Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

09.04.2018, DEUTSCHE WILDTIER STIFTUNG
Warum Rehböcke jetzt im Wald fegen
Deutsche Wildtier Stiftung: Weil bald die Revierkämpfe beginnen, polieren die Tiere ihre kleine Geweihe
Im Wald findet jetzt das große „Fegen“ statt. Die Rehböcke treibt nicht etwa der Frühjahrsputz an, sondern die bevorstehenden Revierkämpfe. „Die Tiere reiben derzeit die Basthaut von ihren kleinen Geweihen, unter der im Laufe der vergangenen fünf Monate ein neuer Kopfschmuck gewachsen ist“, erklärt Dr. Andreas Kinser von der Deutschen Wildtier Stiftung. Dieser Vorgang, der sich Jahr für Jahr wiederholt, wird auch „Fegen“ genannt.
Für Waldspaziergänger mag es ein seltsamer Anblick sein, wenn sie jetzt samtartige Fetzen an kleinen Bäumchen und Sträuchern hängen sehen. Die abgestorbene Basthaut wird besonders gerne an den harzigen Stämmchen von Douglasien oder Kiefern abgescheuert. Die Pflanzensäfte färben dann das frisch verfegte Geweih in kürzester Zeit in ein tiefes Dunkelbraun. Der tierische „Frühjahrsputz“ der Böcke dauert noch bis Anfang Mai. „Junge Rehböcke fegen bis zu 600-mal am Tag, ältere seltener“, sagt Kinser.
Die Fege-Aktion hat obendrein eine sexuelle Komponente. „Mit dem Abstreifen der Basthaut hinterlassen die Rehböcke nämlich auch Duftmarken“, erläutert Kinser, „damit werden bereits jetzt die Reviere für die Brunft im Sommer abgesteckt.“ Am Kopf der Rehböcke befinden sich gleich mehrere Duftdrüsen: In der Stirnlocke zwischen den Geweihstangen, an den Wangen und am Hals wird das Duftsekret produziert. Rehe orientieren sich an diesen Gerüchen und kommunizieren über solche „Duft-Informationen“.

10.04.2018, Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns
In den Farben des Regenbogens
Madagaskar ist ein Paradies für Chamäleons. Mehr als 40% der 206 bekannten Arten leben ausschließlich auf dieser Insel. Münchner und madagassische Forscher haben nun drei neue Arten entdeckt, darunter das prächtig gefärbte Regenbogenchamäleon und eine Art mit einem Loch im Schädel. Die drei Neuentdeckungen sind nur aus sehr kleinen Verbreitungsgebieten bekannt und vermutlich stark gefährdet. Die Arbeit wurde in der Zeitschrift Zoological Journal of the Linnean Society publiziert.
Die Artenvielfalt Madagaskars ist einzigartig. Mehr als 420 verschiedene Reptilienarten sind von der großen Insel vor der ostafrikanischen Küste bereits bekannt, doch die Regenwälder bergen noch so manche Überraschung:
Bei einer Expedition der Zoologischen Staatssammlung München (SNSB-ZSM) in ein abgelegenes Waldgebiet in Nord-Madagaskar entdeckten die Forscher das spektakulär gefärbte Regenbogenchamäleon Calumma uetzi. Seine volle Farbenpracht, die sich von der aller anderen Chamäleonarten sehr deutlich unterscheidet, entfaltet sich aber erst, wenn beide Geschlechter aufeinandertreffen. Dann versucht das Männchen dem Weibchen mit einem knalligen Muster aus gelb, violett und rot zu imponieren. Doch die bunten Farben allein garantieren noch keinen Erfolg. Ist das Weibchen nicht paarungswillig, droht es dem Männchen mit aufgerissenem Maul und „ärgert“ sich fast schwarz.
Eine weitere Chamäleonart fanden die Forscher nahe einer stark befahrenen Nationalstraße im Osten des Landes. In einem völlig isolierten Waldfragment mit einer Fläche von nicht einmal 15 ha lebt Calumma juliae. „Wir hoffen, dass das Gebiet so schnell wie möglich unter Schutz gestellt wird, da der Waldrest seit der Entdeckung vor zwei Jahren rasch kleiner wird, wie man auch auf Google Earth-Bildern sehen kann,“ sagt David Prötzel, Erstautor der Studie und Doktorand an der LMU. Bisher sind von dieser Art trotz intensiver Suche nur weibliche Tiere bekannt: „Wir sind sehr gespannt, wie die Männchen von Calumma juliae aussehen und wo oder in welcher Jahreszeit sie zu finden sind.“
Nur ein einzelnes Männchen wurde von der dritten neuen Art, Calumma lefona, entdeckt. Bei röntgentomografischen Untersuchungen (Mikro-CT-Scans) fiel den Forschern ein großes Loch im Schädeldach auf, das ausgerechnet direkt über dem Gehirn liegt. Ein solches Schädelloch zeigte sich nicht nur bei dieser neuen Spezies, sondern auch bei sechs weiteren Calumma-Arten, die alle in den Bergen in Höhen von mindestens 1000 m über dem Meeresspiegel leben. Der biologische Sinn dieser Schädelfenster ist noch ein Rätsel, vielleicht helfen sie den Chamäleons bei der Thermoregulation.
„Nach aktuellem Wissensstand haben alle drei neuen Chamäleonarten nur ein sehr kleines Verbreitungsgebiet und leben in Regenwäldern, die stark von Abholzung betroffen sind“, sagt Dr. Frank Glaw, Reptilienforscher an der Zoologischen Staatssammlung München (SNSB-ZSM), „aber derzeit werden in Madagaskar viele neue Schutzgebiete eingerichtet, die sicherlich helfen werden, Madagaskars einzigartige Artenvielfalt zu erhalten.“
Publikation:
Prötzel, D., Vences, M., Scherz, M.D., Hawlitschek, O., Ratsoavina, F. & Glaw, F. (2018). Endangered beauties: Micro-CT osteology, molecular genetics and external morphology reveal three new species of chameleons in the Calumma boettgeri complex (Squamata: Chamaeleonidae). – Zoological Journal of the Linnean Society.
https://doi.org/10.1093/zoolinnean/zlx112

10.04.2018, Universität Zürich
Wenn Feinde zu Helfern werden
Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Dass dieses Prinzip auch für Krabbenspinnen und Blütenpflanzen gilt, zeigen nun UZH-Forschende. Die Spinnen fressen oder vertreiben zwar nützliche Bestäuberinsekten wie Bienen. Sie werden von der Pflanze aber mit einem Duftstoff zu Hilfe gerufen, sobald Frassinsekten die Blüten befallen.
Sie sind in der Natur allgegenwärtig: Interaktionen zwischen Organismen wie Pflanzen und Tieren. Eine solche Beziehung haben Anina Knauer und Florian Schiestl, UZH-Professor am Institut für Systematische und Evolutionäre Botanik, näher untersucht: die Interaktion von Krabbenspinnen und Glatt-Brillenschötchen, ein in Europa verbreitetes, gelbes Kreuzblütengewächs.
Die schädliche Seite von Krabbenspinnen
Krabbenspinnen sind Jäger, die auf den Blüten der Pflanze ihrer Beute auflauern. Bisher ging man davon aus, dass solche Spinnen den Pflanzen schaden, da sie bestäubende Insekten fangen oder vom Blütenbesuch abhalten. Die UZH-Ökologen zeigen nun einen überraschenden Effekt: «Krabbenspinnen orientieren sich am Blütenduft, um die Pflanzen zu finden. Dazu verwenden sie β-Ocimen – dieselbe Duftsubstanz, die auch Bienen zu den Blüten lockt», sagt Schiestl.
Blütenduftstoff wirkt als Hilferuf
Sitzen Krabbenspinnen auf den Blüten, kommen tatsächlich weniger Bienen, da sie von den Spinnen vom Blütenbesuch abgehalten werden. Doch die Spinnen fressen nicht nur Bestäuber. Sie eliminieren auch pflanzenfressende Insekten oder deren Raupen, die sich von Blüten oder Früchten ernähren, und den Pflanzen schaden. Die Krabbenspinnen nützen so den Pflanzen – ganz nach dem Prinzip «der Feind meines Feindes ist mein Freund». Dieser Nutzen ist offenbar so gross, dass die Pflanzen nach einem Befall mit Frassinsekten den Duftstoff, der die Spinnen anlockt, in grösserer Menge abgeben. Dieser «Hilferuf» zeigt Wirkung: Die Spinnen besuchen daraufhin besonders oft die befallenen Blüten, wo sie reiche Beute vorfinden.
Interaktionen verstehen zum Schutz von Ökosystemen
Die Studie zeigt, dass der Effekt von interagierenden Organismen stark vom ökologischen Kontext abhängt. In komplexen Ökosystemen lassen sich die Konsequenzen nicht immer vorhersagen. Das bedeutet, dass das Verschwinden bestehender bzw. das Erscheinen neuer Interaktionspartner unvorhersehbare Folgen für einzelne Mitglieder eines Ökosystem haben kann. «Es ist daher wichtig, die Interaktionen zwischen Organismen und deren Folgen besser zu verstehen, um die Erkenntnisse zum Schutz von Ökosystemen oder im biologischen Landbau anwenden zu können», folgert Florian Schiestl.
Literatur:
Anina C. Knauer, Moe Bakhtiari and Florian P. Schiestl. Crab spiders impact floral-signal evolution indirectly through removal of florivores. Nature Communications. April 10, 2018. DOI: 10.1038/s41467-018-03792-x

09.04.2018, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Warum manche Käfer Alkohol mögen
Der Ambrosiakäfer sucht gezielt nach Alkohol. Nun haben Forscher herausgefunden, warum er das tut: Es liegt an seinem ausgeklügelten landwirtschaftlichen System. Mit Alkohol als „Unkrautvernichter“ optimiert der Käfer seine Ernte.
Wenn sich an einem lauen Sommerabend im Biergarten kleine Käfer ins Bier der Gäste stürzen, ist Nachsicht angebracht. Die Ambrosiakäfer wollen nur das Beste für sich und ihre Nachkommen: Sie wittern den Alkohol in den Kaltgetränken und hoffen auf eine optimale Umgebung, um erfolgreich Landwirtschaft zu betreiben. Denn Alkohol spielt eine wichtige Rolle bei der Optimierung ihres landwirtschaftlichen Ertrags.
Über die Details dieses Verhaltens berichtet ein internationales Forschungsteam mit starker Beteiligung der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg in der aktuellen Ausgabe des angesehenen Fachmagazins PNAS.
Alkohol lockt die Käfer zu geschwächten Bäumen
Ambrosiakäfer sind eine größere Gruppe mit mehreren tausend Arten weltweit. Sie gehören zu den Borkenkäfern. Alle Arten zeichnet aus, dass sie Pilzzucht betreiben. Dr. Peter Biedermann untersuchte den „schwarzen Nutzholz-Borkenkäfer“.
„Schon lange weiß man, dass Alkohol von geschwächten Bäumen produziert wird und diese gezielt von Ambrosiakäfern erkannt und besiedelt werden“, sagt der Wissenschaftler vom Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie der JMU und dem Max-Planck-Institut für Chemische Ökologie in Jena. So nutzen Forscher schon lange mit Alkohol bestückte Fallen, um diese Käfer zu fangen. „Und nicht selten findet man die etwa zwei Millimeter großen Käfer im Bier, wenn der Biergarten mit alten Bäumen bewachsen ist“, sagt Biedermann.
Nachhaltige Landwirtschaft als Erfolgskonzept – keine Resistenzen
Erst mit den Ergebnissen von Biedermann und Kollegen wird klar, warum Alkohol so attraktiv für das Insekt ist. „Eine erhöhte Aktivität von Alkohol-abbauenden Enzymen erlaubt es den Nahrungspilzen der Insekten, in alkoholhaltigem Holz optimal zu wachsen, obwohl es für andere Mikroorganismen giftig ist“, sagt Biedermann. In der Konsequenz bedeutet dies: Es ist mehr Nahrung für die Käfer vorhanden, die somit mehr Nachwuchs großziehen können als in „alkoholfreiem“ Holz.
Am besten wachsen die Nahrungspilze, von deren Fruchtkörpern sich die Käfer und deren Larven ernähren, bei einer Alkoholkonzentration von etwa zwei Prozent. Zudem können bei dieser Konzentration so genannte „Unkrautpilze“ nur schlecht wachsen.
Relevanz gewinnt diese Strategie vor allem mit Blick auf den Erfolg der Käfer in der Evolution. „Seit etwa 60 Millionen Jahren sind die Tiere mit ihrer nachhaltigen Landwirtschaft erfolgreich – trotz Monokultur.“ Anders als menschliche Bauern haben sie anscheinend kein Problem mit auftretenden Resistenzen gegen „Unkrautvernichtungsmittel“.
Gemeinsame Pflege der Pilzgärten
Nicht nur das landwirtschaftliche Geschick begeistert Biedermann an den Ambrosiakäfern. „Sie zeigen soziales Verhalten“, sagt der Ökologe. Die Käfer pflegen ihre Pilzgärten gemeinsam und arbeitsteilig: Einige Tiere reinigen die Gangsysteme, die in das Holz gefressen werden, andere schaffen den Schmutz aus dem Nest und putzen die Artgenossen. Alles mit dem Ziel, die Symbiose von Käfer und Pilz zu optimieren.
Dieses System ist so ausgeklügelt, dass die Tiere die Pilzsporen mithilfe eigener Sporen-Organe bei der Neuansiedlung mitbringen. Aus diesen erwachsen dann die Pilzgärten. Es geht so weit, dass auch die Pilze in der Lage sind, Alkohol zu produzieren, um die Umgebung zu optimieren.
„So verhalten sich die Ambrosia-Pilze ganz ähnlich wie Bier- oder Weinhefen, die sich selbst ein alkoholhaltiges Substrat generieren, in dem nur sie selbst gut wachsen können und andere konkurrierende Mikroorganismen ausgeschlossen werden“, erklärt Biedermann.
Überleben in einer alkoholisierten Umgebung
Biedermann, der seit mehr als zehn Jahren an Ambrosiakäfern forscht, wird sich auch in der Zukunft mit diesen Borkenkäfern befassen. Eine offene Frage in Zusammenhang mit dem Lebensstil der Sechsbeiner: Was genau befähigt sie, in diesem alkoholisierten Umfeld zu überleben? „Sie müssen natürlich resistenter gegen Alkohol sein als andere Lebewesen“, so Biedermann. Vielleicht kann die Menschheit ja auch hier etwas von den Borkenkäfern lernen.
„Symbiont Selection via Alcohol Benefits Fungus-Farming by Ambrosia Beetles“ by Christopher M. Ranger, Peter H. W. Biedermann, Vipaporn Phuntumart, Gayathri U. Beligala, Satyaki Ghosh, Debra E. Palmquist, Robert Mueller, Jenny Barnett, Peter B. Schultz, Michael E. Reding & J. Philipp Benz. Published in PNAS

10.04.2018, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Die Hauptstadt der Nachtigallen kann von allen erforscht werden
Das Citizen Science Projekt „Forschungsfall Nachtigall“ startet ab Mai 2018 in Berlin.
Singt die heimische Nachtigall in Dialekten, gibt es regionale Unterschiede? Welche Brutstätten bevorzugt sie und welche Sehnsüchte verbinden Menschen mit dem Nachtigall-Gesang? Das Museum für Naturkunde Berlin (MfN) will diesen Fragen gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürger in der kommenden Nachtigallsaison zwischen Mai und Juli in dem Bürgerforschungs-Projekt „Forschungsfall Nachtigall“ nachgehen, die gewonnenen Daten wissenschaftlich bearbeiten und Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen geben.
Im Frühjahr präsentiert sich Berlin als Hauptstadt der Nachtigallen (Luscinia megarhynchos). Tausende dieser sangeskräftigen Vögel lassen sich in Gärten, Parks, Gleisanlagen und sogar an belebten Straßenkreuzungen vom Grunewald bis nach Pankow nieder. Ihr melodischer und vielseitiger Gesang, den die Männchen des Nachts erklingen lassen, um Weibchen zu betören und mit dem sie tagsüber ihr Revier verteidigen, begeistert jeden Frühling die aufmerksamen Zuhörerinnen und Zuhörer aufs Neue. Lieder, Bilder und Geschichten zeugen von der Faszination, die der Gesang der Nachtigallen seit Jahrtausenden auf die Menschen ausübt. Aber wie viel weiß die Wissenschaft tatsächlich über diese kleinen, wanderfreudigen Sänger?
Ab Ende April können Bürgerinnen und Bürger – insbesondere naturbegeistere Nachtschwärmer – mit der App „Naturblick“ des MfN akustische Aufnahmen des Nachtigall-Gesangs zusammentragen, die dann gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ausgewertet werden. Dies geschieht zunächst in Berlin und dann bundesweit. Der Gesang und die von der Art besiedelten Habitate werden mit naturwissenschaftlichen, d.h. bioakustischen und ökologischen Methoden erforscht. Damit sollen neue Erkenntnisse zur Variabilität des Gesanges und zur aktuellen Verbreitung der Art gewonnen werden.
Vielfältige kulturelle Events sind über das Jahr hinweg gemeinsam mit den Bürgerforscherinnen und Bürgerforschern geplant, um das Phänomen Nachtigallen und ihren Gesang im kulturwissenschaftlichen Rahmen zu beleuchten. Das Auftaktevent zum Projekt – die NachtiGala – wird am Abend des 4. Mai im Dinosauriersaal des Museums für Naturkunde Berlin stattfinden. Von Anfang Mai bis Mitte Juni wird es jeden Freitag und Samstag eine Mitternachts-Exkursion in einer Berliner Grünanlage mit dem Forschungsfall Nachtigall geben. Alle Details dazu finden sich unter: https://www.museumfuernaturkunde.berlin/de/museum/veranstaltungenDas Projekt wird im Rahmen des Förderbereichs Bürgerforschung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung für zwei Jahre gefördert. Es gehört zu 13 Projekten, die bis Ende 2019 die Zusammenarbeit von Bürgern und Wissenschaftlern inhaltlich und methodisch voranbringen und Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen geben sollen.
Weitere Informationen unter: https://www.bmbf.de/de/mitmachen-und-forschen-4503.html und http://www.buergerschaffenwissen.de/

11.04.2018, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Sind Gehirne fossiler Gliederfüßer doch ein Irrtum?
Kürzlich beschrieben Forscher Gehirne, Teile des Nerven- und Gefäßsystems sowie des Herzens in uralten fossilen Gliederfüßern aus China namens Fuxianhuia, verglichen diese mit Nerven- und Gefäßsystemen lebender Arthropoden und zogen Rückschlüsse zur Evolution der Gliederfüßergehirne. Eine Chinesisch–Deutsche Arbeitsgruppe unter Leitung von Jianni Liu vom Early Life Institute der Northwest University Xi’an /China sowie der FU Berlin und dem Museum für Naturkunde Berlin stellt diese Ergebnisse nun in Frage und erklärt die gehirn-und gefäßähnlichen Strukturen in Fuxianhuia als Reste von Biofilmen aus Mikroben, die sich infolge der Zersetzung der Organismen im Fossilisationsprozess bildeten.
Der Gliederfüßer Fuxianhuia protensa aus der ca. 500 Millionen Jahre alten UNESCO-geschützten Chengjiang Fossil-Lagerstätte Chinas ist eine inzwischen sehr bekannte Art, die Ziel vieler Studien war. Sie könnte so etwas wie eine ‚Schlüsselart‘ für unser Verständnis der Evolution der Arthropoden darstellen. Gut erhaltene Stücke zeigen nicht nur die Außenform des Tieres, sondern auch Innenstrukturen – von denen einige vor kurzem als Teile das Gehirns bzw. Nervensystems oder des Blutgefäßsystems interpretiert worden waren. Diese Beobachtungen erschienen etwas überraschend, weil es sich um filigrane und leicht zersetzbare Organsysteme handelt, die sonst nie im Fossilisationsprozess erhalten blieben. Aufgrund dieser Problematik hat ein internationales Forscherteam vom Early Life Institute in Xi’an, der Freien Universität Berlin und vom Museums für Naturkunde Berlin nun eine Detailstudie von mehreren hundert Resten von Fuxianuia protensa in verschieden Erhaltungszuständen vorgelegt. Die Ergebnisse wurde in der internationalen Fachzeitschrift Proceedings of the Royal Society B veröffentlicht.
Die Paläobiologinnen und -biologen Liu, Steiner, Dunlop und Shu fanden heraus, dass die Strukturen, die bislang als Gehirne mit einer sehr spezifischen und ausgeprägten Anatomie sowie als Reste des weiteren Nervensystems und des Blutgefäßsystems angesehen worden waren tatsächlich in 10 % aller untersuchten Fossilien vorhanden waren, allerdings mit einer außergewöhnlich großen Variabilität in Form und Größe. Das Team untersuchte alternative Möglichkeiten der Interpretation der gehirn- und gefäßähnlichen Fossilstrukturen. Wichtige Hinweise gaben Studien von Fossilisationsversuchen moderner Gliederfüßer, die die Reihenfolge und Dauer der Zersetzung von Organen nach dem Tode untersuchten. Diese Versuche zeigten, dass das Nervensystem und das Gefäßsystem (wie Gehirn und Herz) in modernen Gliedertieren zu den ersten Strukturen gehören, die innerhalb von wenigen Tagen schnell zersetzt werden. Stattdessen breiten sich Bakterien aus dem Darmtrakt schnell in dem gesamten Körper aus und bilden strukturierte, sogenannte ‚Biofilme‘, d.h. organische Schichten bestehend aus Bakterien und Schleimen. Diese zersetzen nach dem Darmgewebe alle inneren Organe und erzeugen Strukturen, die im Kopfbereich wie ein Gehirn und Nervensystem oder im Körper wie ein Blutgefäßsystem aussehen können. Liu et al. schlugen vor, das solche Biofilme eine bessere Erklärung für die Strukturen in Fuxianhuia darstellen, was auch bedeutet das echte Gehirne und andere weichkörperliche Organe in diesen Fossilen leider weiterhin unbekannt sind. In der weiteren Schlussfolgerung der Arbeit von Liu et al. kamen die Forscherinnen und Forscher zu der Schlussfolgerung, das eine Erhaltung von Nervensystemen und Blutgefäßen in Fossilien generell nur unter extremen Ausnahmebedingungen möglich ist und dass in Zukunft Forscher, die der Meinung sind so etwas in Fossilen gefunden zu haben, die Möglichkeiten von bakteriellen Artefakten des Versteinungsprozesses ausschließen müssen.
Liu, J., Steiner, M., Dunlop, J. A. & Shu, D. 2018. Microbial decay analysis challenges interpretation of putative organ systems in Cambrian fuxianhuiids. Proceedings of the Royal Society B.

12.04.2018, DEUTSCHE WILDTIER STIFTUNG
Zu Hause ist, wo es Futter gibt
Deutsche Wildtier Stiftung: Rebhühner werden jetzt gefüttert, um später Erfolg bei der Brut zu haben
Früher sagten die Bauern: „Erster Mai – erstes Ei!“ Pünktlich mit Beginn des Wonnemonats lagen bei „Familie Rebhuhn“ bis zu 20 Eier im Nest. Trotz der beachtlichen Anzahl an Eiern gab es in den letzten dreißig Jahren kaum Nachwuchs. Der Rebhuhn-Bestand in Deutschland hat seither um fast 95 Prozent abgenommen. „Nur in wenigen Regionen kann man heute noch Rebhühner in der Feldflur beobachten“, sagt Dr. Andreas Kinser von der Deutschen Wildtier Stiftung. Die intensive Landwirtschaft ist Hauptfaktor für den dramatischen Rückgang der Rebhühner: Sie finden kaum noch Verstecke vor ihren Feinden und für eine erfolgreiche Kükenaufzucht im Sommer fehlen vor allem die Insekten.
Im Winter ernähren sich Rebhühner dagegen fast ausschließlich von Blättern – am beliebtesten sind die frischen Spitzen von Raps und Wintergetreide. Trotzdem schätzen sie den Luxus von energiereicher Kost wie Pflanzensamen. Früher halfen ihnen Getreidekörner über den Winter, die nach der Ernte auf den Feldern liegen geblieben sind. Doch diese Stoppelfelder werden inzwischen schon im Herbst umgebrochen und stehen als Nahrungsquelle nicht mehr zur Verfügung. Unter der Leitung der Universität Göttingen wird niedersächsischen Rebhühner noch bis in den Mai regelmäßig ein Eimer Weizen pro Brutpaar zugefüttert. Die Maßnahme ist Teil eines europäischen Rebhuhn-Projektes (North Sea Region-Interreg Projekt PARTRIDGE), durch das in vier internationalen Regionen ein Teil der Feldflur im Sinne des Rebhuhns aufgewertet werden soll.
Der wichtigste Effekt der gezielten Fütterung der Rebhühner ist jedoch nicht die verbesserte Nahrungssituation: „Wir wollen erreichen, dass möglichst wenige Rebhühner nach dem Winter abwandern, sondern in unserem Projektgebiet bleiben“, sagt Biologe Dr. Eckhard Gottschalk von der Abteilung Naturschutzbiologie der Universität Göttingen. „Dort haben wir für die Rebhühner strukturreiche Blühstreifen angelegt und ihre Chancen für eine erfolgreiche Brut und Kükenaufzucht sind deutlich höher als in der umgebenden Landschaft“, so Gottschalk weiter. Diese freiwilligen Artenschutzleistungen werden den Landwirten mit einem finanziellen Ausgleich aus Projektmitteln honoriert. „Um auch jenseits der Projektgebiete das Rebhuhn zu erhalten, fordern wir mehr öffentliche Fördermittel für Landwirte, die Rücksicht auf Wildtiere wie Rebhühner nehmen“, erklärt Kinser. Die Rebhühner in den Untersuchungsgebieten der Uni Göttingen haben schnell gelernt, wo sie ihre Futtereimer finden. Als Dank für das Gratismahl hinterlassen die Hühnervögel noch ein Selfie in der Wildkamera, mit der alle Aktivitäten an den Futterstellen dokumentiert werden.
Das internationale Projekt PARTRIDGE soll demonstrieren, dass es möglich ist, die Biodiversität in der Agrarlandschaft um 30% zu erhöhen. Der Gradmesser für den Erfolg des Projektes ist die Entwicklung der Rebhuhnpopulation. In den untersuchten Landschaften werden dafür jeweils etwa sieben Prozent der Flächen im Sinne der Wildtiere aufgewertet.
Neben dem „Game and Wildlife Conservation Trust“ als Projektträger des Dach-Projektes und den Demonstrationsregionen in England und Schottland beteiligen sich Institutionen aus Belgien, den Niederlanden und Deutschland an dem Projekt. PARTRIDGE wird über das EU-Interreg Nordseeprogramm gefördert. In Deutschland wird die Abteilung Naturschutzbiologie der Georg-August-Universität Göttingen von der Deutschen Wildtier Stiftung und dem Deutschen Jagdverband unterstützt.

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