Windhunde in Brehms Tierleben 2

Italienischer Windhund

Italienischer Windhund (Brehms Tierleben)

Italienischer Windhund (Brehms Tierleben)

Das zierlichste Mitglied der ganzen Windhundgesellschaft ist der sogenannte italienische Hund (Canis familiaris grajus [leporarius] italicus), anderen Windhunden gegenüber ein wahrer Zwerg, aber ein höchst wohlgebildeter Zwerg, bei welchem jeder Körpertheil im genauesten Verhältnisse steht. Sein ganzes Gewicht übersteigt selten 6 oder 7 Pfund, und die allerausgezeichnetsten wiegen sogar bloß 4 Pfund, trotz ihrer Höhe von 40 Centim. In Gestalt und Färbung stimmt er vollständig mit dem eigentlichen Windhunde überein.
Man hat versucht, das niedliche Geschöpf zur Jagd der Kaninchen abzurichten, allein es eignet sich hierzu weit weniger als zu der Rolle eines Schoßhündchens oder Lieblings von Damen; denn der italienische Windhund läßt sich leichter und gründlicher verziehen als jeder andere Hund. Ein liebebedürftiges und erziehungslustiges Frauenherz findet in ihm einen unübertrefflichen Gegenstand, ein Wesen, welches in kurzer Zeit an Eigenwillen, Empfindlichkeit und Empfindsamkeit selbst das verweichlichtste Menschenkind übertrifft.
Abgesehen von diesen Eigenschaften ist der schmucke, zart gebaute Hund ein wirklich reizendes Geschöpf, jeder Körpertheil an ihm zierlich und fein gebildet, jede Bewegung von ihm leicht, gefällig und anmuthig. Ueber einen auch mir liebgewordenen Hund dieser Art schreibt mir seine junge Gebieterin, Fräulein von Drygalski, das nachstehende. »So sehr auch ›Agile‹ die Bequemlichkeit liebt, so rücksichtlos setzt er dieselbe außer Acht, sobald es gilt, seine Anhänglichkeit an den Herrn zu bethätigen. Der im Zimmer von allen verhätschelte Liebling, das verwöhnte, verweichlichte Schoßthier, scheut weder Regen noch Frost und Wind, wenn es sich darum handelt, mit seinem Gebieter auszugehen. Stundenlang hat er bei wahrem Hundewetter im Freien zugebracht, sich wie ein Wurm gekrümmt, niemals aber seinen Herrn verlassen. Selbst wenn dieser ihn auffordert, nach Hause zu gehen, vermag er es nicht über sich zu gewinnen, dem Befehle Folge zu leisten: er weicht dann höchstens ein Stück Weges zurück, kauert sich nieder, vor Kälte zitternd, blickt seinem Herrn wehmüthig nach und schießt endlich, auch ohne die ihm sicher werdende Erlaubnis zum Mitgehen abzuwarten, wie ein Pfeil heran, heftet die klugen Augen fragend auf den Gebieter, unterdrückt das quälende Gefühl der Kälte und jagt in weiten Sätzen hin und her, um den Frost von sich abzuschütteln. Nur wenn er überhaupt nicht mitgenommen wird, kommt seine verletzte Eitelkeit auch dem Herrn gegenüber zur Geltung. Er schmollt dann mit diesem, verkriecht sich bei dessen Rückkehr, beachtet ihn nicht und beansprucht Liebkosungen und freundliches Zureden, bevor er ihm wieder in gewohnter Weise sich nähert. Liebkosungen verlangt Agile von jedem seiner Freunde und Bekannten; so beglückt er denselben aber sich hingibt, so genügt doch ein einziger Ruf seines Herrn, um ihn zu bewegen, den Freund, welcher ihn hätschelte, sofort zu verlassen und zu dem Gebieter zu eilen. Aber nicht allein treu, sondern auch klug und listig, kühn und muthig ist unser Windspiel. Agile kennt Zeit und Oertlichkeit, erwartet, am Fenster sitzend, rechtzeitig unsere Rückkehr, macht sich zu bestimmter Zeit zum Ausgange mit seinem Gebieter fertig und sucht durch List zu erreichen, was er durch Schmeicheleien nicht erlangen konnte. Verbotenerweise schläft er des Nachts in meinem Bette, läßt sich aber, sobald er die Hausfrau, deren Verbot er übertrat, sich nähern hört, unhörbar aus demselben zu Boden gleiten, kriecht in seinen Korb und thut als ob nichts vorgefallen wäre. Er unterscheidet alte Bekannte sehr genau von Fremden, so gern er auch von diesen sich hätscheln läßt, kennt im Wirtshause, in welchem er sich als Stammgast fühlt, Wirt und Kellner und bestellt sich in nicht miszuverstehender Weise bei ihnen Speise und Trank, bindet dreist mit großen und kleinen Hunden an und schlägt gar manchen von ihnen wacker in die Flucht. Seitdem wir ihn besitzen, glauben wir nicht mehr an die geistige Beschränktheit und sprichwörtliche Untreue der Windspiele überhaupt. Augenscheinlich muß er sich mehr auf sein Gesicht als auf seinen Geruch verlassen; dies beweist er dadurch, daß er im Menschengedränge sich krampfhaft an die Fersen seines Begleiters klammert, während er sonst, wenn ihm eine weitere Umschau nicht verwehrt wird, in Bogensätzen seinen Herrn umspringt. In jenem Falle mag er unklug erscheinen, in diesem wird Niemand dumm ihn schelten, und was die Untreue anlangt, so haben wir bei unserem Windspiele nur das Gegentheil bemerkt.«

Wolfswindhund 

Wolfswindhund (Brehms Tierleben)

Wolfswindhund (Brehms Tierleben)

Das glattanliegende, dünne Fell und die damit im Einklange stehende Frostigkeit der Windhunde deuten ebenso wie ihr häufiges Vorkommen in Afrika und Asien darauf hin, daß man die ursprüngliche Heimat der Thiere in heißen Ländern zu suchen und sie als Wüsten- und Steppenthiere aufzufassen hat, welche erst von hier aus bei uns eingeführt wurden. Der größere Theil der Rassen behielt auch im Norden alle Eigenthümlichkeiten des Windhundgepräges bei, während einzelne Rassen sich unserem Klima anpaßten oder ihm angepaßt wurden. Zu letzteren gehört der schottische oder Wolfswindhund (Canis familiaris grajus [leporarius] hibernicus), ein Thier von derselben Größe wie der gemeine Verwandte und außerordentlicher Schönheit, ebenso zierlich gebaut und mit ebenso feinen Gliedern ausgerüstet wie jener, aber durch die verhältnismäßig dichte Behaarung unterschieden. Seine Gesammtlänge beträgt reichlich 1,5 Meter, wovon der Schwanz etwa 40 Centim. wegnimmt, die Höhe am Widerrist ungefähr 75 Centim.; die Behaarung ist nicht besonders lang, obschon mehr als dreimal länger als die des Windhundes, aber dicht und so gleichmäßig, daß der Pelz ein schützendes Kleid gegen die Kälte nördlicher Länder bildet, die Fahne lang und geschlossen, die Färbung verschieden, schwarz oder braun und weiß, nicht selten auch rothbraun und grau getigert.
Unvermischte Wolfswindhunde sind gegenwärtig sehr selten geworden, falls nicht gänzlich ausgestorben. In früheren Jahrhunderten benutzte man sie hauptsächlich zur Wolfsjagd und hielt sie, ihres Muthes und ihrer Wehrhaftigkeit halber, hoch in Ehren. Nach Behauptung englischer Schriftsteller waren sie noch im vorigen Jahrhundert bedeutend größer als gegenwärtig, obgleich sie auch jetzt noch zu den stattlichsten Hunden zählen. Sie sind gutartig, ihrem Gebieter anhänglich, gegen Fremde weniger zuthunlich als andere Windhunde, denen sie übrigens in ihrem Wesen und Betragen gleichen. Andere Hunde haben sie zu fürchten, weil sie ebenso wie die Verwandten sich leicht zum Zorne hinreißen lassen und dann muthig kämpfen und fürchterlich beißen.
Unsere Abbildung stellt einen Wolfswindhund aus dem Gemeute des Prinzen Karl von Preußen dar.

Nackthund
Als häßliche Ausartung der Windhundform und, wie ich hinzufügen will, mehrerer anderer Hunderassen mag der Nackthund (Canis familiaris africanus) angesehen werden, afrikanischer Hund genannt, weil man annimmt, daß er ursprünglich dem Innern von Afrika angehörte und von dort nach Nordafrika und über Guinea nach Manila, China, auf die Antillen und Bahama-Inseln sowie über das Festland von Süd- und Mittelamerika verbreitet wurde.
Der Leib ist etwas gestreckt, schmächtig, gegen die Weichen stark eingezogen, der Rücken stark gekrümmt, die Brust schmal, der Hals mittellang, aber dünn, der Kopf länglich und hoch, die Stirn stark gewölbt, die Schnauze ziemlich lang, nach vorn verschmälert und zugespitzt, die mittellangen, etwas breiten, zugespitzten und halb aufrechtstehenden Ohren sind nackt wie der übrige Körper und gegen die Spitze etwas umgebogen, die Lippen kurz und straff. Hohe, ziemlich schlanke und zarte Beine, ein sehr dünner, mäßig langer Schwanz und der Mangel der Afterzehe an den Hinterfüßen bilden seine übrigen Kennzeichen. Nur in der Nähe des Schwanzes, um den Mund herum und an den Beinen finden sich einige Haare; sonst ist die übrige Haut vollkommen nackt und deshalb der Hund ein häßliches Thier. Denn auch die schwarze Hautfärbung, welche bei uns nach einiger Zeit ins Grauliche übergeht und hier und da fleischfarbige Flecken zeigt, ist unschön. Die Länge des Körpers beträgt 65, die des Schwanzes 25 und die Höhe am Widerriste 35 Centim. Diese Beschreibung bezieht sich auf die windhundähnliche Form, neben welcher, wie bemerkt, auch andere vorkommen, wahrhaft abscheuliche Köter, welche nur ein verdorbener Geschmack erträglich finden kann.
In seinem ursprünglichen Vaterlande soll der eigentliche Nackthund zur Antilopenjagd verwendet werden und für diese Jagd eine vorzügliche Bewegung besitzen. Aeußerst leicht, beweglich und im Laufen ebenso schnell als anhaltend, soll er unermüdlich in der Verfolgung einer aufgefundenen Spur sein und es vortrefflich verstehen, dem verfolgten Wilde durch allerlei Abwege näher zu kommen und es sicherer einzuholen. Seine geistigen Fähigkeiten sollen gering sein; doch werden Gutmüthigkeit, Wachsamkeit und treueste Anhänglichkeit an den Herrn von ihm gerühmt. Unter den Sinnen sollen Geruchs- und Gehörsinn am meisten ausgebildet, und er als Spürhund zu gebrauchen sein. Ich theile diese Angaben mit, ohne Gewähr für sie zu übernehmen, muß im Gegentheile bemerken, daß ich sehr starke Zweifel bezüglich der Thatsächlichkeit derselben hege. Diejenigen Nackthunde, welche ich kennen gelernt habe, machten auf mich den Eindruck, als ob sie nichts anderes leisten könnten, denn Abscheu zu erregen. Bestimmte Nachrichten über das Land, in welchem sie Antilopen jagen sollen, fehlen gänzlich.
In unserem Klima kann der Nackthund wegen seiner Zartheit und Empfindlichkeit gegen rauhe Witterung nur als Stubenthier gehalten werden und dauert in der Regel nicht sehr lange aus. Seine Zärtlichkeit gegenüber den Einflüssen der Witterung ist so groß, daß er selbst an den wärmsten Tagen zittert. Auch bei der sorgfältigsten Pflege und trotz aller künstlichen Mittel, um ihn gegen die Rauhheit des Wetters zu schützen, unterliegt er häufig Krankheiten, welche er sich durch Erkältung zugezogen hat.

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