Zoonose: Räude

Räudiger Straßenhund auf Bali (Jack Merridew)

Räudiger Straßenhund auf Bali (Jack Merridew)

Als Räude (lateinisch Scabies, ‚Rauhigkeit‘, ‚Krätze‘, von scaber, ‚rau‘, ‚schäbig‘, von scabere, ‚kratzen‘) bezeichnet man Milbenerkrankungen bei Tieren. Bei 104 Säugetierarten, sowohl bei Wildtieren als auch bei Haustieren, wurden Befall und Erkrankung durch Räudemilben nachgewiesen.
e nach auslösender Milbenart und Spezies wird die Räude weiter unterteilt: die klassische Räude nach Infektion mit Krätzemilben (Sarcoptes-Räude) sowie die Infektionen mit Saugmilben (Psoroptes ssp.), Chorioptes ssp., Raubmilben (Cheyletiellose), Notoedres cati (Kopfräude der Katze), Otodectes cynotis (Ohrräude), Myocoptes und Myobia (Räude der Maus), Radforia ensifera, Notoedres muris und Sarcoptes anacanthos (Räude der Ratte), Knemidocoptes pilae (Schnabelräude der Papageien) und weiteren Milben.
Die vor allem bei Hundeartigen, wesentlich seltener auch bei anderen Säugetieren auftretende Infektion mit Haarbalgmilben gehört nicht zu den Räudeformen im engeren Sinne.
Räude wird in der Tiermedizin mit Avermectinen (Ivermectin, Moxidectin, Selamectin) und lokal angewandten Waschungen (Amitraz) behandelt. Auch organische Phosphorsäureester (Phoxim) werden teilweise noch eingesetzt. Bei Hunden ist auch Fluralaner wirksam.
Die Tierseuche ist sehr ansteckend, geht als Zoonose vereinzelt auch auf den Menschen über: Die meisten dieser Parasiten können auch den Menschen als Fehlwirt befallen und eine Pseudokrätze hervorrufen. Die Scabies des Menschen (Krätze) dagegen wird verursacht von Sarcoptes scabiei var. hominis, ist keine Zoonose, sondern wird von Mensch zu Mensch übertragen. Räude ist in Österreich bei Pferden, Eseln, Maultieren, Mauleseln, Schafen und Ziegen anzeigepflichtig, bei Wildtieren ist sie der Jagdaufsicht zu melden. In der Schweiz ist sie als Gruppe 3 eingestuft („zu bekämpfende Seuche“). Problematisch verbreitet ist sie insbesondere bei Gämsen.
Als Sarcoptes-Räude bezeichnet man durch Grabmilben hervorgerufene parasitäre Hauterkrankungen bei Tieren.

Sarcoptes scabiei var. canis (Joel Mills)

Sarcoptes scabiei var. canis (Joel Mills)

Die Sarcoptes-Räude des Hundes
Die Sarcoptes-Räude des Hundes ist eine hochansteckende parasitäre Hauterkrankung, die durch die Räudemilbe Sarcoptes scabiei var. canis hervorgerufen wird. Sie ist durch gerötete Papeln, bei schwerem Verlauf durch krustöse Hautveränderungen gekennzeichnet. Die Bekämpfung erfolgt durch milbenabtötende Mittel (Akarizide).
Die zu den Grabmilben gehörende Sarcoptes-Milbe des Hundes (Sarcoptes scabiei var. canis, gelegentlich auch als eigene Art Sarcoptes canis aufgefasst) ist ein vor allem bei Hunden vorkommender Parasit mit relativ hoher Wirtsspezifität. Gelegentlich kann er auch beim Rotfuchs, bei Kaninchen, Hasen, Meerschweinchen, Schweinen und bei Hauskatzen auftreten. Selbst beim Menschen kann sie eine kurzzeitige Erkrankung mit Juckreiz und kleinen Papeln auslösen, heilt er aber im Regelfall spontan nach wenigen Tagen aus („Pseudo-Krätze“). Neben Sarcoptes scabiei var. canis kann auch Sarcoptes scabiei var. vulpes, der Erreger der Fuchsräude die Ursache für eine Sarcoptes-Räude beim Hund sein.
Der gesamte Entwicklungszyklus der Milbe findet auf beziehungsweise in der Haut des Hundes statt. Die Männchen leben auf der Hautoberfläche oder in flachen Tunneln. Dort findet die Kopulation statt, nach der sie absterben. Weibliche Grabmilben graben sich mit ihren Mundwerkzeugen (Chelizeren) in das Stratum spinosum oder granulosum der Epidermis ein und ernähren sich von Keratin und Gewebsflüssigkeit. Sie legen während ihres Lebens Eier in die von ihnen angelegten Bohrgänge. Der Entwicklungszyklus der Grabmilben dauert etwa drei Wochen und zeigt drei Entwicklungsstufen.
Aus den Eiern schlüpfen nach 3 bis 5 Tagen die Larven. Sie tragen nur drei Beinpaare und leben hauptsächlich in den Bohrgängen. Die Larven häuten sich in eigenen Hautnischen zu Nymphen, die morphologisch den adulten Weibchen ähneln, aber wesentlich kleiner und noch nicht geschlechtsdifferenziert sind. Diese häuten sich zu den adulten Grabmilben.
Die Übertragung erfolgt jahreszeitunabhängig meist durch direkten Kontakt mit infizierten Tieren. Die Sarcoptes-Räude ist hochansteckend. Es ist jedoch auch eine Übertragung aus der Umgebung möglich. Die Grabmilbe kann unter für sie günstigen Bedingungen (10–15 °C) in Hautresten bis zu drei Wochen überleben, bei Zimmertemperatur drei bis sechs Tage.So findet sie sich insbesondere auch in Bürsten oder Ritzen.
Die Sarcoptes-Räude zeigt sich zunächst in Form von geröteten kleinen Papeln, eventuell auch Pusteln. Sie treten vor allem an den Außenseiten und Rändern der Ohrmuscheln, um die Augen sowie an Ellenbogen, Sprunggelenken und Bauch auf. Im weiteren Verlauf zu einer starken Hautrötung (Erythema) und infolge des starken Juckreizes zu selbstzugefügten Hautveränderungen wie Haarausfall (Alopezie), Schuppung, Krusten und übermäßiger Verhornung (Hyperkeratose). Häufig sind die Außenseiten der Gliedmaßen und die Ränder der Ohrmuschel betroffen. Sekundär treten häufig bakteriell bedingte Pyodermien auf.
Es wird angenommen, dass das klinische Bild weniger auf die Schadwirkung der Milben, sondern auf allergische Reaktionen zurückzuführen ist.
Eine Sonderform ist die „Norwegische Räude“. Hier dominieren hochgradige Verhornung und Krusten, während der Juckreiz nur gering ausgeprägt sein kann. Diese Verlaufsform tritt vor allem bei Tieren mit gestörtem Immunsystem, mit Cushing-Syndrom oder nach Behandlung mit Glucocorticoiden auf.
Der Pinna-Pedal-Reflex ist bei Sarkoptes-Räude fast immer positiv. Er hat eine Sensitivität von 82 % und eine Spezifität von 94 %. Die Diagnose wird durch ein oberflächliches Hautgeschabsel gesichert, wobei bereits der Nachweis einer Milbe, einer Nymphe, von Eiern oder von Milbenkot als beweisend gilt. Alternativ können zwei bis vier Wochen nach der Ansteckung über eine Blutuntersuchung Sarcoptes-spezifische Antikörper nachgewiesen werden. Die Sensitivität des Nachweises über Hautgeschabsel liegt jedoch nur bei 20 %, während über Antikörpernachweis (ELISA) schon Sensitivitäten und Spezifitäten bis über 90 % möglich sind. Falsch positive Ergebnisse kommen vor allem bei Atopikern durch Kreuzreaktionen mit Hausstaubmilben vor, falsch negative, weil Antikörper erst nach zwei bis fünf Wochen auftreten.
Abzugrenzen sind vor allem Futterallergien und Atopische Dermatitis. Weitere Differentialdiagnosen, die allerdings meist mit weniger stark ausgeprägtem Juckreiz einhergehen, sind Malassezien-Dermatitis, Pyodermie, Kontaktdermatitis, Cheyletiellose und Demodikose.
Zur Bekämpfung eignen sich Waschbehandlungen mit Amitraz, die Injektion von Ivermectin (cave MDR1-Defekt) oder Spot-ons mit Fipronil, Selamectin, Moxidectin, Pyriprol oder Flumethrin. Zugelassen sind in Deutschland zur Behandlung der Sarcoptes-Räude bei Hunden nur Selamectin (Handelsname Stronghold) und Moxidectin (Handelsname Advocate).In einer neuen Studie erwies sich auch Fluralaner als hochwirksam, das in Tablettenform oder als Spot-on verabreicht werden kann. Dabei müssen alle Hunde, die mit dem betroffenen Tier Kontakt hatten, ebenfalls behandelt werden. Zu Beginn der Behandlung kann für mehrere Tage ein Glucocorticoid verabreicht werden, um den Juckreiz zu mildern.
Es empfiehlt sich, dicke Krusten mechanisch zu entfernen, da diese mit vielen Milben besiedelt sind. Auch Pflegegegenstände und Liegeplätze müssen gereinigt und mit milbentötenden Mitteln behandelt werden, da die Milben dort bis zu drei Wochen überleben können.

Anlegen eines Bohrgangs und Eiablage durch die weibliche Grabmilbe (Laminas entomológicas por E Handschin., Rene Rock, W. Linsenmaier y Enrique Rioja. Servicio Científico de Laboratorios Roche 1950)

Anlegen eines Bohrgangs und Eiablage durch die weibliche Grabmilbe (Laminas entomológicas por E Handschin., Rene Rock, W. Linsenmaier y Enrique Rioja. Servicio Científico de Laboratorios Roche 1950)

Die Kopfräude der Katze
Die Kopfräude (Syn. feline Scabiose) ist eine seltene, vor allem bei Katzen auftretende Parasitose, die durch Notoedres cati verursacht wird. Es sind vor allem geschwächte und verwahrloste Katzen, sowohl Hauskatzen als auch wildlebende Feliden betroffen. Selten geht der Erreger auch auf Fehlwirte wie den Menschen über und verursacht eine Pseudokrätze.
Der Erreger N. cati ist eine zu den Sarcoptidae gehörende Milbe, die etwas kleiner als die Krätzemilbe ist, ihr aber ansonsten stark ähnelt. Der gesamte Entwicklungszyklus findet in der Haut des Wirtes statt, außerhalb des Wirtes sind die Milben nur wenige Tage überlebensfähig. Die Weibchen legen ihre Eier in Bohrgänge in der Epidermis. In diesen Bohrgängen, zeitweise auch auf der Hautoberfläche, leben die Milben und ihre Entwicklungsstadien und ernähren sich von Lymphe und Gewebsflüssigkeit.
Die Kopfräude ist hochansteckend, wobei die Milben vor allem über direkten Kontakt auf andere Katzen übergehen. Die Erkrankung kommt weltweit vor, ist aber eine eher seltene Räudeform. Betroffen sind vor allem Tiere mit einem geschwächten Immunsystem, Mangelernährung und Allgemeinerkrankungen, so dass die Kopfräude auch als Faktorenkrankheit angesehen werden kann.
Die Milben verursachen durch ihre Mundwerkzeuge und ihren Speichel schwere Hautveränderungen am Kopf, die vor allem im Stirnbereich und am Ohransatz beginnen. Es treten kleieartige Beläge, Krusten, Hautverdickung (Hyperkeratose, Lichenifikation) und Haarausfall auf. Die Erkrankung ist durch starken Juckreiz geprägt, der zu tiefen, selbst beigefügten Hautwunden infolge Kratzen führen kann. Die Kopfräude führt zu einer starken Unruhe.
Die Diagnose wird anhand des klinischen Bildes und der mikroskopischen Untersuchung eines tiefen Hautgeschabsels gestellt. Abzugrenzen ist vor allem die Ohrräude.
Zur Behandlung werden Avermectine (Ivermectin, Doramectin), Pyrethroide oder Fipronil eingesetzt.

Gamsräude
Erreger der Gamsräude ist die Grabmilbe Sarcoptes rupicaprae. Ihre Größe beträgt 0,2 bis 0,4 Millimeter. Sie lebt in der Haut des Gamswildes. Die weibliche Milbe legt 30 bis 50 Eier in Bohrgänge. Bereits 2 bis 3 Wochen nach dem Schlüpfen pflanzen sich die Milben fort. Außerhalb des Wirtskörpers ist die Lebensdauer beschränkt.
Die Übertragung der Grabmilben erfolgt meist durch direkten Hautkontakt zwischen den einzelnen Tieren. Böcke und Geißen stecken sich meist bei der Begattung an. Die Geißen werden zuerst am Bauch und den Laufinnenseiten, die Böcke an der Unterbrust befallen. Die Lebensweise in Herden verstärkt die Ansteckung. Seltener erfolgt sie durch indirekte Ansteckung, wie Benützung derselben Lager, Scheuerstellen oder bei Salzlecken. Die Verbreitung durch Insekten oder andere Tiere nach Kontakt ist gering.
Eine Übertragung auf den Menschen ist möglich. Da der Mensch ein Fehlwirt ist, kann sich eine Pseudokrätze entwickeln. Die Hautveränderungen sind nicht so ausgeprägt wie bei den Tieren und treten vor allem auf dem Rumpf und auf den Armen auf. Der Juckreiz hingegen kann sehr stark sein.
Räudemilben ernähren sich von Hautzellen und Gewebeflüssigkeit und setzen in den Bohrgängen Kot ab, was zu hochgradigem Juckreiz und infolge des Kratzens zu entzündeten und verkrusteten Hautstellen führt. Es treten immer dickere Hautkrusten und schließlich dicke Borken auf. An den betroffenen Stellen fallen die Haare großflächig aus. Wichtige Körperfunktionen wie Wärmeregulation und Stoffwechsel sind gestört. Pro Quadratzentimeter Haut können bis zu 1000 Milben leben.
Die Tiere zeigen während des ganzen Jahres ein auffällig unruhiges Verhalten. Sie kratzen sich mit den Beinen und den Hörnern, beißen sich ins Fell und scheuern sich an Gegenständen. Im fortgeschrittenen Stadium kommt es zu Rissen, Schürfwunden, Haarausfall, Borkenbildung und schuppigen Hautfalten. Von der Ansteckung bis zum Eingehen der Stücke vergehen etwa 6 Monate. Die Gämsen verenden an allgemeiner Erschöpfung.
Gämsen im guten Ernährungszustand und hoher Widerstandskraft können Milben haben ohne zu erkranken. Diese stummen Parasitenträger sind verantwortlich, dass in einem Räudegebiet, wenn der Bestand sich erholt hat, es wieder zum Ausbruch der Seuche kommen kann.
Die Bekämpfung erfolgt durch Abschuss der kranken Tiere.

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