt den Ton des Hauses an, in welchem er lebt, ist verständig, wenn er bei vernünftigen Leuten wohnt, wird zum hochmüthigen Narren, wenn sein Herr durch Stolz die Hohlheit seines Kopfes ausfüllen muß, beträgt sich freundlich gegen Jedermann, wenn es in seinem Hause gesellig hergeht, oder ist ein grämlicher Einsiedler, wenn er bei einem alten Junggesellen, bei einer älteren Jungfrau wohnt, welche wenig Zuspruch hat. Unter allen Umständen fügt er sich in die verschiedenartigsten Verhältnisse, und immer gibt er sich dem Menschen mit ganzer Seele hin. Diese hohe Tugend wird leider gewöhnlich nicht erkannt, und deshalb gilt heute noch das Wort »hündisch« für entehrend, während es eigentlich gerade das Gegentheil bedeutet. Die Allseitigkeit der Befähigung erhebt den Hund auf die höchste Stufe, die Treue zum Menschen macht ihn zu dessen unentbehrlichstem Genossen. Er gehört ganz und gar seinem Herrn an und opfert ihm zu Liebe sich selbst auf. In seinem Gehorsam, mit welchem er alle Befehle seines Gebieters ausführt, in der Bereitwilligkeit, mit welcher er sich den schwersten Arbeiten unterzieht, sich in Lebensgefahr begibt, kurz, in dem beständigen Bestreben, dem Herrn unter allen Umständen zu nützen und zu dienen: darin liegt sein Ruhm, seine Größe. Wenn man ihn Speichellecker und Schwanzwedler schimpft, vergesse man nicht, daß der Hund sich dieser Kriecherei und Erniedrigung nur seinem Herrn und Wohlthäter gegenüber schuldig macht; gegen diesen wedelnd und kriechend, weist er sofort dem eintretenden Fremden die Zähne und ist sich jeden Augenblick seiner Stellung bewußt.

Manche eigenthümliche Sitten sind fast allen Arten gemein. So heulen und bellen sie den Mond an, ohne daß man dafür eigentlich einen Grund auffinden könnte. Sie rennen allem, was schnell an ihnen vorübereilt, nach, seien es Menschen, Thiere, rollende Wagen, Kugeln, Steine oder dergleichen, suchen es zu ergreifen und festzuhalten, selbst wenn sie recht wohl wissen, daß es ein durchaus unnützbarer Gegenstand für sie ist. Sie sind gegen gewisse Thiere im höchsten Grade feindlich gesinnt, ohne daß dazu ein sicherer Grund vorhanden wäre. So hassen alle Hunde die Katzen und den Igel; sie machen bei letzterem sich förmlich ein Vergnügen daraus, sich selbst zu quälen, indem sie wüthend in das Stachelkleid beißen, obgleich sie wissen, daß dies erfolglos ist und ihnen höchstens blutige Nasen und Schnauzen einbringt.

Beachtenswerth erscheint das sehr starke Vorgefühl des Hundes bei Veränderung der Witterung. Er sucht deren Einflüssen im voraus zu begegnen, zeigt sogar dem Menschen schon durch einen widerlichen Geruch, den er ausdünstet, kommenden Regen an.

In seinem Umgange mit Menschen beweist der Hund ein Erkennungsvermögen, welches uns oft Wunder nehmen muß. Daß alle Hunde den Abdecker kennen lernen und mit äußerstem Hasse verfolgen, ist sicher; ebenso gewiß aber auch, daß sie augenblicklich wissen, ob ein Mensch ein Freund von ihnen ist oder nicht. Wohl nicht zu bezweifeln dürfte sein, daß die Ausdünstung gewisser Personen ihnen besonders angenehm oder unangenehm ist; allein dies würde immer noch nichts für diesen Fall beweisen. Manche Menschen werden, sobald sie in ein Haus treten, augenblicklich mit größter Freundlichkeit von allen Hunden begrüßt, selbst wenn ihnen diese noch nicht vorgestellt worden und ganz fremd sind. Ich kenne Frauen, welche sich nirgends niederlassen können, ohne nach wenigen Minuten von sämmtlichen Haushunden umlagert zu werden. Bei dem Umgange des Hundes mit dem Menschen kann man sehr gut den wechselnden Ausdruck des Hundegesichts beobachten. Die hohe geistige Fähigkeit des Thieres spricht sich in seinem Gesichte ganz unverkennbar aus, und es wird wohl Niemand leugnen wollen, daß jeder Hund seinen durchaus besonderen Ausdruck hat, daß man zwei Hundegesichter ebensowenig wird verwechseln können wie zwei Menschengesichter.

Unter sich leben die Hunde gewöhnlich nicht besonders verträglich. Wenn zwei zusammenkommen, welche sich nicht kennen, gehts erst an ein gegenseitiges Beriechen, dann fletschen beide die Zähne, und die Beißerei beginnt, falls nicht zarte Rücksichten obwalten. Um so auffallender sind Freundschaften von der größten Innigkeit, welche einzelne, gleichgeschlechtige Hunde zuweilen eingehen. Solche Freunde zanken sich nie, suchen sich gegenseitig, leisten sich Hülfe in der Noth usw. Auch mit anderen Thieren werden manchmal ähnliche Bündnisse geschlossen; selbst das beliebte Sprichwort von der Zuneigung zwischen Hund und Katze kann zu Schanden werden.

Der Geschlechtstrieb ist bei den Hunden sehr ausgeprägt und zeigt sich bei allen Arten als Aeußerung einer heftigen Leidenschaft, als ein Rausch, welcher sie mehr oder weniger närrisch macht. Wird jener nicht befriedigt, so kann der Hund unter Umständen krank, sogar toll werden. Dabei ist der männliche Hund nicht ärger betheiligt als der weibliche, obgleich bei diesem die Sache in einem anderen Lichte sich zeigt. Die Hündin ist zweimal im Jahre läufisch, zumeist im Februar und im August, und zwar währt dieser Zustand jedesmal neun bis vierzehn Tage. Um diese Zeit versammelt sie alle männlichen Hunde der Nachbarschaft um sich, selbst solche, welche eine Viertelmeile weit von ihr entfernt wohnen. Wie diese von einer begattungslustigen Hündin Kunde bekommen, ist geradezu unbegreiflich. Man kann nicht wohl annehmen, daß sie durch den Geruch so weit geleitet würden, und gleichwohl läßt sich eine andere Erklärung ebensowenig geben. Das Betragen beider Geschlechter unter sich ist ebenso anziehend wie abstoßend, erregt ebenso unsere Heiterkeit wie unseren Widerwillen. Der männliche Hund folgt der Hündin auf Schritt und Tritt und wirbt mit allen möglichen Kunstgriffen um deren Zuneigung. Jede seiner Bewegungen ist gehobener, stolzer und eigenthümlicher; er sucht sich mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln liebenswürdig zu machen. Dahin gehören das Beschnuppern, das freundliche Anschauen, das sonderbare Aufwerfen des Kopfes, die wirklich zärtlichen Blicke, das bittende Gekläff und dergleichen. Gegen andere Hunde zeigt er sich misgelaunt und eifersüchtig. Finden sich zwei gleich starke auf gleichem Wege, so gibt es eine tüchtige Beißerei; sind mehrere vereinigt, so geschieht dies nicht, aber nur aus dem Grunde, weil alle übrigen männlichen Hunde sofort auf ein paar Zweikämpfer losstürzen, tüchtig auf sie hineinbeißen und sie dadurch auseinandertreiben. Gegen die Hündin benehmen sich alle gleich liebenswürdig, gegen ihre Mitbewerber gleich abscheulich, und deshalb hört auch das Knurren und Kläffen, Zanken und Beißen nicht auf. Die Hündin selbst zeigt sich äußerst spröde und beißt beständig nach den sich ihr nahenden Bewerbern, knurrt, zeigt die Zähne und ist sehr unartig, ohne jedoch dadurch die hingebenden Liebhaber zu erzürnen oder zu beleidigen. Endlich scheint sie doch mit ihnen Frieden zu schließen und gibt sich den Forderungen ihres natürlichen Triebes hin. Wie alle Säugethiere lebt sie in Vielmännigkeit und gestattet mehr als einem Hunde die Beiwohnung: es ist also unrichtig, wenn Scheitlin behauptet, daß nur unter den Menschen, diesen »Unnaturen«, hier und da ein Weib viel Männer habe. Sobald die Laufzeit vorüber ist, sind alle Hunde, wenn auch nicht gleichgültig, so doch weit weniger für den Gegenstand ihrer so heißen Liebe eingenommen. Doch bewahren Hund und Hündin die Erinnerung an ihre erste Liebe oft mit überraschender Treue, wie schon daraus hervorgeht, daß Hündinnen noch im reiferen Alter Junge werfen, welche ihrem ersten Liebhaber täuschend ähnlich sind. Englische Hundezüchter wissen dies wohl zu verwerthen und nehmen sich sorgfältig in Acht, eine junge Hündin mit einem ihr an Schönheit und Tugend nicht ebenbürtigen Hunde zusammenzubringen.

Dreiundsechszig Tage nach der Paarung wölft die Hündin an einem dunklen Orte drei bis zehn, gewöhnlich vier bis sechs, in äußerst seltenen Fällen aber zwanzig und mehr Junge, welche schon mit den Vorderzähnen zur Welt kommen, jedoch zehn bis zwölf Tage blind bleiben. Die Mutter liebt ihre Kinder über alles, säugt, bewahrt, beleckt, erwärmt, vertheidigt sie und trägt sie nicht selten von einem Orte zum anderen, indem sie dieselben sanft mit ihren Zähnen an der schlaffen Haut des Halses faßt. Ihre Liebe zu den Sprößlingen ist wahrhaft rührend: man kennt Geschichten, [586] welche nicht nur unsere vollste Hochachtung, sondern unsere Bewunderung erregen müssen. So erzählt Bechstein eine Thatsache, welche fast unglaublich scheint. »Ein Schäfer in Waltershausen kaufte regelmäßig ihm Frühjahre auf dem Eichsfelde Schafe ein, und seine Hündin mußte ihn natürlich auf dem achtzehn Meilen weiten Geschäftswege begleiten. Einst kam dieselbe in der Fremde mit sieben Jungen nieder, und der Schäfer war genöthigt, sie deshalb zurückzulassen. Aber siehe, anderthalb Tage nach seiner Rückkehr zu Hause findet er die Hündin mit ihren sieben Jungen vor seiner Hausthüre. Sie hatte streckenweise ein Hündchen nach dem anderen die weite Reise fortgeschleppt und so den langen Weg vierzehnmal zurückgelegt und, trotz ihrer Entkräftung und Erschöpfung, das überaus schwere Werk glücklich beendet.«

Man sagt, daß die Hundemutter unter ihrem Gewölfe immer einige bevorzugte Lieblinge habe, und daß man genau zu erkennen vermöge, welcher Hund eines Gewölfes der vorzüglichste sein werde, wenn man der Hündin ihre sämmtlichen Jungen wegtrage und dann beobachte, welches von ihren Kindern sie zuerst aufnehme und nach ihrem alten Lager zurückbringe. Dieser Erstling soll, wie man versichert, immer der vorzüglichste Hund sein. Wahrscheinlich ist diese Annahme nicht begründet; denn die Hündin liebt alle ihre Kinder mit gleicher Zärtlichkeit.

Gewöhnlich läßt man einer Hündin nur zwei bis drei, höchstens vier Junge von ihrem Gewölfe, um sie nicht zu sehr zu schwächen. Die kleinen Gesellen brauchen viele Nahrung, und die Alte ist kaum im Stande, ihnen das Erforderliche zu liefern. Daß der Mensch als Schutzherr des Thieres, eine säugende Hündin besonders gut und kräftig füttern muß, braucht wohl nicht erwähnt zu werden. Jeder Hundebesitzer macht der Hundemutter schon im voraus in einer stillen Ecke, an einem lauen Orte, ein weiches Lager zurecht und ist ihr dann in jeder Weise behülflich, ihre Kinder aufzuziehen. So lange die Hündin säugt, scheint ihr Herz einer umfassenden Liebe fähig zu sein, deshalb duldet sie es auch, wenn man ihr fremde Hunde, ja sogar andere Thiere, wie Katzen und Kaninchen, anlegt. Ich habe letzteres oft bei Hunden versucht, jedoch bemerkt, daß säugende Katzen noch viel freundlicher gegen Pflegekinder waren als die Hundemütter, welche bei aller Herzensgüte ein Zusammenrunzeln der Nasenhaut selten unterdrücken konnten.

Gewöhnlich läßt man die jungen Hunde sechs Wochen lang an der Alten saugen. Ist sie noch kräftig und wohlbeleibt, so kann man auch noch ein paar Wochen zugeben; es kann dies den Jungen nur nützen. Wenn man diese entwöhnen will, füttert man die Alte einige Zeitlang sehr mager, damit ihr die Milch ausgeht; dann duldet sie selbst nicht, daß ihre Jungen noch länger an ihr saugen. Nunmehr gewöhnt man letztere an leichtes Futter und hält sie vor allen Dingen zur Reinlichkeit an. Schon im dritten oder vierten Monate wechseln sie ihre ersten Zähne; im sechsten Monate bekümmern sie sich nicht viel mehr um die Alte; nach zehn, bisweilen schon nach neun Monaten sind sie selbst zur Fortpflanzung geeignet. Will man sie erziehen oder, wie man gewöhnlich sagt, abrichten, so darf man nicht allzulange zögern. Die Ansicht älterer Jäger und Hundezüchter überhaupt, daß ein junger Hund von zurückgelegtem ersten Lebensjahre zum Lernen zu klein und schwach sei, ist falsch. Adolf und Karl Müller, zwei ebenso tüchtige Forscher als Jäger, beginnen den Unterricht ihrer Jagdhunde, sobald diese ordentlich laufen können, und erzielen glänzende Erfolge. Ihre Zöglinge erhalten keinen bösgemeinten Schlag, kaum ein hartes, höchstens ein ernstes Wort und werden die allervortrefflichsten Jagdgenossen und Jagdgehülfen. Junge Hunde sollen behandelt werden wie Kinder, nicht wie verstockte Sklaven. Sie sind ausnahmslos willige und gelehrige Schüler, achten sehr bald verständig auf jedes Wort ihres Erziehers und leisten aus Liebe mehr und tüchtigeres als aus Furcht. Abrichter junger Hunde, welche ohne Stachelhalsband und Hetzpeitsche nichts ausrichten können, sind ungeschickte Peiniger, nicht aber denkende Erzieher. Was man alles aus Hunden machen kann, gehört nicht hierher oder würde uns wenigstens zu weit von unserer Aufgabe ablenken. Wer sich vom Hause aus nicht mit der Abrichtung von Thieren befaßt hat, thut entschieden am besten, wenn er dies von einem darauf eingeübten verständigen Manne besorgen läßt.

Der Hund tritt schon im zwölften Jahre in das Greisenalter ein. Dieses zeigt sich an seinem Leibe ebensowohl als an seinem Betragen. Namentlich auf der Stirn und der Schnauze ergrauen die Haare, das übrige Fell verliert seine Glätte und Schönheit, das Gebiß wird stumpf, oder die Zähne fallen aus; das Thier zeigt sich träge, faul und gleichgültig gegen alles, was es früher erfreute oder entrüstete; manche Hunde verlieren die Stimme fast gänzlich und werden blind. Man kennt übrigens Beispiele, daß Hunde ein Alter von zwanzig, ja sogar von sechsundzwanzig und dreißig Jahren erreicht haben. Doch sind dies seltene Ausnahmen. Wenn nicht Altersschwäche, endet eine der vielen Krankheiten, denen auch sie ausgesetzt sind, ihr Leben.

Eine sehr häufig vorkommende Hundekrankheit ist die Räude, gewöhnlich eine Folge von fetter und zu stark gesalzener Nahrung, schlechtem Wasser, wenig Bewegung und Unreinlichkeit. Junge Hunde leiden oft an der Staupe oder Hundeseuche, einer Erkältung, welche Entzündung der Schleimhäute herbeiführt und am häufigsten zwischen dem vierten oder neunten Monate vorkommt. Wohl mehr als die Hälfte der europäischen Hunde erliegen dieser Krankheit oder verderben doch durch sie. Die entsetzlichste Krankheit aber ist die Tollheit oder Wuth, durch welche bekanntlich nicht bloß die übrigen Hunde und Hausthiere, sondern auch Menschen aufs höchste gefährdet werden.

Gewöhnlich tritt diese fürchterliche Seuche erst bei älteren Hunden ein, zumeist im Sommer bei sehr großer Hitze oder im Winter bei allzu großer Kälte. Wassermangel und Unterdrückung des Geschlechtstriebes scheinen die Hauptursachen ihrer Entstehung zu sein. Man erkennt die Wuth daran, daß der Hund zunächst sein früheres Betragen ändert, tückisch-freundlich wird und gegen seinen Herrn knurrt, dabei eine ungewöhnliche Schläfrigkeit und Traurigkeit zeigt, beständig warme Orte aufsucht, öfters nach dem Futter schleicht, ohne zu fressen, begierig Wasser, aber immer nur in geringer Menge zu sich nimmt und sich überhaupt unruhig und beängstigt geberdet. Untrügliche Kennzeichen sind auch, daß er seine Stimme ändert, indem der Anschlag in ein rauhes, heiseres Heulen übergeht, daß er seine Freßlust verliert, nur mit Beschwerlichkeit schlucken kann, geifert, einen trüben Blick bekommt, gern viel fortgeht, ungenießbare Körper beleckt und verschlingt, bei zunehmender Krankheit um sich schnappt und ohne Ursache beißt. Im Verlaufe der Krankheit tritt gewöhnlich Verstopfung ein, die Ohren werden schlaff, das kranke Thier läßt den Schwanz hängen, sein Auge wird matt, der Blick schielend. Später röthet sich das Auge und wird entzündet. Der Hund ist unempfänglich für Liebkosungen, achtet nicht mehr des Herrn Befehl, wird immer unruhiger und scheuer, sein Blick starr oder feurig, der Kopf senkt sich tief herab, Augen- und Backengegend schwellen an, die Zunge wird stark geröthet und hängt aus dem Maule, an dessen Seiten zäher Schleim herabläuft. Bald knurrt er bloß noch, ohne zu bellen, kennt auch Personen und zuletzt seinen eigenen Herrn nicht mehr. So sehr er nach Getränk lechzt, so wenig vermag er es hinabzuschlingen; selbst wenn es ihm gewaltsam beigebracht wird, verursacht es ihm Würgen und krampfhaftes Zusammenziehen der Schlundmuskeln. Nunmehr tritt Scheu gegen das Wasser und jede andere Flüssigkeit ein. Er legt sich nicht mehr nieder, sondern schleicht schielend mit gesenktem Schwanze unruhig umher.

Jetzt erst entwickelt sich die Krankheit, entweder zur stillen oder zur rasenden Wuth. Bei der stillen Wuth sind die Augen entzündet, aber trübe und starr, die Zunge wird bläulich und hängt oft weit aus dem Maule heraus. Weißer Schaum überzieht die Mundwinkel; das Maul ist immer offen, der Unterkiefer gelähmt und hängt schlaff herab. Mit eingezogenem Schwanze und gesenktem Kopfe läuft der Hund taumelnd und unstet oft Meilen weit fort und beißt, was ihm in den Weg kommt, besonders aber andere Hunde. Stößt er dabei auf ein Hindernis, welches ihm nicht gestattet, den angenommenen Weg zu verfolgen, so taumelt er im Kreise herum, fällt öfters nieder und schnappt nach Luft.

Bei der rasenden Wuth funkelt das Auge, der Stern erweitert sich, das Maul steht offen, ist nur wenig von Geifer benetzt und die bläuliche Zunge hängt aus dem Maule herab. Schon bei [588] der Entwickelung dieser Krankheitsform zeigt der Hund einen hohen Grad von Trotz und Falschheit, selbst gegen seinen Herrn, schnappt unwillkürlich nach Fliegen oder nach allem, was ihm in die Nähe kommt, fällt das Hausgeflügel an und zerreißt es, ohne es zu fressen, lockt andere Hunde zu sich heran und stürzt sich dann wüthend auf sie, fletscht die Zähne, verzerrt das Gesicht, winselt, leckt mit der entzündeten Zunge seine Lippen und schnalzt auch mit derselben, wobei ihm oft schon wässeriger Geifer aus dem Munde tritt. Vom Wasser wendet er sich taumelnd ab, schwimmt aber doch noch zuweilen durch Bäche und Pfützen. Er beißt alles, was ihm entgegen kommt, oft auch leblose Gegenstände, der angehängte Hund sogar seine Kette. Wie es scheint, peinigen ihn die fürchterlichsten Schmerzen; denn er stirbt unter Zuckungen, gewöhnlich am sechsten oder achten, bisweilen am vierten, selten erst am neunten Tage.

Schon die Griechen kannten die Tollwuth des Hundes, obwohl sie in Südeuropa weit seltener auftritt als bei uns. In den Ländern des kalten oder des heißen Erdgürtels kommt die Seuche minder häufig oder gar nicht zum Ausbruche, wahrscheinlich, weil weder hier noch da der Hund sich selbst überlassen wird. Bisher hat man noch kein sicheres Mittel gegen die Wuthkrankheit aufgefunden, und dies ist um so trauriger, weil leider noch immer viele Menschen infolge der Ansteckung ihr Leben verlieren. Nach amtlichen Nachrichten sind in den Jahren 1810 bis 1819 im preußischen Staate über sechszehnhundert Menschen infolge des Bisses von tollen Hunden gestorben. Geht der Wuthgeifer einmal in das Blut eines anderen Thieres über, so ist es in den allermeisten Fällen verloren, falls nicht augenblicklich ein geübter und erfahrener Arzt bei der Hand ist, welcher die Wunde mit Salzwasser auswäscht, mit glühendem Eisen, Höllenstein oder anderen Aetzmitteln ausbrennt, ausschneidet usw. Ausbrennung des Giftes durch die eine oder die andere Art ist wohl das sicherste Mittel, denn die sämmtlichen übrigen, welche man bisher angewendet hat, haben sich noch nicht bewährt. Neuerdings ist wiederholt die Behauptung aufgestellt worden, daß die Wuthkrankheit beim Menschen nicht vorkomme, und daß in den Fällen, in denen man sie beobachtet zu haben glaubte, eine Verwechselung mit anderen Krankheiten vorgelegen habe. Dies beruht darauf, daß einzelne Erscheinungen der Tollwuth auch bei anderen Krankheiten sich zeigen, während die Gesammtheit der Erscheinungen die Krankheit zu einer durchaus eigenartigen stempelt. Das Auftreten der Hundswuth beim Menschen ist am sichersten dadurch be wiesen worden, daß es Hertwig und Anderen gelang, die Krankheit von gebissenen Menschen, bei denen die Wuth zum Ausbruche gekommen war, durch Impfung auf Hunde und andere Thiere zu übertragen. Ebenso steht es fest, daß nicht nur Hunde, sondern auch Wölfe, Füchse, Katzen, Pferde, Rinder, Ziegen und Schafe unter dieser entsetzlichen Krankheit zu leiden haben. So ist es beispielsweise vorgekommen, daß ein Stallknecht, welcher einem von einem tollen Hunde gebissenen Pferde Arznei eingab, sich die Hand an einem scharfen Zahne des kranken Thieres verletzte und darauf selber an der Tollwuth erkrankte.

Glücklicherweise verfällt nicht Jeder, welcher von einem tollen Hunde gebissen wurde, dieser fürchterlichen und qualvollen Krankheit, umsomehr als der das Gift übertragende Speichel bei den meisten Bissen durch die Kleider aufgefangen und theilweise abgestreift wird und so nicht in die Wunde gelangt.

In der Neuzeit will man beobachtet haben, daß unter Hunden, welche beständig Maulkörbe tragen müssen, die Wuth seltener ist, als unter jenen, welchen in gerechter Würdigung des biblischen Gesetzes »das Maul nicht verbunden« wurde. In Berlin soll sich seit Einführung der Maulkörbe im Jahre 1854 die Wuth auffallend vermindert haben. Während man 1845 dreißig und in den folgenden Jahren 17, 3, 17, 30, 19, 10, 68 und 83 tolle Hunde der Thierarzneischule zuführte, erhielt man 1854 nur von vier, 1855 von einem, 1856 von zwei, und in den Jahren 1857 bis 1861 von gar keinem tollwüthigen Hunde Kenntnis. Einstweilen ist noch nicht viel auf diese Zusammenstellung zu geben: die Beobachtungszeit ist zu kurz, als daß sie Berechtigung zu richtigen Schlüssen gewähren könnte.

Das untrüglichste Kennzeichen von der Gesundheit eines Hundes ist seine kalte und feuchte Nase. Wird diese trocken und heiß, und trüben sich die Augen, zeigt sich Mangel an Freßlust usw., so kann man überzeugt sein, daß der Hund sich unwohl befindet. Bessert sich der Zustand des Leidenden nicht rasch, und fruchten die von einem tüchtigen Thierarzte verordneten Mittel nicht bald, so ist wenig Hoffnung für Erhaltung des Thieres vorhanden; denn ernste Krankheiten überstehen nur wenige Hunde. Verwundungen heilen schnell und gut, nicht selten ohne jegliche Beihülfe; innerlichen Krankheiten stehen selbst erfahrene Aerzte, geschweige denn Quacksalber, meist rathlos gegenüber, weil jene in auffallend kurzer Zeit das Ende herbeiführen.

Alle Hunde werden von Schmarotzern geplagt. Sie leiden oft entsetzlich an Flöhen und Läusen, und an gewissen Orten auch an Holzböcken oder Zecken. Erstere vertreibt man bald, wenn man unter das Strohlager des Hundes eine Schicht Asche auf den Boden streut, oder das Fell des Thieres mit persischem Insektenpulver einreibt. Die Zecken, welche die Hunde am meisten peinigen, vertreibt man, indem man etwas Branntwein, Salzwasser oder Tabakssaft auf sie träufelt. Sie gewaltsam auszureißen, ist nicht rathsam, weil sonst leicht der Kopf in der Saugwunde stecken bleibt und dort Eiterung und Geschwüre verursacht. Schwieriger ist den Bandwürmern beizukommen. Namentlich Jagdhunde leiden an diesen abscheulichen Schmarotzern, weil sie häufig das Fleisch und die Eingeweide von Hasen und Kaninchen verzehren, in denen der Bandwurm als Finne lebt. Dieser läßt sich, wie alle Würmer, nur schwer vertreiben, doch dürfte in den meisten Fällen ein Absud der abessinischen Kussoblüte dazu wohl hinreichend sein. Außerdem wird empfohlen, dem Hunde Hagebutten sammt den darin befindlichen Körnern und Härchen in das Fressen zu geben.

Der Nutzen, welchen der Hund als Hausthier leistet, läßt sich kaum berechnen. Was er den gesitteten und gebildeten Völkern ist, weiß jeder Leser aus eigener Erfahrung; fast noch mehr aber leistet er den ungebildeten oder wilden Völkerstämmen. Auf den Südseeinseln wird sein Fleisch gegessen, ebenso bei den Tungusen, Chinesen, Njamnjams, Grönländern, Eskimos und den Indianern Nordamerika’s. »Auf der Goldküste von Afrika«, so erzählt Bosmann, »wird der Hund ordentlich gemästet zu Markte gebracht und lieber als alles andere Fleisch gegessen, ebenso in Angola, wo man zuweilen für einen Hund mehrere Sklaven gegeben hat«, ebenso, laut Schweinfurth, im Lande der Njamnjams in Innerafrika. Auf Neuseeland und den kleinen Inseln des Südmeeres hält man Hundebraten für einen besseren Leckerbissen als Schweinefleisch. In China sieht man oft Metzger, welche mit geschlachteten Hunden beladen sind; sie müssen sich aber immer gegen den Angriff anderer, noch frei umherlaufender Hunde vertheidigen, welche sie scharenweise anfallen. In dem nördlichen Asien gibt sein Fell Kleidungsstoffe her, und selbst in Deutschland werden Hundefelle zu Mützen, Taschen und Muffen verarbeitet. Aus Knochen und Sehnen bereitet man Leim; das zähe und dünne Hundeleder wird lohgar zu Tanzschuhen und weißgar zu Handschuhen, das Haar zum Ausstopfen von Polstern benutzt. Hundefett dient zum Einschmieren von Räderwerk usw. und galt früher als Hausmittel gegen Lungenschwindsucht. Sogar der Hundekoth, »Griechisch-Weiß« (Album graecum) genannt, weil die Griechen zuerst auf seine Benutzung aufmerksam machten, war ein gesuchtes Arzneimittel.

Schon seit den frühesten Zeiten wurde der Nutzen der Hunde gewürdigt; die Behandlung, welche sie er fuhren, und die Achtung, in der sie standen, war aber eine sehr verschiedene. Sokrates hatte die Gewohnheit, bei dem Hunde zu schwören; Alexander der Große war über den frühzeitigen Tod eines Lieblingshundes so betrübt, daß er ihm zu Ehren eine Stadt mit Tempeln bauen ließ; Homer besingt den Argus, den Hund des Ulysses, in wahrhaft rührender Weise; Plutarch rühmt Melampithos, den Hund des Handelsmannes von Korinth, welcher seinem Herrn durch das Meer nachschwamm; der treue Phileros ist durch griechische Grabschriften verewigt worden; in römischen Schriften wird des Hundes eines Verurtheilten gedacht, welcher dem in den Tiber geworfenen Leichnam seines Herrn unter traurigem Geheul schwimmend nachfolgte; Soter, der [590] einzige überlebende von den hündischen Wächtern, welche Korinth vertheidigten, empfing auf Kosten des Staates ein silbernes Halsband mit den darauf gestochenen Worten: »Korinths Vertheidiger und Erretter«. Plinius stellt die Rüden sehr hoch und erzählt viel merkwürdiges von ihnen. Wir erfahren z.B., daß die Kolophonier wegen ihrer beständigen Kriege große Hundeherden unterhielten, daß die Hunde immer zuerst angriffen und in keiner Schlacht ihre Dienste versagten. Als Alexander der Große nach Indien zog, hatte ihm der König von Albanien einen Hund von ungeheuerer Größe geschenkt, welcher Alexander sehr wohl gefiel. Er ließ deshalb Bären, Wildschweine und dergleichen Thiere gegen ihn; aber der Hund lag stockstill und wollte nicht aufstehen. Alexander glaubte, daß er faul wäre, und ließ ihn umbringen. Als solches der albanesische König erfuhr, schickte er noch einen zweiten Hund gleicher Art und ließ sagen, Alexander solle nicht schwache Thiere gegen die Dogge schicken, sondern Löwen und Elefanten, er, der König, habe nur zwei solcher Hunde gehabt; ließe Alexander diesen umbringen, so habe er nicht einen gleichen. Alexander der Große ließ ihn also auf einen Löwen, dann auf einen Elefanten; der Hund aber erlegte beide. Justinus berichtet, daß die Könige Habis und Cyrus in der Jugend von Hunden ernährt worden sind. Gar nicht zu zählen sind die Schriftsteller, welche die Treue des Hundes rühmen. Die Spartaner opferten dem Gott des Krieges auch einen Hund; junge, säugende Hunde durften von dem Opferfleische fressen. Die Griechen errichteten ihnen Bildsäulen; demungeachtet war bei ihnen das Wort Hund ein Schimpfwort. Die alten Egypter gebrauchten die Hunde zur Jagd und hielten sie, wie man aus den Abbildungen auf Denkmälern sehen kann, sehr hoch. Bei den Juden hingegen war der Hund verachtet, was viele Stellen aus der Bibel beweisen; und heutigen Tages ist dies bei den Arabern kaum anders. Hochgeehrt war der Hund bei den alten Deutschen. Als die Cimbern im Jahre 108 v.Chr. von den Römern besiegt worden waren, mußten letztere erst noch einen harten Kampf mit den Hunden bestehen, welche das Gepäck bewachten. Bei den alten Deutschen galt ein Leithund zwölf Schillinge, ein Pferd dagegen nur sechs. Wer bei den alten Burgundern einen Leithund oder ein Windspiel stahl, mußte öffentlich dem Hunde den Hintern küssen oder sieben Schillinge zahlen. Die Kanarischen Inseln haben, wie Plinius berichtet, ihren Namen von den Hunden erhalten. In Peru wurde, nach Humboldt, der Hund bei einer Mondfinsternis so lange geschlagen, bis die Finsternis vorüber war.

Ergötzlich ist es, was die alten Schriftsteller noch alles von der Benutzung des Hundes zu Arzneizwecken aufgeführt haben. Der ganze Hund war eigentlich nur ein Arzneimittel. Namentlich Plinius ist unermüdlich in Aufzählung der verschiedenen Heilkräfte des Hundes; außer ihm leisten Sextus, Hippokrates, Galen, Faventius, Marellus, Bontius, Aeskulap und Amatos jedoch auch das Ihrige. Ein lebender Hund, bei Brustschmerzen aufgelegt, thut vortreffliche Dienste; wird er aufgeschnitten und einer schwermüthigen Frau auf den Kopf gebunden, so hilft er sicher gegen die Schwermuth. Nach Sextus heilt er sogar Milzkrankheiten. Mit allerlei Gewürz gekocht und gegessen, dient er als Mittel gegen fallende Sucht; doch muß es dann ein säugender Hund sein, welcher mit Wein und Myrrhen zubereitet wurde. Ein junger Jagdhund hilft gegen Leberkrankheiten. Wird eine Frau, welche früher schon Kinder geboren hatte, unfruchtbar, dann befreit sie gekochtes Hundefleisch, welches sie in reichlicher Menge genießt, von ihrer Schwäche. Sehniges Fleisch dagegen ist ein Vorkehrmittel gegen Hundebiß. Die Asche eines zu Pulver gebrannten Hundes dient gegen Augenleiden, und werden mit ihr die Augenbrauen gestrichen, so erhalten sie die schönste Schwärze. Eingesalzenes Fleisch von tollen Hunden gibt ein Mittel gegen Hundswuth. Die Asche vom Schädel eines gesunden Hundes vertreibt alles wilde Fleisch, heilt den Krebs, schützt gegen Wasserscheu, mildert, wenn man sie mit Wasser zu sich nimmt, Seitenstechen und Geschwülste aller Art usw.; die Asche von dem Schädel eines tollen Hundes ist gut gegen Gelbsucht und Zahnschmerz. Das Hundeblut wird vielfach angewandt. Gegen die Krätze ist es vortrefflich, den Pferden vertreibt es das Keuchen; wird es in reichlicher Menge getrunken, so ist es ein Gegengift, welches für alles brauchbar ist; wird ein Haus damit angestrichen, so schützt es gegen die verschiedensten Krankheiten. Das Hundefett wird benutzt, um Muttermäler und Gesichtsblüten zu vertreiben, unfruchtbare Weiber fruchtbar zu machen: dazu muß aber der ganze Hund gekocht und das Fett oben von der Brühe abgeschöpft werden; gegen Lähmung wird es zu einer Salbe verwandt: doch darf es dann bloß von jungen Hunden herrühren; mit Wermut versetzt heilt es die Taubheit. Hundegehirn auf Leinwand gestrichen leistet bei Beinbrüchen gute Dienste, hilft aber auch für Blödigkeit der Augen. Hundemark vertreibt Ueberbeine und Geschwülste. Die Milz ist gegen Milzbrand und Milzschmerzen vortrefflich; am besten wirkt sie, wenn sie aus einem lebenden Hunde ausgeschnitten worden ist. Die rohe Leber wird gegen die Wuthkrankheit empfohlen; doch muß sie stets von einem Hunde von demselben Geschlechte genommen werden, welches der Beißende hatte. Gegen dieselbe Krankheit brauchte man auch Würmer aus dem Aase eines tollen Hundes. Das Leder wird angewandt gegen schweißige Füße; ein dreifaches Halsband davon schützt gegen Bräune; ein Gurt von Hundeleder vertreibt das Leibschneiden. Das Haar des Hundes in ein Tuch gewickelt und auf die Stirn gebunden, lindert Kopfschmerzen, schützt auch gegen Wasserscheu und heilt dieselbe, wenn es auf die Wunde gelegt wird, welche ein toller Hund verursachte. Die Galle mit Honig versetzt ist eine Augensalbe, hilft ebenso gegen Flechten, und wenn sie mit einer Feder anstatt mit der Hand aufgestrichen wird, gegen die Fußgicht, thut auch zur Bestreichung von Flechten treffliche Dienste. Die Milch ist sehr gut, wenn sie getrunken wird; mit Salpeter versetzt hilft sie gegen den Aussatz; mit Asche vermischt erzeugt sie Haarwuchs oder befördert schwere Geburten. Der Harn von jungen Hunden ist, wenn er gereinigt worden, ein Mittel, überflüssigen Haarwuchs zu vertreiben. Mit den Zähnen reibt man kleinen Kindern die Kinnlade und erleichtert dadurch das Zahnen. Wirft man den linken Oberreißzahn ins Feuer, so vergehen die Zahnschmerzen, sobald der Rauch vergangen ist; wird der Zahn zu Pulver gerieben und mit Honig versetzt, so bildet diese Mischung ein Mittel gegen dieselben Schmerzen. Der Koth gibt vortreffliche Pflaster gegen Geschwüre; er kann sogar gegen die Bräune, die Ruhr benutzt werden – doch wer wollte das alles noch zusammenzählen! Bemerkenswerth ist es, daß noch heutigen Tages manche dieser Mittel in Gebrauch sind, namentlich bei den Landleuten, schade dagegen, daß sich die Homöopathie bis jetzt dieser vortrefflichen Mittel noch nicht in wünschenswerther Vollständigkeit bediente.

Ungeachtet der Anerkennung aller Dienste, welche die Hunde uns leisten, und der Dankbarkeit, welche wir ihnen schulden, kann ich mich nicht entschließen, auf die fast zahllosen Rassen derselben ausführlich einzugehen, werde vielmehr nur die wichtigsten in den Kreis unserer Betrachtung ziehen. Die Kunde der Rassen liegt außer dem Plane des vorliegenden Werkes, ist auch zur Zeit noch viel zu wenig geklärt, als daß man das Ergebnis begründeter Forschungen an die Stelle von Muthmaßungen setzen könnte. Ich gebe daher nur einen flüchtigen Ueberblick der wichtigsten Formen und enthalte mich aller unfruchtbaren Deutelei über Entstehung und Entwicklung derselben.

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